Elektromobilität Volvos Strategie - und die deutschen Autobauer

Jetzt kommt Fahrt in die Elektromobilität: Volvo will ab 2019 alle Neufahrzeuge mit Elektromotoren ausstatten. Wie stark kommen dadurch die deutschen Hersteller unter Druck?

Volvo hat den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor angekündigt und setzt auf den E-Motor. Ab 2019 wollen die Schweden alle Neufahrzeuge mit Elektromotoren ausstatten. Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries begrüßt das, es sei ein "starkes Signal" an die deutschen Autobauer.

Fragen an Jan Seidel, SWR Wirtschaft und Soziales

Wie reagieren die deutschen Autobauer auf den Elektrovorstoß aus Schweden?

Ich schätze, die deutschen Autobauer schauen sich das sehr interessiert an und halten das für einen cleveren Schachzug von Volvo - denn das klingt ja wirklich toll. Aber - es ist bisher nur eine Ankündigung. Und wenn man ein bisschen weiter liest, wird die Sache etwas klarer: Volvo will ab 2019 in jedes Auto einen Hybrid-Antrieb einbauen - Verbrennungsmotoren wird es aber durchaus auch noch geben. Volvo ist bisher auch noch nicht als Pionier auf dem Gebiet der Elektromobilität in Erscheinung getreten.

Die deutschen Autobauer sind bisher eher zurückhaltend, wenn es um Elektro-Autos geht. Das wird ihnen oft vorgeworfen. Ich will sie aber etwas in Schutz nehmen, denn es gibt bisher auch noch keine große Nachfrage nach diesen Autos. Die Zulassungszahlen sind unterdurchschnittlich: Bei 1,8 Millionen zugelassenen Autos im ersten Halbjahr sind es gerade mal 60.000 Elektro- und Hybrid-Modelle. Und die E-Auto-Prämie der Bundesregierung läuft eher schleppend, freundlich formuliert.

Die deutschen Firmen haben bereits alle rein elektrische Autos im Angebot - und sie bauen dieses Angebot auch weiter aus: BMW hat vor kurzem einen rein elektrischen Dreier angekündigt. Der soll dem Platzhirsch Tesla Konkurrenz machen. Auch Daimler, VW und Audi haben neue Modelle angekündigt. Und Daimler hat gerade begonnen, ein eigenes Batteriewerk in China zu bauen. Es passiert also durchaus etwas.

Die Kauffreude der deutschen Autofahrer ist noch zurückhaltend. Das liegt am Preis für E-Autos und an der begrenzten Reichweite von 300 Kilometern. Da muss man oft Pause machen etwa auf dem Weg nach Italien?

Mit eigenen Batteriesystemen will Daimler die Produktion von E-Autos beschleunigen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Mit eigenen Batteriesystemen will Daimler die Produktion seiner E-Autos beschleunigen picture-alliance / dpa -

Wir haben eine ganze Reihe von Problemen, die aber eher an der Politik liegen als an den Autoherstellern. Wer ein Elektroauto für den Alltag möchte, hat ein enormes Problem, wenn er in der Stadt wohnt - weil er in den meisten Fällen keine Ladesäule in der Nähe seiner Wohnung hat. Das ist gerade bei Mehrfamilienhäusern ein Problem.

Wer mit seinem Elektroauto auch noch in den Urlaub fahren will, muss längere Pausen einkalkulieren - im Moment alle 300 bis 400 Kilometer - dann 90 Minuten laden: Das macht einfach keinen Spaß. Wir reden hier von freien Ladesäulen, weil es im Moment noch sehr wenig Elektroautos gibt. Wenn die Zahl einmal zunimmt, muss ich möglicherweise noch Wartezeiten einkalkulieren. Hier muss dringend die Infrastruktur ausgebaut werden.

Wie sieht die Zukunft aus? Kommen stärkere Batterien? Kaufen wir statt eines Fahrzeugs Mobilität oder können vielleicht einen Benziner nutzen für die Fahrt in den Urlaub?

Die Entwicklung bei den Batterien ist schon relativ beeindruckend: Mehr Leistung, also auch mehr Reichweite - und gleichzeitig stark sinkende Preise. Dass wir aber in absehbarer Zeit ein Auto mit einer Reichweite von 1.000 Kilometern oder mehr sehen, glaube ich nicht. Bis dahin können die Autoanbieter nur auf integrierte Lösungen setzen. Zum Beispiel: Ich kaufe ein Elektroauto für den Alltag - und bekomme damit auch das Recht, mir bei dem Hersteller ein normales Auto für längere Strecken, für den Urlaub, zu buchen.

Das sind dann komplette Mobilitätskonzepte - das ist das große Zauberwort für die Zukunft. Das gilt zum Beispiel auch für Car-Sharing in größeren Städten.

Die Volvo-Strategie: Ein "starkes Signal" oder nur ein Marketing-Coop?

Standpunkt von Jan Seidel, SWR Wirtschaft und Soziales

Es hat nicht lange gedauert, dann hat sich die Politik mit Macht zu Wort gemeldet: Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries sieht ein "starkes Signal" und fordert die deutschen Hersteller zum Handeln auf. Das macht man immer gerne, das klingt kernig - und das zeigt, dass man den Konflikt nicht scheut. Grünen-Fraktions-Chef Anton Hofreiter sieht sogar einen Weckruf für die deutsche Auto-Industrie: Wenn sie eine Zukunft haben will, dann muss sie Volvo folgen - und nicht an veralteten Geschäftsmodellen festhalten, sagt Hofreiter.

Nur kurz zum Verständnis: Volvo-Chef Hakan Samuelsson hat angekündigt(!), dass er ab 2019 kein Auto mehr ohne mindestens einen Hybrid-Antrieb verkaufen will. Wenn man mehr liest als nur die Überschrift, wird auch klar: Da werden noch Verbrennungsmotoren drin sein, in den neuen Volvos. Und wenn wir noch ein bisschen nachdenken, stellen wir fest: Bisher hat Volvo kein einziges reines Elektro-Auto im Angebot - im Gegensatz zu Daimler, BMW und Volkswagen. Bisher ist das nur eine sehr gelungene Marketing-Veranstaltung, auf die immerhin eine Wirtschaftsministerin und ein Grünen-Fraktionschef reingefallen sind. Oder zumindest mal wieder reflexhaft reagieren mussten.

Vielleicht wäre es sinnvoller, die Politik spart sich den pampigen erhobenen Zeigefinger und macht stattdessen was Konstruktives? Zum Beispiel eine Ladeinfrastruktur in unseren Städten planen, damit die Leute ihre E-Autos irgendwann mal ohne größere Umstände laden können? Das wäre doch mal eine schöne Aufgabe für das Wirtschafts- und das Verkehrsministerium. Da könnte sich auch Anton Hofreiter mit seiner unbestrittenen Expertise gleich viel besser einbringen. Einfach mal die geistigen Akkus aufladen, Energie tanken, nachdenken - und dann erst loslegen.

Online: Heidi Keller

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