Allergisch gegen Wespen- und Bienenstiche Allergie-Notfall-Sets in Apotheken sind aus

Herzrasen, Schweißausbrüche, Ausschlag - und im schlimmsten Fall schwellen die Atemwege zu. Allergiker sollten bei Insektenstichen ein Notfall-Set bei sich haben. Wir erklären Plan B.

Ein Antiallergikum wird durch eine Spritze in den Oberschenkel gespritzt. (Foto: © Colourbox.com - GettyImages)
Für den Notfall - einen Insektenstich - brauchen Allergiker einen Adrenalin-Pen, auch Fastjekt genannt, den sie sich selbst in den Oberschenkel spritzen können. © Colourbox.com - GettyImages

Ein Wespenstich - tut weh, ist aber sonst nicht weiter schlimm. Es sei denn, man reagiert auf Wespen- oder Bienenstiche allergisch. Und das ist bei geschätzt rund drei Millionen Deutschen der Fall. Gegen die zum Teil lebensbedrohlichen Allergie-Symptome sollten Betroffene unbedingt Allergie-Notfall-Medikamente bei sich tragen. Das Problem: Sie sind momentan in keiner Apotheke zu kriegen.

Deutschland- und europaweit Lieferengpass für Allergie-Sets

Fünf bis sechs Mal am Tag wird Apotheker Matthias Burgert aus Karlsruhe momentan nach einem Wespen-Notfall-Set gefragt. So einen Run habe er noch nie erlebt, sagt er. Und jedes Mal muss er passen: "Auch bei uns in Karlsruhe siehts so aus wie überall: Leider - aufgrund der starken Nachfrage und der Wespenplage - sind die lieferfähigen Fastjekt, das ist dieses Produkt für Schock- und Notfallreaktionen, vergriffen."

Mittel gegen Insektenstiche (Foto: SWR, SWR -)
Allergiker können derzeit keine Notfallsets bekommen. SWR -

Zu einem Notfall-Set für Allergiker gehören in der Regel drei Bestandteile: ein Anti-Allergikum, ein Kortison-Medikament und - das wohl entscheidendste Präparat - eine Adrenalin-Spritze, die sich Betroffene in den Oberschenkel rammen. Sie wirkt binnen Sekunden - vor allem bei Atemnot - Leben rettend.

Doch genau diese Spritze, auch "Pen" oder "Jekt" genannt, ist nun schon seit Wochen in fast keiner Apotheke mehr zu kriegen. Nicht nur deutschland-, sondern sogar europaweit, erklärt Frank Eickmann von Landesapotheker-Verband Baden-Württemberg: "Die Sets sind derzeit tatsächlich sehr schwer bis nicht lieferbar. Die Apotheken bekommen nur Einzelmengen und das häufig mit vielen Tagen Verzögerung. Die Hersteller begründen das mit Produktionsengpässen und Produktionsproblemen."

Wespensommer - und ein Pharmaunternehmen riet zu zwei Spritzen

Durch das Wespenjahr sind in den Apotheken die Allergie-Notfallsets ausverkauft. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Durch das Wespenjahr sind in den Apotheken die Allergie-Notfallsets ausverkauft. picture-alliance / dpa -

Nur drei Pharmaunternehmen produzieren die Adrenalin-Spritze für Allergiker: Einer der beiden Marktführer ist Pfizer. Er erklärt auf SWR-Nachfrage, es habe Probleme bei Zulieferern gegeben, außerdem sei die Produktion umgestellt worden. Dazu kam dann die hohe Nachfrage - und daran ist nicht nur der Wespensommer schuld.

Sondern womöglich auch eine Warnung des anderen großen Herstellers, Bausch und Lomb, besser zwei Spritzen bei sich zu tragen, weil eine möglicherweise nicht vollständig auslösen könnte. Das zusammen hat zu den Lieferengpässen geführt - eine bedrohliche Situation für Betroffene.

Das ist zu tun, wenn kein Adrenalin-Pen greifbar ist

Was also tun, wenn kein Notfall-Präparat zur Verfügung steht? Apotheker Matthias Burgert rät: "Dann nimmt man eben ein antihistaminisches Gel, Fenistil oder ähnliches, und kühlen, kühlen. Wenn man irgendwo ist, auf jeden Fall Eis drauf machen."

In manchen Fällen reicht das aber allein nicht aus: Eine Apothekerin aus dem Raum Freiburg berichtet uns, vor einigen Tagen sei eine Frau mit allergischem Schock nach einem Wespenstich zu ihr in die Apotheke gerannt. Weil kein Adrenalin-Pen verfügbar war, musste der Rettungshubschrauber kommen.

Auch abgelaufene Adrenalin-Spritzen können noch helfen

Das Medikament Fastjekt, fotografiert in Frankfurt am Main (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Eine abgelaufene Notfall-Spritze ist besser als gar keine. picture-alliance / dpa -

Es gibt aber noch ein anderes Problem: Viele Allergiker haben zwar ein Notfall-Set zu Hause, die Medikamente sind aber inzwischen abgelaufen.

Marina Oppermann vom Deutschen Allergie- und Asthma-Bund rät: "Sollte tatsächlich kein neuer Adrenalin-Pen zur Verfügung stehen, sollte man im Notfall auf jeden Fall den alten verwenden. Denn das Adrenalin wird nicht schlecht, es verliert nur an Wirkungskraft, aber nicht von heute auf morgen. Das heißt: Lieber einen abgelaufenen Adrenalin-Pen anwenden als gar keinen."

Wann die Lieferengpässe bei den Allergie-Präparaten behoben sein werden, können die Hersteller auf SWR-Anfrage nicht genau sagen. Lediglich von "September" ist die Rede. Das heißt bis dahin: Von Wespen besser Abstand halten.

Von Sina Rosenkranz, SWR Aktuelle Wirtschaft | Online: Heidi Keller

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