STAND
AUTOR/IN

Wer im Alter ins Pflegeheim muss, opfert dafür oft die komplette Rente. Saftige Preiserhöhungen bringen viele in Not. Hilft der Plan von Jens Spahn, die Kosten auf 700 Euro zu deckeln?

Ein Beispiel für „explodierende“ Heimkosten

In Schöntal im Hohenlohe-Kreis findet Margret V. vor zwei Jahren einen Platz im Pflegeheim. Das Haus macht einen guten Eindruck. Doch die Kosten, die Margaret V. selbst tragen muss, übersteigen ihre Rente von knapp 650 Euro deutlich. Die Differenz zehrt Monat für Monat ihr Erspartes auf.

Doch damit nicht genug: Schon kurz nach Einzug ins Heim kommt die erste Erhöhung: Nun soll sie für den Heimplatz mehr als 2.022 Euro zahlen und ein Jahr später schon über 2.148 Euro.

"Die erste Erhöhung wurde im Wesentlichen damit begründet, dass die Pflegekräfte eben unter Tarif bezahlt waren. Und vor dem Hintergrund einfach - und das sieht auch jeder so von den Bewohnern - war die Akzeptanz also dahingehend, dass man gesagt hat: ein Tarif muss mindestens bezahlt werden. Damit eben auch zukünftig, dass sichergestellt wird, dass eben auch die Pflegekräfte auch, ich sag mal, vorhanden sind.“

Wolfgang V. , Sohn der Heimbewohnerin Margret V.

Im Sommer 2020 wird aber bereits die nächste Erhöhung angekündigt: Ab Herbst soll der Heimplatz noch mal bis zu 530 Euro mehr kosten: die Rede ist von bis zu 2.685 Euro.
Innerhalb von zwei Jahren hätte das Heim damit seine Preise um über 50 Prozent erhöht.

Steigende Kosten, aber sinkende Leistungen?

Wolfgang V. trifft sich immer wieder mit anderen Bewohnern und Angehörigen. Die Aufregung ist groß. Denn der Eindruck der Betroffenen ist, dass mehr Geld verlangt wird – bei gleichzeitig aber weniger Leistung! Vor kurzem wurden zum Beispiel die Inkontinenz-Einlagen umgestellt, mit unangenehmen Folgen.

„Meine Mutter war regelmäßig nass, der Schlafanzug war nass, das Bett war nass, die Kleidung, und sie hat natürlich auch entsprechend gerochen. Dann haben wir uns beschwert. Jetzt endlich wurden die Produkte wieder umgestellt. Aber nur für kurze Zeit! Also, sie arbeiten daran, auf ein günstigeres Produkt umzustellen.“

Angehörige einer weiteren Heimbewohnerin

Eine anderer Kritikpunkt ist das Essen. Es wird nicht mehr komplett wie zuvor in der heimeigenen Küche gekocht, sondern von einer zentralen Essensversorgung angeliefert.

„Einfach, um auch zu zeigen, wie die Qualität des Essens zum Teil eben ist, habe ich mal ein Bild gemacht von Pfannkuchen. Also, die waren zum Teil wirklich hart, so dass sogar das Pflegepersonal, das das Essen ausgegeben hat, ich sag mal, dem zugestimmt hat: das ist eine Zumutung.“

Wolfgang V. , Sohn der Heimbewohnerin Margret V.

Was kann man tun gegen massive Erhöhungen bei Heimplätzen?

Wolfgang V. und die anderen suchen immer wieder wegen der Versorgung und der Preissteigerungen nach Lösungen mit den Betreibern - ohne Erfolg.

Wir schauen uns die Mitteilung zur Erhöhung der Heimkosten gemeinsam mit Peter Grieble, dem Pflege-Experten der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, genauer an.

„Solche Mitteilungen der Pflegeheimanbieter sind für Verbraucher in aller Regel eine große Black Box. Egal, wie viele Seiten mir da präsentiert werden, als durchschnittlicher Verbraucher kann ich nicht nachvollziehen, im Detail, ob so eine Erhöhung tatsächlich berechtigt ist."

Peter Grieble, Abteilungsleiter Pflege Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

Auch kann der Betroffene laut Peter Grieble relativ wenig tun, da sich solche Mitteilungen nur beispielsweise mit dem Sachverstand eines Wirtschaftsprüfers entschlüsseln lassen. Das Ganze sei zudem sehr zeitaufwändig. Eine Alternative ist, sich den Sachverstand hinzuzuziehen, das werde dann aber sehr schnell sehr teuer.

