40 Jahre Künstliche Befruchtung Das Geschäft mit dem Kinderwunsch

Vor 40 Jahren wurde das erste Baby im Labor gezeugt. Heute suchen Kinderlose in über 130 Kinderwunschzentren Rat. Sind die zulässigen Wege der Medizin in Deutschland erfolglos, heißt der Ausweg: Tschechien.

Wenn es nicht klappt mit dem Kinder kriegen, sind viele Paare der Verzweiflung nahe. Denn Kinder sind oft Teil der Lebensplanung, oder der Vorstellung, was zu einer vollständigen Familie gehört. Ein Ausweg kann eine Kinderwunschbehandlung sein. Eine ärztliche Behandlung, die hilft, doch noch schwanger zu werden.

Aber gerade beim ersten Besuch, dem Beratungsgespräch, sind viele alles andere als gelassen, sagt der Chef der Kinderwunschpraxis Tübingen, Dr. Ulrich Göhring. "Bei vielen Paaren ist es so, dass sie erst mal Angst haben, weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt. Da ist es wichtig, dass man sich kennenlernt, dass man die Möglichkeiten darstellt. Bei vielen ist der Wille da, sehr schnell mit einer Therapie zu starten."

Thema der ersten Beratung: Vorbefund und Alter

Das erste Retortenbaby Louise Joy Brown kurz nach ihrer Geburt im Juli 1978 (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - John Stillwell)
Das erste Retortenbaby Louise Joy Brown kurz nach ihrer Geburt im Juli 1978 picture-alliance / dpa - John Stillwell

Denn die meisten versuchen schon eine Weile - mehr oder weniger verzweifelt - schwanger zu werden. So wie Julia aus Stuttgart, die 2011 geheiratet hat, und danach am liebsten sofort schwanger geworden wäre. Dann passierte aber - einfach nichts. Zwei Jahre später starteten sie die Kinderwunschbehandlung - mit gemischten Gefühlen: "Wir wussten am Anfang auch nicht genau, was auf uns zukommt. Dann haben wir uns einfach alles erklären lassen. Wir haben gesagt, wir probieren das mal und schauen, was passiert."

Im ersten Beratungsgespräch schaut Ulrich Göhring sich genau den Vorbefund an, aber auch das Alter, und was das Paar schon an Versuchen unternommen hat. Dann schlägt er eine Therapie vor: "Die meisten Therapien sind Zyklusüberwachungen und Hormonstimulationen - wenn Eizellreifungsstörungen bei den Frauen vorliegen. In zweiter Linie kommen dann die Inseminationsbehandlungen. Wenn eine Spermiogramm-Einschränkung beim Mann vorliegt, kann man die beweglichen Spermien abtrennen und bringt die einfach mit einem kleinen Katheder zum Zeitpunkt des Eisprungs in die Gebärmutter ein. Die dritte Gruppe sind die künstlichen Befruchtungen. Die meisten Menschen denken, dass in Kinderwunschpraxen fast nur künstliche Befruchtungen durchgeführt werden. Aber das ist gar nicht die häufigste Therapie."

Stress und Frust über viele Zyklen

Julia und ihr Mann haben ein Jahr lang die Kinderwunschbehandlung gemacht, unter anderem wurden der heute 39-Jährigen drei Mal befruchtete Eizellen eingesetzt. Eine belastende Zeit, erinnert sie sich. Aber dann kam der erlösende Anruf: "Herzlichen Glückwunsch, dieses Mal hat es geklappt." Ihr Sohn Nico ist jetzt 3,5 Jahre alt.

Die Chancen, mit der Kinderwunschbehandlung Erfolg zu haben, hängen für Ulrich Göhring ganz klar mit dem Alter zusammen: "Je jünger die Frau ist, umso besser sind die Schwangerschaftsraten. Wir haben in den letzten zehn Jahren einen deutlichen Trend, dass die Frauen immer länger warten bis sie ihren Kinderwunsch realisieren. Mit 35 Jahren nimmt die natürliche Schwangerschaftsrate langsam ab. Das können wir therapeutisch nicht auffangen."

