Eine Person kratzt sich am Hals, der leicht gerötet ist. Daneben sind Bananen, Käse, Tomaten und Schokolade zu sehen. (Foto: Adobe Stock / thodonal, by-studio, gitusik, ImagesMy, KostaKostov)

Vorschnelle Schlüsse

Histaminunverträglichkeit - warum sie fraglich ist und was dahintersteckt

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Julia Schwenn
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Lea Spraul
Bild von Lea Spraul (Foto: Spraul)

Histamin ist ein körpereigener Stoff, der gleichzeitig auch in Lebensmitteln vorkommt. Ob es jedoch eine Unverträglichkeit gegen Histamin gibt, ist umstritten.

Histamin aus Lebensmitteln als Auslöser von Beschwerden wie Unwohlsein, Bauchweh und Juckreiz - kann das sein? Dr. Imke Reese ist Ökotrophologin und Ernährungstherapeutin. Sie beschäftigt sich schon lange mit Histamin und hat an den Leitlinien zum Verdacht auf eine Unverträglichkeit mitgeschrieben. Sie erläutert: "Bisher gibt es keinen einzigen Laborparameter, mithilfe dessen ich eine Histaminintoleranz nachweisen kann."

Wo kommt das Histamin her? 

Oft wird eine vermeintliche Unverträglichkeit gegen Histamin gleichgesetzt mit anderen Lebensmittelunverträglichkeiten, beispielsweise gegen Fructose, Lactose oder Gluten. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Histamin nehmen wir zum einen durch die Ernährung über histaminhaltige Lebensmittel auf, gleichzeitig ist Histamin ein körpereigener Stoff, der entsteht, wenn wir auf etwas allergisch reagieren. Zudem wirkt es als Gewebshormon und Nervenbotenstoff an verschiedenen Prozessen wie dem Schlaf-wach-Rhythmus und der Immunabwehr mit.

Konkret kommt Histamin in unserem Körper an verschiedenen Stellen vor: in der Magenschleimhaut, der Lunge und auf unserer Haut. “Histamin ist ein Botenstoff in unserem Körper, der wahrscheinlich seine größte Bekanntheit dadurch hat, dass er bei allergischen Reaktionen der Vermittler ist, der letztlich dazu führt, dass es dann zu den verschiedenen Symptomen kommt”, erklärt Reese. Die Symptome entstünden also erst durch die Freisetzung von Histamin aus bestimmten Zellen. 

Vorkommen körpereigenes Histamin: Magenschleimhaut, Lunge, Haut - daneben ist die Grafik eines menschlichen Oberkörpers zu sehen (Foto: SWR)

Histaminhaltige Lebensmittel 

Durch die Ernährung führen vor allem Lebensmittel, die lange gelagerte oder gereift sind, zu einer hohen Histaminzufuhr. Denn Histamin entsteht als Abbauprodukt der Aminosäure Histidin, wenn ein Lebensmittel reift oder verdirbt. Besonders viel Histamin enthält so zum Beispiel Schimmelkäse.

Auf dem Bild sind histaminhaltige Lebensmittel zu sehen: Tomaten, Nüsse, Bananen Wurst, Käse und Brot (Foto: SWR)
Zu den besonders histaminhaltigen Lebensmitteln gehören unter anderem: Käse, Wurst, Tomaten, Bananen, Brot, Sauerkraut oder auch Wein und Bier.

Immer wieder wird davor gewarnt, dass sehr histaminhaltige Lebensmittel zu einem Übermaß an Histamin im Körper und so bei empfindlichen Menschen zu Gesundheitsbeschwerden führen können. Doch wissenschaftlich bewiesen ist der Zusammenhang bislang nicht. "Bei der Histaminintoleranz wird ja vermutet, dass Histamin - warum auch immer - vermehrt im Körper da ist und dass es für eine Symptomatik verantwortlich ist", erläutert Reese. Doch das Histamin könne eben nicht nur aus der Nahrung, sondern auch aus dem Körper selbst oder aus Bakterien im Darm stammen.

"Und solange wir nicht besser wissen, was passiert eigentlich bei dieser Erkrankung, ist es unheimlich schwer zu sagen, auch wie wir den Menschen helfen sollen, die unter solchen Symptomen leiden.“

Symptome - von Bauchweh bis Juckreiz 

Ebenso vielfältig wie die möglichen Histaminquellen sind die Symptome, die bei einer vermeintlichen Histaminunverträglichkeit auftreten. Dazu gehören Hautreaktionen wie Quaddeln oder plötzliche Rötungen im Gesicht und am Hals, Verdauungsbeschwerden wie Bauchschmerzen, Übelkeit und Durchfall, aber auch Kopfschmerzen und Schwindel. Da Histamin-Rezeptoren beinahe im ganzen Körper zu finden sind, zeigen sich ebenso die Symptome an verschiedenen Organsystemen.

