Cannabis-Anbau in Deutschland startet Der Staat könnte mit Hanf viel Geld verdienen

Auch in Deutschland gibt es Stimmen, die fordern, den Hanf-Verkauf zu liberalisieren und staatlich zu regeln. Bis November läuft die Bewerbungsfrist für Lizenzen zum medizinischen Cannabis-Anbau.

Ein Mann in Handschellen daneben eine Cannabis Pflanze (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Cannabis-Konsum führe unnötigerweise zu Kriminalisierung, kritisieren Professoren des Strafrechts. Thinkstock -

Seit eineinhalb Jahren darf Cannabis in Deutschland für medizinische Zwecke verschrieben werden. Noch bis Anfang November können sich jetzt deutsche Unternehmen für den Anbau von Hanf für die medizinische Nutzung bewerben. Es geht um viel Geld.

SWR-Umweltredakteurin Susanne Henn im Gespräch mit dem emeritierten Strafrechts-Professor Lorenz Böllinger

Herr Professor Böllinger, Sie treten seit Jahren vehement für eine Liberalisierung von Cannabis ein. Brauchen wir denn noch mehr legale Drogen?

Strafrechtsprofessor Lorenz Böllinger (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Strafrechtsprofessor Lorenz Böllinger picture-alliance / dpa -

Ich trete dafür ein als einer von vielen Strafrechtsprofessoren, die das Drogenstrafrecht aus der Perspektive des Strafrechts kritisieren, weil dieses Verbot seit über vierzig Jahren - seit es in Kraft ist - kein bisschen von der Wirkung erzielt hat, die es erzielen sollte, den Drogenkonsum zu mindern. Im Gegenteil: Seither hat der Konsum sich enorm ausgeweitet. Die Droge ist praktisch frei erhältlich auf dem Schwarzmarkt. Es ist nicht zu kontrollieren.

Was wäre der Vorteil, wenn man Cannabis legalisiert?

Die Kriminalisierung bindet Polizeikräfte, sie erzeugt kriminelle Karrieren. Also die Kriminalisierung hat eben keine positiven Wirkungen. Das Angebot hat sich seit fünfzig Jahren immer mehr ausgeweitet. Aber die Kehrseite davon ist, dass die Kriminalisierung selber erhebliche Schäden verursacht. Sie verursacht den Schwarzmarkt und damit die hohen Preise und die Unkalkulierbarkeit der Droge. Und sie verursacht, dass viele Menschen durch die Kriminalisierung stigmatisiert werden, dass sie einen Eintrag im Strafregister haben oder zumindest bei der Polizei registriert sind.

Stichwort Kriminalisierung: In vielen Bundesländern bleibt der Besitz geringer Mengen zum Eigenkonsum bereits straffrei. Reicht das nicht?

Jugendlicher reicht einer Gleichaltrigen einen Joint. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz Thinkstock -

Die Straffreiheit ist schön und gut, aber das bringt nichts, weil die Stigmatisierung trotzdem eintritt - durch eine polizeiliche Registrierung und gegebenenfalls auch gerichtliche Entscheidung. Diese Stigmatisierung bewirkt, dass eben insbesondere jungen Menschen im weiteren Leben erhebliche Probleme haben, die völlig unverhältnismäßig sind im Hinblick auf die Gefahr, die vom Konsum ausgegangen ist. Sie können den Arbeitsplatz verlieren, sie können den Führerschein verlieren, und so weiter.

Wie stellen Sie sich das vor, wenn das legalisiert wäre? Jeder kann in den Laden gehen und straffrei Cannabis zum Eigenkonsum kaufen oder die Droge sogar selbst anbauen?

Das ist ein großes Missverständnis. Es geht nicht um Legalisierung im Sinne eines Supermarkt-Modells, sondern es geht um Regulierung. Zum Beispiel in ungefähr neun Staaten der USA ist Cannabis reguliert. In Kanada ist es auch legal. Sie haben sehr gute Modelle, nach denen der Konsum nicht willkürlich ausufern kann, sondern begrenzt bleibt auf bestimmte Mengen und für bestimmte Abnehmer - also insbesondere nicht für Jugendliche.

Cannabispflanzen in Polizeiauto (Foto: Polizei -)
Mehr Polizeikräfte für schwere Delikte. Polizei -

Die Ergebnisse, die in der Forschung inzwischen vorliegen, zeigen, dass diese Regulierungsmodelle ein voller Erfolg sind. Die Kriminalität hat allgemein abgenommen, auch im Umfeld von irgendwelchen Schwarzmarkt-Gebieten. Die Polizei hat mehr Zeit, sich auf richtige Kriminalität zu konzentrieren.

Die Substanz ist in ihrer Zusammensetzung, die bei Cannabis inzwischen sehr differenziell sein kann, viel besser überschaubar. Die Leute wissen, was sie kriegen. Sie kriegen sozusagen einen Beipackzettel, wenn sie etwas kaufen - was hier bei uns eben unmöglich ist. Man weiß nicht, welche Intensität der Wirkstoff hat, den man bekommt. Auch das ist ein großer Vorteil der Regulierung.

Sie sagen, die Polizei könne sich auf die Bekämpfung schwerer Verbrechen konzentrieren, es würde jede Menge Personal freigesetzt. Welche Vorteile hätte der Staat noch von einer Liberalisierung?

Euro Geldregen über dem deutschen Bundestag (Foto: picture-alliance / dpa /thinkstock - Montage. swr.de)
Experten sprechen von erheblichen Steuereinnahmen für den Staat. picture-alliance / dpa /thinkstock - Montage. swr.de

Also ein ganz entscheidender Vorteil sind die Steuereinnahmen. Das hat bereits in den USA ganz erheblich zu Buche geschlagen - bei uns wäre das wahrscheinlich in Milliardenhöhe, dass der Staat Steuern einnehmen würde. Die Steuern könnten durch eine gesetzliche Regelung spezifisch gewidmet werden, zum Beispiel für die Probleme, die es dann weiterhin geben wird - nämlich Abhängigkeit. Es gibt Jugendliche, die durch exzessiven Konsum abhängig werden.

Dazu muss man sich vergegenwärtigen, das sind typische Verhaltensweisen, die in aller Regel abnehmen, wenn die Jugendlichen heranwachsen. Insofern ist das kein dauerhaftes Problem. Man muss dann eingreifen, wenn es relevant ist - wenn die Jugendlichen eben Probleme haben. Die Legalisierung würde Beratungsstellen helfen, viel unbefangener und sachgerechter zu informieren. Auch in Schulen könnte sachgerechter informiert werden.

Online: Heidi Keller

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