Schwangerschaftsrate bei 20 Prozent

Sujetbild: künstliche Befruchtung (Foto: Getty Images, Thinkstock - Kombo: SWR.de)
Reproduktionsmedizin als Geschäftszweig. Thinkstock - Kombo: SWR.de

Bei vielen Paaren, die zur Behandlung kommen, sind seiner Erfahrung nach die Erwartungen sehr hoch: "Die durchschnittliche Schwangerschaftsrate liegt bei 20, 25 Prozent, wenn alles optimal ist. Viele Paare denken, sie machen eine Therapie und dann klappt das gleich. Bei den künstlichen Befruchtungen haben wir eine höhere Schwangerschaftsrate. Bei den einfachen Therapien muss man allerdings darauf hinweisen, dass man einige Zyklen dafür braucht."

Der kleine Nico hat seine Eltern den ganzen Stress vergessen lassen. Nach einem Jahr war klar: Sie gehen die Behandlung ein zweites Mal an. Julia erklärt: "Beim zweiten Mal war der Druck nicht mehr so groß. Das zweite war wie das Zuckerstückchen oben drauf." Jetzt ist Emmy da, ihre kleine Tochter, mit der sie gerade in Elternzeit ist. Die Kosten für die Behandlung bisher schätzt Julia auf rund 40.000 Euro. Die private Krankenkasse hat alles übernommen.

Letzter Ausweg Tschechien: Assistierte Reproduktion

Seit 1997 werden alle künstlich gezeugten Babys anonym erfasst - fast 290.000. Das ist die Erfolgsquote. Wenn kinderlose Paare in Deutschland alle gesetzlich zulässigen Wege der Medizin gegangen sind, dann ist Tschechien häufig der letzte Ausweg. Denn hier sind in der "assistierten Reproduktion" Verfahren wie etwa die Eizell-Spende erlaubt, die in Deutschland verboten ist. 24 größere Zentren für Reproduktionsmedizin gibt es. Ein Drittel bis zur Hälfte der Paare, die sich hier behandeln lassen, kommen aus dem Ausland - und machen überwiegend gute Erfahrungen, mit der Kompetenz der Ärzte, aber auch mit der Betreuung in den Einrichtungen.

In der Kinderwunschklinik Ferticare in Prag hat an diesem Vormittag ein Paar aus Deutschland einen Termin. Die beiden - wir nennen sie Ute und Michael, denn sie möchten anonym bleiben - haben sich durch "assistierte Reproduktion" ihren Kinderwunsch erfüllen können. Nun wollen sie es für ein zweites Kind noch einmal probieren. Dabei war der Weg, bis sie ihre kleine Tochter im Arm halten konnten, wahrlich lang und beschwerlich. Ute: "Wir haben in Deutschland sieben künstliche Befruchtungen hinter uns. Einmal war ich schwanger, habe das Kind dann in der siebten Woche verloren. Ja, und dann haben wir uns anderweitig umgeschaut."

Hoffnung nach mehreren Fehlgeburten

Grafik: Sperma schwimmen auf Eizelle zu. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Spermien schwimmen mit Hilfe von Geißeln zur Eizelle. Die Funktionsweise beider kann eingeschränkt sein. Thinkstock -

Petr Uher ist Gründer und medizinischer Leiter der Ferticare-Klinik mit Standorten in Karlsbad und seit einem Jahr auch in Prag. "Zu uns kommen hauptsächlich Paare, die schon mehrere frustrane Zyklen in Deutschland erlitten haben. Diese Paare, die mehrere Fehlgeburten gehabt haben, die kommen zu uns, und wir, gerade mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik, können denen sehr oft helfen."

