EU-Austritt Großbritanniens Wirtschaft im Südwesten fürchtet harten Brexit

Wirtschaftsvertreter aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz warnen vor den Folgen eines ungeordneten Brexits. Er würde den Unternehmen massiv schaden und viele Arbeitsplätze kosten.

EuropaFlagge und Union-Jack (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Droht eine Trennung unter Schmerzen zwischen Großbritannien und EU? Thinkstock -

Für die Unternehmen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ist es eine schlechte Nachricht, dass die britischen Abgeordneten das Austrittsabkommen mit der EU abgelehnt haben. Wirtschaftsvertreter warnen, damit sei ein ungeordneter Brexit wahrscheinlicher geworden - und der schade den Firmen hierzulande. Diese müssten sich auf Zölle und Zollbürokratie einstellen, heißt es beim baden-württembergischen Arbeitgeberverband.

Großbritannien wichtiger Wirtschaftspartner für Südwesten

Die Unsicherheit halte nach der Parlaments-Entscheidung weiter an, kritisiert die Landesvereinigung der Unternehmerverbände in Rheinland-Pfalz. Die Ablehnung des Brexit-Abkommens sei katastrophal für Europa, Deutschland und vor allem für Großbritannien. Für Rheinland-Pfalz ist Großbritannien der viertwichtigste Exportmarkt, für Baden-Württemberg der sechstwichtigste.

Die Entscheidung des britischen Parlaments sei ein harter Schlag auch für die Wirtschaft hierzulande, sagte die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut. Der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Volker Wissing warnt vor einer weiteren Spaltung zwischen EU und Großbritannien: "Die enge Verbindung zwischen Menschen und Unternehmen aus dem Vereinigten Königreich und den Staaten der EU sollte erhalten bleiben." Negative Auswirkungen auf die Menschen und den freien Handel sollten auf ein Mindestmaß reduziert werden.

Auswirkungen auf Lieferketten, Konjunktur und Konsum

Großbritannien ist ein wichtiger Handelspartner (Quelle: Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen) (Foto: SWR, SWR -)
Großbritannien ist ein wichtiger Handelspartner (Quelle: Statistisches Bundesamt, SWR) SWR -

Peer-Michael Dick, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeber in Baden-Württemberg, befürchtet, ein ungeordneter Brexit Zölle und Zollbürokratie könnten sorgfältig abgestimmte Lieferketten zerstören. Für die exportorientierte Wirtschaft hierzulande bedeute das eine hohe Belastung, meint auch der Präsident des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertages Wolfgang Grenke. Der Handelsverband warnt, die Unwägbarkeiten des Brexit könnten die deutsche Konjunktur bremsen. Das wiederum könnte auch Auswirkungen auf den Konsum haben. Etwa 2.000 Unternehmen aus Baden-Württemberg machen aktuell Geschäfte mit Firmen auf der Insel. Sie hängen derzeit in der Luft, wissen nicht, wie es weitergeht. Bisher haben viele offenbar gehofft, dass der ungeregelte Austritt noch abgewendet werden kann.

Der Präsident der rheinland-pfälzischen Unternehmerverbände Gerhard Braun spricht von einer katastrophalen Entscheidung und appelliert an alle Beteiligten, einen ungeordneten Austritt zu verhindern. Auch die Industrie- und Handelskammern in Rheinland-Pfalz zeigen sich besorgt, ein Sprecher spricht von drastischen Änderungen für deutsche Unternehmen, falls wieder gegenseitige Zölle eingeführt werden müssten. Das Chemieunternehmen BASF aus Ludwigshafen hofft darauf, dass Großbritannien trotzdem weiter eng an die EU gebunden bleibt, um einen reibungslosen Handel zu garantieren. Seine Lagerkapazitäten erhöht hat das Pharmaunternehmen Böhringer Ingelheim, um auch im Falle eines ungeordneten Austritts weiter Medikamente ausliefern zu können.

Folgen eines Austritts Großbritanniens ohne Abkommen für die Wirtschaft

Die Unternehmen würde die Vorbereitung auf einen harten Brexit der Briten aus der EU teuer zu stehen kommen. Denn von heute auf morgen würde es wieder Grenzkontrollen geben, Zölle und damit auch Zollformalitäten. Die zusätzliche Bürokratie könnte die Lieferketten stören: Das würden vor allem die Autobauer zu spüren bekommen. Sie arbeiten nahezu ohne Lagerhaltung und sind deshalb auf reibungslosen Warenverkehr angewiesen. Laut Branchenverband ACEA fahren täglich über 10.000 Lastwagen aus der EU nach Großbritannien, um Teile für diese Just-in-Time-Produktion zu liefern.

Stundenlange Zollkontrollen und Staus könnten das alles verzögern: Im Moment dauert die Abfertigung eines Lkws zwei Minuten. Braucht sie nur zwei Minuten länger - und das ist wahrscheinlich - könnte das schon Staus von fast 30 Kilometern Länge verursachen. Genau das ist für die Lieferketten der Unternehmen dann ein Drama. BMW hat deshalb schon angekündigt: Nach dem Brexit werden die Fabriken auf der Insel für vier Wochen dichtmachen. So will der Autobauer Engpässe bei den Zulieferern verhindern. Ähnliche Pläne haben laut IHK auch einige Firmen hier.

Klar ist nach der Abstimmung in Großbritannien auf jeden Fall: Die Unternehmen müssen schleunigst Notfallpläne aufsetzen, damit es beim Brexit Ende März nicht zum totalen Chaos kommt.

Viele Arbeitsplätze bei ungeregeltem Brexit in Gefahr

Auch Vertreter vieler bundesweiter Wirtschaftsverbände warnen vor katastrophalen Folgen eines ungeregelten Austritts. Der Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie (VDI) Joachim Lang hält eine Rezession der britischen Wirtschaft für möglich. Die würde auch an Deutschland nicht unbemerkt vorüberziehen. Seiner Meinung nach sind hunderttausende Arbeitsplätze in Deutschland und vor allem in Großbritannien gefährdet. Auch Ifo-Präsident Clemens Fuest fordert, dass die Verhandlungen wieder aufgenommen werden müssen - ein harter Brexit mit hohen Kosten müsse verhindert werden.

Etwas entspannter sieht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Situation nach der Abstimmung: Zwar werde die deutsche Wirtschaft durch einen harten Brexit getroffen, aber nicht übermäßig hart und nicht dauerhaft. Deutsche Unternehmen hätten immer wieder gezeigt, dass sie flexibel und schnell auf Schocks reagieren könnten, so DIW-Chef Marcel Fratzscher.

Von Geli Hensolt und Lena Stadler, SWR Aktuelle Wirtschaft

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