Was sagt das Heim zu den massiven Erhöhungen?

Das Heim wird seit 2018 mehrheitlich durch „Barmherzigen Brüder Trier“ betrieben. Zu der Unternehmensgruppe gehören mehrere Krankenhäuser und Heime. Wir wollen vom Regionalleiter wissen, wie es zu Erhöhungen von bis zu 900 Euro innerhalb von zwei Jahren kommen kann.

„Diese 900 Euro in der Gänze setzten sich im Wesentlichen natürlich aus Personalsteigerungen zusammen, im Sinne von Tarifsteigerungen. Aber auf der anderen Seite muss man dazu sagen, dass wir auch Investitionen tätigen müssen. So haben wir auch investiert in die Küchensituation.“

Marc Reggentin, Regionalleiter BBT-Gruppe

Auf Nachfrage der Reporterin, was denn in der Küche investiert worden sei, da doch Kochen ausgelagert worden sei und die Küche vor Ort weitestgehend kalt, antwortet der Regionalleiter:

„Grundsätzlich kann ich dem nicht ganz nachvollziehen, wenn ich ehrlich bin, an der Stelle. Weil wir immer noch an der Stelle Warmspeisen haben. Es wird immer noch vor Ort Salate und Suppen vorbereitet. Also auch warm gemacht. Es ist schon unsere Sorge an der Stelle, dass wir zum 1.1. jetzt kommenden Jahres wieder aufgrund der Rückmeldungen ein Stück weit zurück gehen."

Marc Reggentin, Regionalleiter BBT-Gruppe

Auf unsere Nachfrage hin, sagt er den Heimbewohnen zu, dass ab Januar 2021 wieder komplett in der Küche gekocht wird. Auch bei den Inkontinenz-Einlagen verspricht er uns der Regionalleiter, wieder das ursprüngliche Produkt zu verwenden.

Und nach unserem Dreh hat uns der Heimbetreiber mitgeteilt, dass die Erhöhung der Heimkosten moderater ausfallen wird! In unserem Fall wird der Eigenanteil von Frau V. „nur“ um ca. 278 Euro steigen, statt wie angekündigt, um 530 Euro. Immerhin ein bisschen finanzielle Entlastung von der Seite!

Vorsicht Falle: Deckelungsvorschlag des Bundesgesundheitsministeriums

Anfang Oktober hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erklärt, dass er plane, die Pflegekosten auf 700 Euro zu begrenzen. Doch damit ist mitnichten gemeint, dass der gesamte Eigenanteil auf 700 Euro begrenzt wird, sondern ausschließlich der Anteil für die pflegebedingten Aufwendungen. Betroffene müssen weiterhin einen sehr großen Eigenanteil beispielsweise für Verpflegung, Unterkunft, Investitionskosten und Ausbildungsumlagen erbringen. Den Löwenanteil der Kosten machen andere Posten wie Unterkunft, Verpflegung und Ausbildungskosten aus. Hinzu kommen Investitionskosten, die laut des Sozialverbandes VdK Deutschland e.V. eigentlich von den Ländern übernommen werden sollten, aber immer noch auf die Pflegebedürftigen abgewälzt würden.

Ein großer Teil der Kosten bleibt also! Wolfgang V. und seiner Mutter würde der Pflege-Deckel nach jetziger Berechnung eine Ersparnis von monatlich rund 220 Euro bringen.

Doch ob die Pflegereform überhaupt noch vor den Wahlen kommt, bleibt abzuwarten.

Dass auch eine Pflegezusatzversicherung nicht immer vor explodierenden Kosten schützen kann und wie man sinnvoll für eine Zeit der Pflegebedürftigkeit vorsorgen kann, erfahren Sie unter:

Absicherung fürs Alter Was tun, wenn die Pflegezusatzversicherung unbezahlbar wird?

Die gesetzliche Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der Kosten ab. Eine Zusatzpolice kann die Lücke schließen, doch die Beiträge steigen oft massiv. Ist das zulässig? Gibt es Alternativen?  mehr...

Marktcheck SWR Fernsehen

Weiterführende Links zum Thema

STAND
AUTOR/IN