Ernst Schäfer, Mitbegründer des Lastenradverleihs «Rädchen für alles», fährt auf einem Lastenrad durch die Oldenburger Innenstadt. Die Grünen wollen die Förderung von Lastenfahrrädern als alternative Transportmittel voranbringen. Umweltministerin Svenja Schulze reagiert bisher skeptisch darauf.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sina Schuldt)

Pfeiler der Verkehrswende oder kurzfristiger Trend?

Trettransporter: Was Lastenräder können - und was nicht

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Der Vorschlag einer Kaufprämie für Lastenräder hat für viel Kritik gesorgt. Dabei können die Transporter die Verkehrswende voranbringen. Dafür braucht es aber weitere Maßnahmen.

Lastenräder gelten als Statussymbol umweltbewusster Großstadtbewohner*innen. Ohne lange Parkplatzsuche den Großeinkauf beim Supermarkt in der Innenstadt machen oder kleine Kinder trotz Feierabendverkehr entspannt von der Kita abholen - immer mehr Menschen setzen in ihrem Alltag auf die Kleintransporter mit zwei oder drei Rädern. Auch für die Hersteller sind Lastenräder längst kein Nischenprodukt mehr: Die Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen widmet dem Thema Transport auf dem Rad sogar einen eigenen Bereich.

Und selbst im Bundestagswahlkampf sind die Lastenräder mittlerweile angekommen: Der grüne Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler forderte vor Kurzem, dass der Bund den Kauf von Lastenrädern bezuschussen soll. Analog zu Kaufprämien für E-Autos sollten Käufer*innen von Lastenrädern einen Zuschuss in Höhe von 1000 Euro erhalten. Eine Milliarde Euro soll der Staat dafür aufbringen, so die Vorstellung der Grünen.

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Lastenräder längst kein Nischenprodukt mehr

Der Vorschlag erntete viel Widerspruch; CDU Generalsekretär Paul Ziemiak beispielsweise nannte die Idee auf Twitter "abstrus und weltfremd". Unbestritten ist allerdings, dass Lastenräder im Leben von immer mehr Menschen eine Rolle spielen: Seit 2016 haben sich die Verkaufszahlen in Deutschland versechsfacht. Allein im vergangenen Jahr wurden in Deutschland laut dem Zweirad-Industrie-Verband 100.000 Lastenräder verkauft. Zum Vergleich: Gut 194.000 E-Autos sind 2020 neu auf die Straßen gekommen.

Vor allem im gewerblichen Bereich kommen die Räder zum Einsatz: Immer mehr Paket-und Kurierdienste schwingen sich aufs Rad. Brötchen- oder Essenslieferungen kommen in den Großstädten damit häufig schneller bei den Kund*innen an als beim Transport im Auto.

Umweltfreundlicher Transportweg

Ein Trend, der der Umwelt zu gute kommt - zumindest dann, wenn die Räder Autos ersetzen: Denn jeder Pkw, der von den Straßen verschwindet, bedeutet weniger CO2, weniger Feinstaub und Stickoxide und weniger Lärm. Allerdings gibt es zumindest im privaten Bereich Zweifel, dass durch den Lastenradboom tatsächlich Autos in den Städten verschwunden sind. Zahlen dazu fehlen.

Anders sieht die Lage im Lieferverkehr aus. Hier werden schon länger Lastenräder auf der sogenannten letzten Meile bis zur Haustür eingesetzt. Modellprojekte zeigen, dass die Fahrräder Zustellfahrzeuge wirklich ersetzen können. Bestätigt wird das von Prognosen der Europäischen Union: Im Rahmen eines Projekts sind Berechnungen angestellt worden, denen zufolge sich über die Hälfte aller städtischen Transporte auf Lastenräder verlagern ließen. Sollte das tatsächlich passieren, gäbe es einen merklichen Gewinn für den Klimaschutz.

Gute Erfahrungen mit Förderungen

Auf dieser Hoffnung fußt auch der Vorschlag nach einer Lastenradprämie für Privatpersonen. Dabei ist das Konzept nicht völlig neu. Freiberufler, Betriebe, Vereine oder Kommunen können bei der Anschaffung der Räder schon jetzt eine Förderung durch das Bundesumweltministerium bekommen.

Ein E-Lastenrad von IKEA Karlsruhe (Foto: SWR)
Lastenrad im IKEA Karlsruhe

Auch einige Bundesländer haben Programme aufgelegt, darunter Baden-Württemberg, wo das Verkehrsministerium einen Teil der Kosten bei der Anschaffung eines neuen Elektrolastenrads übernimmt. Einige Kommunen ergänzen das Angebot. Besonders nachgefragt waren die Förderungen in großen Städten wie Berlin und Hamburg. Hier waren die kommunalen Fördertöpfe immer ganz schnell ausgeschöpft. Die Nachfrage im urbanen Raum ist also da.

Gute Erfahrungen mit Förderprämien gibt es auch in Frankreich. Dort haben verschiedene Städte eine Kaufprämie für Lastenräder eingeführt. Die Folge: Im ganzen Land sind 2020 über 300 Prozent mehr Lastenräder verkauft als im Vorjahr. Eine Finanzspritze kann also durchaus Kaufanreize schaffen.

Ein Boom mit Grenzen

Liegt die Zukunft des innenstädtischen Transportverkehrs also auf zwei Rädern? Werden urbane Zentren bald nur noch von umweltfreundlichen und platzsparenden Lastenrädern befahren werden? Solche Visionen führen leider in die Irre. Der Trend hat Grenzen. Größere Pakete - von Möbeln über Waschmaschinen bis zum Klavier - werden bis auf Weiteres motorisiert geliefert werden. Solche Produkte sind einfach zu schwer. Außerdem hat auch die Größe der Räder Grenzen: Schon heute sind Radwege, wenn sie denn überhaupt da sind, für die langen und breiten Transporter oft zu eng.

Auch beim Thema Parken muss noch eine Menge getan werden, damit wirklich große Teile des Transportverkehrs auf die Lastenräder abgeladen werden kann. Mittelfristig müsste dafür eine neue Infrastruktur entstehen. Eine Kaufprämie allein ist für die Verkehrswende nicht genug.

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