900 bis 1.000 Paare im Jahr suchen seine Klinik in Karlsbad auf, in Prag sind es nach einem Jahr 400 bis 500. Zusammengenommen hat Uher etwa 45 Beschäftigte, darunter hochqualifizierte Genetik-Experten. Sie alle arbeiten daran, diesen Paaren den Kinderwunsch zu erfüllen, auch mit den medizinischen Methoden, die in Deutschland verboten, in Tschechien jedoch erlaubt sind. "Wir können die Embryonen vor der Implantierung in die Gebärmutter untersuchen. Wir können fremde Eizellen benutzen für die Befruchtung der Frau. Wir können auch fremden Samen benutzen für die Befruchtung der Eizelle, die sogenannte Embryonenspende. Das sind Techniken, die in Deutschland nicht erlaubt sind."

Viele Tausend Euro für Eizellen und Implantation

Die natürlich auch ihren Preis haben. 3.000 bis 3.500 Euro kostet ein Stimulationszyklus, etwa 6.000 Euro eine Befruchtung mit Hilfe fremden Eizellen. Die stammen von jungen Tschechinnen, die anonym bleiben - die entscheidende Voraussetzung dafür, dass überhaupt Eizellen gespendet werden. Bezahlt werden sie nicht, aber es gibt eine Aufwandsentschädigung von umgerechnet etwa 800 Euro.

Uher dazu: "Mit den gespendeten Eizellen sind wir in ganz anderen Welten. Auf einer Seite fragliches Glück, gar nicht in Prozenten darstellbar, und auf der anderen Seite haben wir 65, 70 Prozent Schwangerschaftsraten."

Die Eizellspende als Ultima Ratio. Bei Ute und Michael hat es sechs Jahre gedauert, bis sie 2015 ihre kleine Tochter im Arm halten konnten. Die 30.000 Euro, die sie bezahlt haben für die Behandlungen, fallen angesichts ihres unbezahlbaren Glücks kaum mehr ins Gewicht.

Der Kunde ist König

Mutter mit Baby (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Ein Baby - der größte Wunsch für viele und ein harter und teurer Weg dorthin. picture-alliance / dpa -

Nun haben sie sich wieder nach Tschechien begeben, auch wegen der guten Erfahrungen hier. Ute berichtet: "In deutschen Kliniken kam man sich immer wie eine Nummer vor. Hier ist es herzlicher, der Kontakt, den man zu den Ärzten hat oder zu den Koordinatoren." Michael: "Die deutschen Wartezimmer sind hoffnungslos überfüllt. Man bekommt seinen Slot, auch als Privatpatient, und wird dann abgefertigt. Hier sind die Praxen - ich überspitze mal - fast leer. Da fühlt man sich wirklich: Der Kunde ist König, mit persönlicher VIP-Betreuung."

Dass das Verfahren mit der Eizellspende in Deutschland vom Gesetz nicht erlaubt ist, hat für Michael bei der Entscheidung nie eine Rolle gespielt. Auch Petr Uher, der Klinikchef meint: "Die Eizellspende, würde ich sagen, ist legitim, und es ist ethisch." In Ländern wie Italien, Spanien, Österreich und Großbritannien ist sie ebenfalls erlaubt, bei allen religiösen und kulturellen Unterschieden.

Große Industrie, die viel Geld kassiert

Und dass sie in Deutschland untersagt ist, gleichzeitig aber Kinderwunsch-Messen stattfinden können? Dazu Uher: "Ich kann die deutsche Einstellung nicht kritisieren, dazu bin ich nicht berufen. Aber eine gewisse Doppelmoral spielt eine Rolle." Michael: "Es ist eine große Industrie dahinter, die damit auch sehr viel Geld verdient. Ich hatte anfangs auch moralische Überlegungen, wenn man eine christliche Grundeinstellung hat - muss man der Schöpfung so ins Handwerk pfuschen und so weiter." Ute: "Man greift nach jedem Strohhalm, der einem gereicht wird."

Ute und Michael haben das für sich entschieden. Würden Sie anderen Paaren in gleicher Situation auch dazu raten? Michael: "Wir würden es klar wiederempfehlen, ja."

Von Sandra Kolnik und Peter Lange | Online: Heidi Keller

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