STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Geld für positive Produktbewertungen – Wie funktioniert der Handel mit gekauften Fake-Rezensionen im Amazon Marketplace? Und kann man Kundenbewertungen überhaupt noch trauen?

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
20:15 Uhr
Sender
SWR Fernsehen

Beim Online-Shopping sind Produktbewertungen anderer Kunden für viele eine wichtige Entscheidungshilfe: Gut jeder zweite, der im Internet etwas bestellen möchte, verlässt sich laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitcom auf Rezensionen anderer Käufer.

Julian sitzt auf einem großen Sofa. Um ihn herum liegen Kartons von Amazon und viele Produkte (Foto: SWR)
Unser Reporter Julian Gräfe hat im Amazon Marketplace Waren im Wert von rund 500 Euro eingekauft und sich den Kaufpreis mit Fake-Bewertungen zurückerstatten lassen.

Falsche Bewertungen einfach kaufen

Für Händler, beispielsweise auf Amazon Marketplace, sind positive Kundenbewertungen also Gold wert. Denn je mehr Bewertungen ein Produkt hat, desto sichtbarer und attraktiver wird das Produkt für interessierte Kunden. Kein Wunder also, dass der Handel mit Fake-Rezensionen blüht. Ganze Agenturen haben sich darauf spezialisiert und verkaufen Amazon-Kundenbewertungen. 100 Bewertungen kosten beispielsweise aktuell bei Goldstar Marketing 1.499 Euro.

Produktvermittlung über WhatsApp

Aber auch Privatpersonen können sich für Fake-Bewertungen bezahlen lassen. Solche Bewertungen sind für Verkäufer sogar besonders vielversprechend. Denn wenn eine Privatperson gegen Geld eine positive Bewertung schreibt, kann niemand direkt erkennen, dass die Rezension im Amazon Marketplace fake ist.

Der Trick funktioniert so: In speziellen Gruppen bei Facebook oder WhatsApp bieten Vermittler Produkte an, die die Gruppenmitglieder über Amazon Marketplace kaufen können. Wenn die Gruppenmitglieder den Produkten dann eine Fünf-Sterne-Bewertung geben, bekommen sie den Kaufpreis über Paypal zurück. Marktcheck-Reporter Julian Gräfe hat es geschafft, in mehrere solcher Gruppen einzutreten. Er hat durch fleißiges Shoppen und Bewerten in wenigen Wochen Waren im Wert von etwa 500 Euro umsonst bekommen. Alles durch fünf-Sterne-Bewertungen und positive Rezensionen.

Wer profitiert vom Geschäft mit den Fake Bewertungen im Amazon Marketplace?

Die Vermittler dieser Deals erhalten von den Händlern eine Provision, die zwischen einem und drei Euro pro Bewertung liegt, wie ein "Amazon-Agent“ verrät. Das kann ein lukratives Geschäftsmodell sein.

Ich mache das nur nebenher und verdiene im Monat ein paar Hundert Euro. Manche machen das professionell. Wenn man fleißig ist kann man mindestens 3.000 bis 4.000 Euro verdienen.

Amazon-Agent, anonym

Um die Größenordnung zu verstehen: Reporter Julian hat in dreieinhalb Monaten Recherche-Mitgliedschaft in WhatsApp-Gruppen rund 400.000 Produkte zum Kauf und zur Bewertung auf dem Amazon Marketplace angeboten bekommen.

Geld für Fake-Bewertungen ist Wettbewerbsverzerrung

Natürlich ist die ganze Masche illegal. Sowohl das Anbieten auf Erstattung des Kaufpreises, als auch das Geldverdienen mit Fake-Bewertungen ist illegal. Christian Solmecke, Rechtsanwalt einer Medienkanzlei in Köln sagt: "Die Händler verzerren den Wettbewerb und täuschen den Verbraucher. Es müsste natürlich gekennzeichnet sein, dass das hier eine gekaufte Bewertung ist und deswegen ist das wettbewerbsrechtlich nicht okay, was die Händler hier machen." Auch die Käufer, die die Fake-Bewertungen abgeben, würden sich strafbar machen. Wer Geld mit falschen Bewertungen verdient, muss Schadensersatzforderungen der Konkurrenten fürchten.