Auch Reese stellt im Gespräch mit Patienten, die vermuten, an einer Histaminintoleranz zu leiden, immer wieder fest, dass sie von verschiedenen Symptomen berichten: "Das heißt, der Patient kann einem zum Beispiel erzählen: ‘Immer, wenn ich Tomaten esse, dann reagiere ich’. Wenn man dann aber mal nachfragt ‘Und wie reagieren Sie?’, kriegt man dann Antworten wie: ‘Manchmal wird mir ganz heiß und manchmal werde ich rot und manchmal juckt es hier und manchmal juckt es am Fuß und manchmal kriege ich Bauchweh und manchmal kriege ich Blähungen’." Das sei dann nicht reproduzierbar. Es handle sich um verschiedene Symptome, die mal so und mal so auftreten. Doch Reese erklärt: "Entweder ich habe immer eine bestimmte Symptomatik nach Tomaten oder ich habe keine reproduzierbare Reaktion, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht."

Dr. Imke Reese, Ökotrophologin und Ernährungstherapeutin sitzt in ihrem Büro vor ihrem Schreibtisch (Foto: SWR)
Dr. Imke Reese, Ökotrophologin und Ernährungstherapeutin

Wie kann eine Histaminunverträglichkeit diagnostiziert werden?  

Tatsächlich gibt es bisher kein eindeutiges Diagnoseverfahren oder einen Test zum Nachweis einer möglichen Unverträglichkeit. Da noch nicht vollständig geklärt ist, ob das über die Nahrung aufgenommene Histamin für die Symptome verantwortlich sein kann, sollten Betroffene auch andere in Frage kommende Erkrankungen abklären lassen. Dazu zählen etwa Allergien, Zöliakie, Reizdarmsyndrom oder Laktoseintoleranz.

Laut Reese ist das Problem bei der Histaminunverträglichkeit, dass die Symptome alle in einen Topf geworfen werden und man dann feststellt, dass all diese Symptome über Histamin im Körper vermittelt werden. Daraus entstehe dann die Schlussfolgerung, dass Histamin die Ursache der Symptome sei. In den meisten Fällen sei es jedoch nur der Vermittler im Körper. Daraus dann die Schlussfolgerung zu ziehen, betroffene Personen müssten in ihrer Ernährung Histamin meiden, sei schwierig.

Ist eine histaminarme Ernährung sinnvoll? 

„Ich glaube, das größte Problem ist, dass obwohl wir überhaupt nicht wissen, was da im Körper passiert, diese Diagnose sehr schnell getroffen wird und dann pauschal die Empfehlung erfolgt, sich histaminarm zu ernähren. Dabei hat bisher noch keine Studie zeigen können, dass das mit der Nahrung aufgenommene Histamin wirklich ein entscheidender Faktor bei dem ganzen Krankheitsbild ist”, erläutert Reese. Zu schnell werde den Patienten zu einer Ernährungsumstellung geraten, vor der sie dann oft ohne Unterstützung stünden. 

Eine solche Umstellung kann sogar Risiken bergen, denn ohne die Begleitung durch einen Arzt oder Ernährungsexperten kann eine selbstauferlegte Diät zu einer Mangelernährung führen. Die Kosten für eine Ernährungsberatung übernimmt in der Regel die Krankenkasse. 

Als alternatives Vorgehen zu einer histaminarmen Diät schlägt die Ökotrophologin vor: Patienten sollten ihre Beschwerden individuell vom Facharzt abklären lassen. In den meisten Fällen seien andere Grunderkrankungen die Ursache für die Beschwerden und nicht die histaminreichen Nahrungsmittel.

Fazit 

Zum einen wird Histamin vom Körper selbst produziert, zum anderen nehmen wir es durch unsere Ernährung über histaminhaltige Lebensmittel auf. Manche Personen erfahren vermeintlich nach dem Konsum besonders histaminhaltiger Lebensmittel Beschwerden wie Juckreiz oder Bauchweh. Die Symptome sind jedoch nicht reproduzierbar. Um allerdings eine mögliche Unverträglichkeit eindeutig auf das Histamin zurückzuführen, müssten die Symptome reproduzierbar sein. Dieser Nachweis ist bislang noch nicht gelungen. Trotzdem wird vielfach noch vorschnell zu einer histaminarmen Ernährung geraten. Betroffene sollten am besten jedoch zuerst andere Krankheitsbilder abklären lassen.

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