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Wegen der Corona-Pandemie hat die Bundesregierung das Verbraucherrecht eingeschränkt. Statt Geld zurück für ausgefallene Veranstaltungen gibt es nun Gutscheine. Was heißt das konkret?

Bisher mussten Veranstalter auf Grundlage des Bürgerlichen Gesetzbuches für nicht erbrachte Leistungen den Ticketpreis zurückzahlen. Nun stehen jedoch zahlreiche Veranstalter der Tourismus-, Freizeit- und Kulturbranche mit dem Rücken zur Wand: Aufgrund der Corona-Pandemie mussten und müssen zahlreiche Veranstaltungen abgesagt werden. Um Unternehmen vor Pleiten zu bewahren, hat die Bundesregierung die Verbraucherrechte deshalb gesetzlich eingeschränkt. Kunden müssen nun Gutscheine als Ersatz für abgesagte Events akzeptieren.

Tickets und Abos müssen vor dem 8. März gekauft worden sein

Gutscheine soll es laut Gesetz nicht nur für Veranstaltungstickets geben, sondern auch für Sprach- und Sportkurse, bei Fitnessstudio-Verträgen, Opernabos, Saison- oder 10er-Karten für Schwimmbad, Freizeitpark oder Museen – und bei Dauerkarten beispielsweise für die Fußball-Bundesliga oder Handballspiele. Einzige Bedingung für die Gutscheine: Die Tickets müssen vor dem 8. März gekauft worden sein.

Oliver Buttler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg zum Dilemma mit Yoga-,Theater- oder Schwimmbad-Saisonkarten:

Wie kann man den Gutschein einlösen?

Sobald Konzerthallen, Fitnessstudios oder Schwimmbäder wieder öffnen. Man muss aber nicht das erstbeste Angebot annehmen oder die Nachholveranstaltung des eigentlichen Termins besuchen. Die Gutscheine sollen bis Ende 2021 gelten und können so etwa auch für Fußballspiele gegen andere Teams oder Konzerte anderer Künstler beim gleichen Veranstalter eingelöst werden.

Was, wenn ich keinen Gutschein einlösen will?

Dann muss man abwarten bis Anfang 2022. Dann sollen die Veranstalter den vollen Wert nicht genutzter Gutscheine auszahlen:

"Verbraucherinnen und Verbrauchern geht nichts verloren."

Christine Lambrecht, Bundesjustizministerin (8. April 2020)

Ausnahmen gelten außerdem, wenn Sie nachweisen können, dass Sie momentan ohne die Auszahlung des Gutscheinwertes nicht in der Lage sind, Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ist die Gutscheinlösung für Sie aufgrund Ihrer Lebensumstände nicht zumutbar, muss der Veranstalter (oder Betreiber etc.) Ihnen Ihr Geld zurückzahlen.

Die geplante Regelung gilt auch für Dauerkarten, Abos und Sportstudio-Verträge

Das neue Gesetz schließt ausdrücklich auch laufende Verträge mit Fitnessstudios ein, soweit Beiträge bereits im Voraus bezahlt wurden. Die Regelung gilt außerdem für Monats-, Saison- oder Jahreskarten sowie für Dauerkarten, die etwa zum Besuch sämtlicher Heimspiele eines Sportvereins berechtigen oder auch den Besuch im Zoo.

Es muss ein Wertgutschein sein - Sachgutscheine sind nicht erlaubt

Der Kunde soll sich frei entscheiden, ob er einen Wertgutschein für eine Eintrittskarte zu dem Nachholtermin, beispielsweise einer verschobenen Musikshow, einlösen will oder ihn für eine alternative Veranstaltung desselben Anbieters verwenden will. Der Wert des Gutscheins muss dem Eintrittspreis einschließlich der Vorverkaufsgebühren entsprechen. Bei Monats-, Jahres-, Saison- oder Dauerkarten wird die Höhe des Gutscheins anteilig dem Wert des nicht nutzbaren Teils berechnet.

Kann Geld oder ein Gutschein einen wahren Fußballfan trösten?

Bei Dauerkarten lässt sich der Preis für ein einzelnes Spiel errechnen. Manche Bundesligavereine hatten ihren Fans zugesichert, die Kosten zurückzuerstatten. Andere wollten auf eine gemeinsame Entscheidung der Deutschen Fußball Liga warten.

Unterschied zwischen Fitnessstudios und Sportvereinen

Im Fitnessstudio zahlt man durch seine Mitgliedschaft "Miete" für die Räume mit den Sportgeräten und Trainingskursen. Im Verein ist man Mitglied und dies ist durch eine Vereinssatzung geregelt, die auch Ausfallzeiten – wie Ferien – vorsieht. Außerdem beinhaltet das Vereinsleben zumeist auch soziale Aktivitäten wie Zeltlager, Grillabende oder Weihnachtsfeiern. Es ist daher eher schwierig, angesichts der "ideellen" Ziele und Werte der meisten Vereine, Geld zurückzufordern oder sogar vor Gericht einzuklagen.

Woher bekomme ich jetzt den Gutschein?

Automatisch kommen die Gutscheine nicht zu den Betroffenen. Diese müssen sich an die Veranstalter wenden und die Erstattung des von ihnen gezahlten Geldes verlangen. Mit dem neuen Gesetz kann der Veranstalter dies verweigern und stattdessen einen Gutschein anbieten. Der "Wertgutschein" muss den Eintrittspreis plus etwaige Vorverkaufsgebühren und Versandkosten beinhalten, die der Kunde gezahlt hat.

Der Veranstalter kann den Gutschein per E-Mail oder Post versenden oder auch in einer Vorverkaufsstelle überreichen. Wichtig dabei ist, dass dem Kunden keine Kosten entstehen. Aus dem Gutschein muss außerdem hervorgehen, dass der Inhaber des Gutscheins die Auszahlung des Wertes verlangen kann, wenn ihm die Ausstellung nicht zumutbar ist oder er den Gutschein nicht bis zum 31.12.2021 eingelöst hat.

Was ist, wenn der Veranstalter pleite geht?

Die Verbraucherzentrale kritisiert, dass das Insolvenzrisiko durch das neue Gesetz komplett auf den Verbraucher abgewälzt wird. Da Gutscheine nicht abgesichert sind, bleibt der Kunde im Falle der Insolvenz eines Veranstalters höchst wahrscheinlich auf den Kosten sitzen.

Zusätzlich gibt es für die Verbraucher das Risiko, dass Nachholtermine für ausgefallene Veranstaltungen teurer werden können. Der Wertgutschein gilt nur für einen bestimmten Betrag, wird etwa die Raummiete für ein Konzert teurer oder steigt der Preis aus anderen Gründen, muss der Kunde mit dem Gutschein draufzahlen.

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