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Mit der Coronakrise steigt die Gefahr für häusliche Gewalt. Was können Opfer, Angehörige und Bekannte tun? Wo finden Erwachsene aber auch Kinder und Jugendliche Hilfe?

Ausgangsbeschränkungen und Quarantänen – während der Coronakrise stehen Hausgemeinschaften noch stärker unter Druck, als ohnehin schon. Im schlimmsten Fall äußert sich die zusätzliche Belastung in zunehmender Gewalt.

So spricht UN-Generalsekretär António Guterres von einem deutlichen Anstieg der Angriffe auf weibliche Haushaltsmitglieder weltweit in den vergangenen Wochen. In einigen Ländern habe sich die Zahl der Notrufe von Frauen an Hilfseinrichtungen verdoppelt.

Was ist häusliche Gewalt?

Häusliche Gewalt muss sich nicht zwangsläufig als Schläge äußern. Auch psychische Gewalt, wie dauernde Beschimpfungen und Demütigungen, zählen dazu. Die Aggression spielt sich in einer bestehenden oder ehemaligen häuslichen Gemeinschaft ab, also beispielsweise in einer bestehenden oder beendeten Ehe. Ort des Geschehens muss nicht die Wohnung sein, häusliche Gewalt kann auch in der Öffentlichkeit stattfinden.

Wer ist betroffen?

Häusliche Gewalt zieht sich durch alle Bildungs- und Einkommensschichten, durch alle Altersklassen, Nationalitäten, sexuelle Orientierungen, Religionen und Kulturen.

Am häufigsten sind Frauen Opfer von häuslicher Gewalt: „Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen“, so das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Jedoch können auch Männer betroffen sein.

Ältere Frau hält Hände schützend vors Gesicht (Foto: Colourbox)
Häusliche Gewalt gibt es auch bei älteren Paaren.

Wie erkenne ich häusliche Gewalt?

Häufig beginnt häusliche Gewalt schleichend. Um so wichtiger ist es, Anzeichen früh zu erkennen, so das Bundesfamilienministerium auf seiner Info-Seite "Stärker als Gewalt". So kann es beispielsweise sein, dass Partner oder Partnerin plötzlich vermehrt jähzornig oder beleidigend sind. Manche wollen auch den Partner oder die Partnerin kontrollieren, indem sie Ausgaben, Handy und/oder soziale Kontakte überwachen.

Warnsignale für häusliche Gewalt können beispielsweise sein, dass sich eine Bekannte plötzlich zunehmend zurückzieht, unsicher und gereizt wirkt und eventuell vermehrt Suchtmittel wie Alkohol und Tabletten konsumiert. Auch wenn sie ihren Partner für Verschiedenes um Erlaubnis fragen muss, kann eine missbräuchliche Machtbeziehung dahinter stecken. Wenn Verletzungen auftreten, für die die Betroffene Ausreden erfindet, sollte man spätestens reagieren.

Häufig ist es jedoch gar nicht so leicht, zu erkennen, ob jemand unter häuslicher Gewalt leidet. Viele Betroffene schämen sich oder wollen ihre Kinder schützen und entwickeln daher geschickte Strategien, um die Situation zu verheimlichen.

Wie kann ich helfen?

Vielen Betroffenen fällt es nicht leicht, über ihre Probleme zu sprechen. Dennoch sollte man versuchen, sie dazu zu bewegen, sich jemandem anzuvertrauen. Dabei ist es wichtig, deutlich zu machen, dass man helfen möchte und dass der Täter in jedem Fall Schuld hat - und nicht etwa das Opfer.

Wie sich Frauenhäuser derzeit auch um "kreative" Lösungen bemühen:

Wo finden Opfer Hilfe?

Sowohl für Menschen, die selbst Opfer von häuslicher Gewalt sind, als auch für Personen, die häusliche Gewalt bei anderen vermuten, gibt es zahlreiche Hilfsangebote.

  • In bedrohlichen Situationen sollte man nicht zögern, die Polizei unter 110 zu verständigen –so früh wie möglich.
  • Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bietet unter folgender Telefonnummer anonyme und kostenfreie Beratung: 08000 11 60 16. Auf der Internetseite hilfetelefon.de gibt es außerdem unter anderem die Möglichkeit, mit Beratern zu chatten. Zusätzlich werden Beratungen in 17 Sprachen und in Gebärdensprache angeboten.
  • Kostenlose Hilfe für Opfer von Gewalt bietet außerdem der Weiße Ring unter der Nummer 116 006 (7 bis 22 Uhr).
  • Hilfe rund um häusliche Gewalt und Probleme in der Partnerschaft gibt es auch auf den Seiten der Diakonie oder von pro familia.
  • Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung e.V. (DAJEB) listet sämtliche Beratungsstellen in Ihrer Umgebung auf.
  • Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0111 oder 0800 111 0222.

Hilfe für Kinder

Bei häuslicher Gewalt sind Kinder häufig betroffen – unmittelbar oder indirekt. Kinder und Jugendliche finden hier Hilfe:

  • Als unmittelbare Antwort auf die steigenden Fallzahlen bei häuslicher Gewalt hat der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, eine neue Website vorgestellt. Unter www.kein-kind-alleine-lassen.de können Kinder und Jugendliche, die von familiärer oder sexueller Gewalt bedroht sind, Hilfe bekommen – etwa per Chat. Sie finden dort zudem eine anonyme Telefon-Hotline (0800-22 555 30) und die Kontaktdaten von Beratungsstellen. Auch Erwachsene, die Fälle von Kindesmissbrauch vermuten, finden hier Hilfe.
  • Die „Nummer gegen Kummer“ des Kinder- und Jugendtelefons ist von Montag bis Samstag, 14 bis 20 Uhr, kostenlos erreichbar – auch vom Handy: 116 111.
  • Die Seite Youth-Life-Line bietet kostenlose Online-Beratung von Jugendlichen für Jugendliche und junge Erwachsene bis 21 Jahre an.

Sie haben Angst, Täter zu werden?

Wer befürchtet, zum Beispiel ausgelöst durch die zunehmenden Ausgangsbeschränkungen während der Corona-Pandemie, seinen Nächsten Gewalt anzutun, sollte rechtzeitig gegensteuern. Unter der folgender kostenfreier Hotline bietet die Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW) e.V. anonyme telefonische Hilfestellungen für Menschen an, die befürchten, eine Straftat zu begehen: 0800 70 222 40.

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