ICCT-Studie zu Spritverbrauch bei Neuwagen Deutlich durstiger als angegeben

Um satte 42 Prozent klaffen angegebener und tatsächlicher Kraftstoffverbauch bei Neuwagen im Schnitt auseinander. Das ist das Ergebnis einer Studie der Umweltorganisation ICCT.

Wie kann es sein, dass Autohersteller für ihre Neuwagen Verbrauchswerte angeben, die mit der Realität nichts zu tun haben?

Das liegt an dem Verfahren, mit dem die Hersteller den Verbrauch ihrer Autos ermitteln sollen. Dieses Verfahren ist zwar vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Es hat aber zwei ganz entscheidende Schwachstellen: Zum Einen ist es ein Verfahren auf dem Prüfstand und nicht im realen Straßenverkehr. Diese Laborbedingungen haben mit unserem Alltag allerdings oft wenig zu tun: Auf dem Prüfstand gibt es zum Beispiel keine Staus und damit auch kein spritfressendes, ständiges Abbremsen und Wiederanfahren.

Schwachstelle Nummer 2: Dieses Testverfahren ist zwar standardisiert, erlaubt aber gewisse Spielräume, zum Beispiel was den Reifendruck des Autos betrifft oder die Außentemperatur. Das nutzen viele Hersteller offenbar weidlich aus, so dass die Kluft zum realen Verbrauch immer größer wird.

Könnte man das Testverfahren künftig nicht realistischer gestalten?

Dichter morgendlicher Berufsverkehr am 21.10.2016 auf der Autobahn 8 (A8) bei Stuttgart (Baden-Württemberg) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Bei der Spritverbrauchsmessung der Autohersteller gibt es keinen morgendlichen Pendlerstau. picture-alliance / dpa -

Ja, und das passiert auch gerade. Seit diesem Jahr wird schrittweise ein neues Testverfahren in Europa eingeführt. Das ist aber in die aktuelle ICCT-Studie noch nicht eingeflossen. Aber die Experten erwarten, dass damit die Abweichungen zwischen Herstellerangaben und Alltagsbetrieb künftig deutlich sinken könnten.

Peter Mock, Managing Director des internationalen Umweltforscher-Verbundes International Council on Clean Transportation (ICCT) in Deutschland, spricht am 05.09.2016 in Berlin während eines Interviews (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Peter Mock vom ICCT in Deutschland prangert die zu niedrigen Verbrauchsangaben der Autohersteller an. picture-alliance / dpa -

Allerdings immer noch nicht so stark, wie man sich das als Autofahrer wünscht:

Denn ich will ja, bevor ich eine Kaufentscheidung für ein Auto treffe, möglichst genau wissen, wie viel es verbraucht. Das wird auch mit dem neuen Testverfahren nicht erreicht werden. Denn auch das ist wieder eine Messung auf dem Prüfstand und nicht unter realen Bedingungen. Auch hier wird es wohl wieder einige Schlupflöcher geben, die von den Herstellern genutzt werden könnten. Das heißt: Die Kluft zwischen Theorie und Alltag dürfte künftig zwar kleiner werden, aber sie wird weiterhin vorhanden sein.

Was müsste passieren, damit die Hersteller Verbrauchswerte angeben, die wirklich realistisch sind?

Die Abkürzung CO2 steht am 22.06.2016 an einer Informationsstation in der Fahrzeugausstellung im Rahmen der Hauptversammlung der Volkswagen AG (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Für immer mehr Kunden werden realistische Verbrauchs- und Abgaswerte der Autos wichtig. picture-alliance / dpa -

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Eine wäre zum Beispiel, Verbrauchstests wirklich unter realistischen Bedingungen wie im Straßenverkehr stattfinden zu lassen. Das gibt es mittlerweile schon für bestimmte Schadstoffe. Das könnte man genauso gut machen, um auch einen realistischen Sprit-Verbrauch zu ermitteln.

Oder Möglichkeit 2: Man schreibt regelmäßige Nachtests von Autos vor, und legt fest, wie stark der tatsächliche Verbrauch von den Herstellerangaben abweichen darf. Wenn man das mit einer Strafe verbinden würde, sobald die Nachtests zu große Abweichungen ergeben, dürfte das die Hersteller dazu bewegen, nicht von vornherein zu niedrige Werte anzugeben, die mit der Realität nichts zu tun haben.

In den USA gibt es dieses Verfahren bereits. Mit dem Ergebnis, dass die Studie dort deutlich geringere Abweichungen als in Europa zeigt.

Von Dominik Bartoschek, SWR-Umweltredaktion | Online: Lutz Heyser

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