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Warum Elementarversicherungen nicht zahlen

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Stefanie Waldschmidt
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Lea Spraul
Bild von Lea Spraul (Foto: Spraul)

Nach den Überschwemmungen im Ahrtal zeigt sich: Manche Versicherer wollen nicht bezahlen und auch Elementarversicherungen decken nicht alles ab. Marktcheck weiß mehr.

Die Straße weggebrochen, der Untergrund aufgeweicht - viele Häuser mussten abgerissen werden. Von den Überschwemmungen im Ahrtal und anderswo im Sommer 2021 waren und sind noch heute viele Menschen betroffen. Die Flut nahm vielen von ihnen das Zuhause.

Um gegen extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen abgesichert zu sein, schließen viele Haus- oder Wohnungsbesitzer zusätzlich zur Gebäudeversicherung auch eine sogenannte Elementarversicherung ab. Auch Monika Sicken und ihr Ehemann besaßen ein Haus im Ahrtal, das von den Überschwemmungen betroffen, aber mit einer Elementarversicherung bei der Provinzial abgesichert war. Sie wähnten sich gut versichert. Doch es folgte der Schock, als der Versicherer ihnen mitteilte, der Schaden werde nicht übernommen.

Was genau ist eine Elementarversicherung und wie steht es um andere Versicherungen wie eine Wohngebäudeversicherung in Kombination mit Extremwetterereignissen? Informationen dazu finden sie hier:

Nur Starkregen abgedeckt?

Die Provinzial-Versicherung begründet ihre Entscheidung so: Es bestehe kein Versicherungsschutz für Schäden, die durch eine Sturmflut oder Flut verursacht werden. Anders sehe das bei Überschwemmungen durch Starkregen aus. Eine Erklärung, die für Familie Sicken nicht nachvollziehbar ist, da der Starkregen für die Überschwemmung verantwortlich gewesen sei. Auf Nachfrage konkretisiert die Provinzial, dass es aus Versicherungsperspektive einen Unterschied zwischen "Überschwemmung durch Starkregen" und "Überschwemmung durch Starkregen und Hochwasser" gebe. Und: "Aufgrund seines Verzichts auf einen Versicherungsschutz gegen 'Überschwemmung durch Starkregen und Hochwasser' hat Herr Sicken keinen Anspruch auf Entschädigung durch die Provinzial."

Familie Sickens hat Klage gegen die Provinzial-Versicherung eingereicht. Sie hofft so, zumindest einen Teil ihres Schadens ersetzt zu bekommen.

Versicherung genau prüfen

Verbraucherschützer rufen Hausbesitzer dazu auf, ihre Elementarversicherungen genau zu prüfen. Oft stünden im Kleingedruckten Ausschlusskriterien, die Versicherungen im Schadensfall für sich nutzten. Anna Follmann, Beraterin Elementarschadenkampagne der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, erklärt: "Man kann natürlich, wenn man sich unzureichend versichert fühlt, beim Versicherer erstmal anfragen und seine Bedenken äußern und eventuell vielleicht eine Aufstockung des Vertrages beantragen. Einen Rechtsanspruch vorher aus dem Vertrag herauszukommen, gibt es so in der Form nicht." Es empfehle sich zudem, auch andere Anbieter anzuschreiben und sich Alternativangebote einzuholen. Eine unabhängige Beratung bieten unter anderem die Verbraucherzentrale oder unabhängige Berater vom Bundesverband der Versicherungsberater an.

Portrait von Anna Follmann, Beraterin Elementarschadenkampagne der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz (Foto: SWR)
Anna Follmann, Beraterin Elementarschadenkampagne der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz

Wie Sie Unwetterschäden für Versicherungen richtig dokumentieren, haben wir hier zusammengefasst:

Ein weiterer Versicherer verweigert die Zahlung

Familie Rosenthal, die ebenfalls von den Überschwemmungen betroffen ist, hatte sich über eine Elementarversicherung als Zusatz zur Gebäudeversicherung bei der HUK-Coburg abgesichert. Auch in ihrem Fall lehnt die Versicherung eine Zahlung ab. Denn laut einem Gutachten, das die HUK-Coburg in Auftrag gegeben hatte, sei das Wasser nicht von außen in den Keller gelaufen, sondern Grundwasser habe von unten durch die Bodenplatte gedrückt und den Schaden verursacht. Da aber sogenanntes drückendes Wasser durch die Elementarversicherung der Rosenthals nicht abgedeckt sei, erfolge keine Zahlung.

Für Marcel Rosenthal klingt das nach einer Ausrede, er hat einen Anwalt eingeschaltet und zweifelt das Gutachten an - auch weil der Gutachter sich den Schaden nur fünf Minuten angesehen habe und dann wieder gegangen sei.

Die HUK-Coburg teilt zu ihrer Entscheidung mit: "Die Elementarversicherung bietet keinen Deckungsschutz gegen jede Art von Schäden. […] Bei unserer Entscheidung haben wir uns natürlich zunächst an den Informationen des Sachverständigen orientiert. Aber auch die ergänzenden Ausführungen des vom Kunden eingeschalteten Rechtsanwalts lassen nicht erkennen, dass hier von einem versicherten Elementarereignis auszugehen wäre."

Lose Bretter stehen vor einer Wand. - Auch Monate nach der Flut sind im Keller der Familie Rosenthal die Schäden der Überschwemmung zu sehen.  (Foto: SWR)
Bei Marcel Rosenthal beträgt der Schaden der Überschwemmung rund 14.000 Euro.

Fragwürdige Gutachten

Versicherungen scheinen also danach zu unterscheiden, woher das Wasser kam. Für Jürgen Hennemann, Fachanwalt für Versicherungsrecht, sind die Aussagen der Versicherer jedoch typische Ausflüchte. Auch, dass sich Versicherungen auf fragwürdige Gutachten berufen, ist für ihn nichts Neues. "Im Schadenfall, wenn der Keller vollgelaufen ist, dann schicken die Versicherer ihre Armada von sogenannten Gutachtern, die dann Tage oder Wochen später Gutachten vorlegen, dem noch versucht werden soll, der Anstrich einer geologisch wissenschaftlichen Expertise zu geben und auf einmal heißt es, euer Keller war zwar voll, aber nicht durch Oberflächenwasser, durch angestiegenes drückendes Grundwasser und jetzt müsst ihr ganz tapfer sein: Ansteigendes, drückendes Grundwasser ist leider nicht versichert", erklärt Hennemann. Daher sollte man gemäß dem Fachanwalt einen eigenen Sachverständigen, der in der Regel öffentlich bestellt und vereidigt sein sollte, zu Rate ziehen. Denn zahlt die Elementarversicherung nicht, bleibt Verbrauchern oft nur der Rechtsweg.

Grafik einer Karte mit Zahlen: In Baden-Württemberg besitzen 94 Prozent der Haus- und Wohnungseigentümer eine Elementarversicherung, im Saarland 38 Prozent und in Rheinland-Pfalz 37 Prozent.  (Foto: SWR)
Je nach Bundesland liegen die Zahlen der Elementarversicherten weit auseinander: In Baden-Württemberg besitzen 94 Prozent der Haus- und Wohnungseigentümer eine Elementarversicherung, im Saarland 38 Prozent und in Rheinland-Pfalz 37 Prozent.

Mehr Transparenz wünschenswert

Da eine Zunahme von Extremwetterphänomenen in Zukunft immer wahrscheinlicher sei, werden Elementarversicherungen laut Verbraucherschützerin Follmann immer wichtiger: "Auf Bundesebene wird ja mittlerweile auch eine allgemeine Elementarversicherungspflicht diskutiert. Wir würden das erstmal freiwillig lassen. Aber ganz klar ist: Jeder braucht in Zukunft eine Elementarabdeckung."

Ministerpräsident Winfried Kretschmann fordert Pflicht zu Elementarversicherung:

Außerdem sehen die Verbraucherzentralen Nachholbedarf im Regelwerk der Versicherungen. "Gerade im Bereich Wohngebäudeversicherung mit Elementarschutz muss Verbraucherinnen und Verbrauchern der Versicherungsschutz transparent und einfach zugänglich gemacht werden, es muss ein Versicherungsschutz gegen sämtliche Naturgefahren möglich gemacht werden, ohne Ausschluss irgendwelcher Ausnahmen", betont Follmann.

Fazit

Durch den Klimawandel werden Extremwetterphänomene in Deutschland in den nächsten Jahren zunehmen. Haus und Wohnungsbesitzer in Deutschland sollten sich daher über eine Elementarversicherung informieren, denn diese kann in Zukunft Existenzen retten. Doch auch Versicherungen sollten ihre Angebote anpassen und umfassenderen Schutz anbieten, als sie es jetzt tun.

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