Abschiebe-Debatte Wie Unternehmer für Flüchtlinge kämpfen

Mehr als 100 Unternehmen aus Baden-Württemberg haben sich mittlerweile der Initiative "Bleiberecht für Geflüchtete in Arbeit" angeschlossen, die den Druck auf die Politik erhöht.

Asyldebatte: Bleiberecht für Geflüchtete in Arbeit (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Asyldebatte: Bleiberecht für Geflüchtete in Arbeit picture-alliance / dpa -

Tony hat es geschafft: Der 28-Jährige hat die Prüfung bestanden, er hat seine Ausbildung zum Friseur erfolgreich abgeschlossen. Aber Grund zum Feiern hat der junge Mann aus Nigeria nicht. Im Gegenteil: Sein Asylantrag wurde abgelehnt und in ein paar Wochen erlischt sein Bleiberecht. Und wie es dann weitergeht, weiß im Moment niemand.

Dabei hat Tony eigentlich alles richtig gemacht, sagt seine Chefin Jutta Brändle. Sie hat Tony in ihrem Friseursalon in Winnenden im Rems-Murr-Kreis ausgebildet. Dass nicht sicher ist, ob sie ihren Mitarbeiter behalten kann, macht sie wütend.

Flüchtlinge gegen Fachkräftemangel

Flüchtling arbeitet bei Vaude in Tettnang (Foto: SWR, SWR -)
In Zeiten des Fachkräftemangels sind Unternehmer froh um Geflüchtete. SWR -

Die Wirtschaft in Deutschland klagt über Fachkräftemangel und zu wenige Azubis. Flüchtlinge könnten diese Lücke schließen - und tun es auch bereits in vielen Unternehmen. Fast 300.000 Menschen aus den acht maßgeblichen Asylherkunftsländern haben mittlerweile Arbeit, allein in Baden-Württemberg machen über 2.000 gerade eine Ausbildung. Doch vielen von ihnen droht die Abschiebung.

Trotz großer Proteste von Unternehmern im vergangenen Jahr werden noch immer viele Geflüchtete aus Deutschland abgeschoben, die hier eine Ausbildung machen oder voll arbeiten.

Initiative "Bleiberecht für Geflüchtete in Arbeit"

Die Unternehmen wollen das nicht hinnehmen. Sie fordern: Geflüchtete mit Job oder Ausbildung sollen ein Bleiberecht bekommen. Über 110 Unternehmer - darunter der Schraubenhersteller Würth, der Energieversorger EnBW und kleine Betriebe wie der von Jutta Brändle - haben sich deshalb zu der Initiative "Bleiberecht für Geflüchtete in Arbeit" zusammengeschlossen, um das zu ändern.

Antje von Dewitz, Geschäftsführerin von Vaude (Foto: SWR, SWR -)
Antje von Dewitz, Geschäftsführerin von Vaude SWR -

Darunter auch die Unternehmerin Antje von Dewitz, Chefin des Outdoor-Ausstatters Vaude aus Tettnang. Zwölf Flüchtlinge sind hier mittlerweile beschäftigt.

Von Dewitz fasst die Forderung der Betriebe zusammen: "Was wir brauchen in Deutschland, ist ein Einwanderungsgesetz, was es Menschen ermöglicht, hier auch zu bleiben, wenn sie einen festen Arbeitsplatz haben. Unternehmen stehen einer großen Unsicherheit gegenüber und natürlich genauso die geflüchteten Mitarbeiter. Das ist eigentlich eine ziemlich untragbare Situation - nicht nur aus menschlicher, sondern auch aus unternehmerischer Sicht."

"Keine klaren Konzepte" in der Politik

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl picture-alliance / dpa -

Einmal schon haben sich die Firmenchefs mit dem baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl getroffen, im November soll es ein weiteres Treffen geben. Bisher aber habe sich kaum etwas getan, kritisiert die Friseurin Jutta Brändle, die ebenfalls in der Initiaive ist: "Ich prangere an, dass bei der Politik gar keine klaren Konzepte, keine klaren Regeln vorhanden sind."

Das Problem kennen Betriebe überall in Deutschland, sagt Marlene Thiele vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag, der seit 2016 mehr als 2.000 Firmen bei der Integration von Flüchtlingen unterstützt: "Ein ganz großes Thema ist die Frage nach einer Planungssicherheit, einer Bleibeperspektive der Geflüchteten, die noch keinen positiven Asylbescheid haben. Da stellen sich die Betriebe natürlich die Frage: Wie lange können die bleiben? Wie lange können wir sicher miteinander arbeiten? Und gerade bei denen, die in Ausbildung gehen, da investieren ja beide Seiten in die Zukunft und da geht's ja darum, dass eine langfristige Zusammenarbeit geschaffen wird."

Wirtschaftlicher Schaden durch Abschiebungen

Outdoor-Ausrüster Vaude aus Tettnang (Foto: SWR, SWR -)
Unternehmer, die in Geflüchtete investieren, fürchten bei Abschiebung Produktionsausfälle. SWR -

Denn nur dann lohnt es sich finanziell für die Firmen, Flüchtlinge einzulernen oder auszubilden. Vaude, zum Beispiel, hat über 30.000 Euro investiert - in Deutschkurse, aber auch dafür, den Flüchtlingen bei der Wohnungssuche zu helfen oder Behördengänge zu erledigen. Dazu kommen nochmal über 30.000 Euro vom Jobcenter und der Arbeitsagentur.

Derzeit droht sieben Mitarbeitern die Abschiebung. Kommt es tatsächlich so, dann war aber nicht nur der finanzielle Aufwand teilweise umsonst. Das Unternehmen rechnet dann außerdem mit Produktionsausfällen, die mindestens 250.000 Euro Umsatz kosten würden. Doch Antje von Dewitz ist optimistisch, dass der Druck der Firmen etwas verändern wird.

Das hofft auch Jutta Brändle, die Friseurmeisterin aus Winnenden. Sie will Tony - jetzt, nachdem er die Prüfung bestanden hat - als Mitarbeiter in ihrem Salon behalten: "Ich gebe ihn nicht wieder her. Ich habe gesagt: Tony bleibt hier, fertig!"

Geli Hensolt, SWR Wirtschaftsredaktion | Online: Moritz Hartnagel

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