Christian Solmecke ist Rechtsanwalt in einer Medienkanzlei. Einige Händler im Marketplace verstoßen gegen das Wettbewerbsrecht. (Foto: SWR)
Christian Solmecke ist Rechtsanwalt in einer Medienkanzlei. Einige Händler im Marketplace verstoßen gegen das Wettbewerbsrecht.

Amazon profitiert von den Fake Bewertungen

Amazon selbst sagt, man versuche Betrüger ausfindig zu machen. Dazu werde ein spezieller Algorithmus verwendet. Und tatsächlich: nach einer Vielzahl positiver Bewertungen, hat der Algorithmus sie alle offline gestellt. Unser Reporter bekommt folgende Nachricht von Amazon:

Der Algorithmus funktioniert also, entdeckt Käufer, die sich für positive Produktbewertungen bezahlen lassen. Allerdings lässt sich der schlaue Algorithmus auch schnell wieder umgehen: Unser Reporter bewertet gerade mal zwei Produkte negativ – schon ist er wieder freigeschaltet.

Und nicht zu vergessen: Der Amazon Marketplace ist ein lukratives Geschäft des Online-Riesen. An jedem Produkt, das hier gekauft wird, verdient Amazon mit.

Kann ich Kundenbewertungen überhaupt noch trauen?

Grundsätzlich lohnt es sich, nicht nur nach den Bewertungen bei Amazon zu gehen, sondern sich auch auf anderen Seiten im Internet umzusehen. Gerade für technische Geräte gibt es häufig professionelle Produktbewertungen, die detailliert auf Vor- und Nachteile eingehen. Auch die Stiftung Warentest ist eine gute Anlaufstelle.

Generell sind Kundenbewertungen bei Amazon mit einem gesunden Maß an Vorsicht zu genießen. Folgende Tipps können helfen:

  • Nicht nur nach den vergebenen Sternen gehen, sondern auch mehrere Bewertungen durchlesen – sowohl gute, als auch schlechte.
  • Bewertungen, die ein Produkt nur loben, ohne auf Details einzugehen, sollten misstrauisch machen. Ob jemand etwas ernsthaft benutzt und getestet hat, lässt sich dann doch häufig erahnen.
  • Auch Verrisse können bezahlt sein, um die Konkurrenz auszustechen.
  • Vorsicht bei Produkten, die fast nur sehr gute und sehr schlechte Bewertungen haben und nichts dazwischen – da könnte was faul sein.
  • Auch bei Produkten mit eher wenigen Bewertungen sollten diese aufmerksam geprüft werden. Bei Produkten mit sehr vielen Bewertungen fallen die Fakes nicht so ins Gewicht und können den Gesamteindruck weniger verzerren.

Gefahren beim Onlineshopping Betrug bei Ebay-Kleinanzeigen, Amazon und Paypal

Viele Menschen vertrauen beim Onlineshopping großen Namen wie Amazon und Ebay. Aber auch auf diesen Plattformen lauern Betrüger.  mehr...

Vorsicht Verbrechen SWR Fernsehen

Fake-Bewertungen im Netz Haften Onlinehändler für den Inhalt von Kundenbewertungen?

Der Bundesgerichtshof Karlsruhe und das Landgericht München entscheiden über die Verantwortung für Produktbewertungen im Internet. Wir haben Tipps, wie man Fälschungen selbst erkennt.  mehr...

Plagiate neben Markenprodukten Gefährliche Fälschungen im Amazon Marketplace

Gefälschte Produkte im Amazon Marketplace – etwa Autoersatzteile – können für Verbraucher gefährlich sein. Sie verwehren der deutschen Industrie Einnahmen in Milliardenhöhe.  mehr...

Amazon außer Kontrolle? SWR Fernsehen

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG