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Seit der Coronapandemie wird der Markt mit Desinfektionsmitteln überschwemmt. Die Inhaltsstoffe sind zum Teil höchst fragwürdig. Helfen sie gegen Viren? Wie schädlich sind sie für die Haut?

Während der Coronakrise wurden Desinfektionsmittel knapp, es mussten Alternativen her. Statt dem üblichen und hochwirksamen Alkohol ließen die Behörden zahlreiche Mittel zu, die auf anderen Wirkstoffen basieren, aber noch nicht ausreichend getestet sind. Inzwischen ist der Markt mit Mitteln zahlreicher Anbieter unüberschaubar – mit Marken, die man vorher nicht kannte. Desinfizieren sie so gut wie erwartet? Sind diese Hand-Gels auch zum Schutz gegen das Coronavirus geeignet?

Die Kunden scheinen es zu glauben. Sie benutzen sie aus beruflichen Gründen oder weil sie viel in der Öffentlichkeit unterwegs sind. Dabei steht oft nicht einmal auf der Verpackung, dass diese Mittel desinfizieren können.

SWR Marktcheck hat 30 handelsübliche Desinfektionsmittel zum Testen ins Labor geschickt. (Foto: SWR)
SWR Marktcheck hat 30 handelsübliche Desinfektionsmittel zum Testen ins Labor geschickt.

Was sollte auf der Verpackung stehen?

Marktcheck kauft stichprobenartig mehr als 30 verschiedene Handdesinfektionsgels in den Drogeriemärkten von dm, Rossmann und Müller. Auf vielen Etiketten finden wir nur Hinweise, wie „hygienisches Handdesinfektionsmittel“, „enthält antibakterielle Inhaltstoffe“ oder „entfernt 99 % aller Bakterien“.

Diese Mittel bringen wir zu Professor Markus Egert, Mikrobiologe an der Hochschule Furtwangen. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Keimen und krankmachenden Erregern und weiß, worauf es beim Händedesinfizieren ankommt. „Ein Mittel, was antibakteriell ist, wirkt nicht notwendigerweise auch gegen Viren. Es kann wirken – allerdings muss es dann auch getestet sein, dass es gegen Viren wirkt. Und wenn nur antibakteriell draufsteht, kann ich eigentlich sicher sein, dass es nur gegen Bakterien getestet worden ist.“

Professor Markus Egert, Mikrobiologe an der Hochschule Furtwangen, warnt vor Desinfektionsmitteln im Haushalt. (Foto: SWR)
Professor Markus Egert, Mikrobiologe an der Hochschule Furtwangen, warnt vor Desinfektionsmitteln im Haushalt.

Welche Desinfektionsmittel das Coronavirus bekämpfen können

Es gibt aber durchaus Präparate, die vor dem Coronavirus schützen können, so der Experte. Diese sind mit „begrenzt viruzid“ gekennzeichnet. In der Regel enthalten diese Mittel dann alkoholische Lösungen. Damit lässt sich das gefürchtete Virus mit dem Namen SARS-CoV-2 bekämpfen. Dieses ist von einer Fetthülle mit Proteinen umgeben, um die Erbsubstanz zu schützen. Man spricht daher von einem behüllten Virus. Der Alkohol bricht diese Hülle auf, das Virus kann sich nicht mehr vermehren und stirbt ab.

Die Fetthülle des Coronavirus kann durch Alkohol oder einfach Wasser und Seife aufgelöst werden. (Foto: SWR, SWR Marktcheck)
Die Fetthülle des Coronavirus kann durch Alkohol oder einfach Wasser und Seife aufgelöst werden. SWR Marktcheck

Professor Markus Egert erklärt: „Also die am besten untersuchten Händedesinfektionsmittel basieren auf Alkohol-Wasser-Gemischen und Alkohol ist Ethanol oder Isopropanol. Da findet man die meiste Literatur auch zu Coronaviren. Alle anderen Mittel und Wirkstoffe sind weniger gut untersucht – im schlimmsten Fall auch noch gar nicht gegen Viren oder Coronaviren getestet.“

Aggressive Stoffe in Desinfektionsmitteln

Gemeint sind hochaggressive Wirkstoffe wie Wasserstoffperoxid, Jod, hypochlorige Säure oder Natriumhypochlorit. Sie stecken in vielen frei erhältlichen Desinfektionsmitteln, die kaum oder gar nicht untersucht sind. Die Verbraucher sind ahnungslos, und es kann zu Hautreaktionen kommen.

Bevor eines dieser sogenannten Biozidprodukte auf den Markt kommt, muss es ein nationales oder EU-weites Zulassungsverfahren durchlaufen. Warum sind auch ungeprüfte Desinfektionsmittel in Deutschland frei verkäuflich? Wir fragen bei der zuständigen Bundesstelle für Chemikalien nach und erfahren: „Der Gesetzgeber hat jedoch entschieden, dass diese Zulassungspflicht erst nach einer Genehmigung der in den Bioziden enthaltenen Wirkstoffe durch die EU greift. Dadurch soll gewährleistet werden, dass notwendige Produkte zwischenzeitig weiterhin verfügbar sind.“ (Quelle: BAuA/Bundesstelle für Chemikalien)

Die Produkte würden also erst nach und nach auf Wirksamkeit und mögliche Risiken hin überprüft. So lange sind die Produkte weiter auf dem Markt. Und täglich werden es mehr.

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Verbraucherschützer warnen: Es geht mehr um Profit als um Hygiene

Für Tristan Jorde, zuständig für den Bereich Umwelt und Produktsicherheit bei der Verbraucherzentrale Hamburg, ein unhaltbarer Zustand: „Wir sind leider in der Situation, dass gerade Goldgräber-Stimmung, Wild-West-Stimmung herrscht. Jeder füllt irgendwie hochprozentigen Alkohol ab, macht ein großes rotes Kreuz drauf und sagt, das ist mein Desinfektionsmittel und hilft ganz sicher. Das heißt, hier geht es gerade ganz massiv um Produktabsatz und nicht unbedingt um Vorsorge bei der Hygiene.“

Tristan Jorde, Experte für den Bereich Umwelt und Produktsicherheit bei der Verbraucherzentrale Hamburg, sieht Profitgier bei der Produktion von Desinfektionsmitteln. (Foto: SWR)
Tristan Jorde, Experte für den Bereich Umwelt und Produktsicherheit bei der Verbraucherzentrale Hamburg, sieht Profitgier bei der Produktion von Desinfektionsmitteln.

Auch aus dem Ausland drängen immer mehr Präparate auf den Markt. Der Verbraucherschützer fordert daher stärkere Kontrollen. Derzeit seien Kontrollen „faktisch nicht existent“.

Werbebotschaften für Desinfektionsmittel verharmlosen und werden abgemahnt

Viele Handdesinfektionsmittel sind alles andere als ungefährlich. So sieht das auch die Wettbewerbszentrale in Bad Homburg und beruft sich auf die europäische Biozid-Verordnung. Christiane Köber von der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs sagt: „Der Gesetzgeber hat im Blick gehabt, dass das hier keine harmlosen Mittel sind. Der Hersteller darf nicht den Eindruck erwecken, dass die Mittel harmlos sind. Und deshalb darf nicht geworben werden mit Aussagen wie 'umweltfreundlich' oder 'unschädlich' oder mit niedrigem Risikopotenzial oder ähnlichen Ausdrücken.“

Die Wettbewerbszentrale hat seit April 2020 bereits elf Abmahnungen verschickt. Darunter auch an den Hersteller eines Produkts, das Chlor-Verbindungen enthält, aber wirbt mit „Bio“ und „ökologisch“. Auf Nachfrage teilt uns das Unternehmen mit: „Die Etikettierung unserer Produkte wird in regelmäßigen Abständen angepasst und weiter optimiert, um angemessen auf das Informationsbedürfnis der Verbraucher zu reagieren.“ (Quelle: ART and SOURCE GmbH)

Krankenschwester reinigt sich ihre Hände mit Desinfektionsmittel (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa)
Desinfektionsmittel gehören in die Hände von Fachleuten. picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Hygienemittel für Kinder hochgefährlich

Die Hersteller überbieten sich mit ihren Werbeversprechen und Angaben wie „vegan“, „dermatologisch getestet“ und sogar „für Babys und Kleinkinder geeignet“. Sie erwecken den Eindruck, das jeweilige Präparat sei besonders gut verträglich.

Hypochlorige Säure hat etwa auf Kinderhänden nichts zu suchen. Dieser Meinung ist auch Professor Markus Egert von der Hochschule Furtwangen. Der Mikrobiologe befürchtet gesundheitliche Schäden. „Es steht sogar drauf, dass man es Kindern mit gutem Gewissen in den Mund sprühen kann. Und das halte ich jetzt schon für bedenklich. Also ein Desinfektionsmittel hat im Inneren des Menschen nichts zu suchen. Kinderhände sind besonders empfindlich. Desinfektionsmittel sollten grundsätzlich von Kindern ferngehalten werden.“

Wir fragen beim Hersteller nach und wollen wissen, warum das Hygienespray für Kinder einen so gefährlichen Wirkstoff enthält. „Betonen möchten wir, dass wir keine Bedenken hinsichtlich der Qualität des Produktes haben. Nichtsdestotrotz lassen wir derzeit juristisch klären, ob wir mit unserer Meinung Rechtssicherheit haben.“ (Quelle: Sales plus GmbH)

Desinfektionsmittel helfen nicht gegen Covid-19

Andere Desinfektionsmittel wiederum versprechen sogar, gegen die Krankheit Covid-19 wirksam zu sein. Laut Verbraucherschützer Tristan Jorde eine Angabe, die keinesfalls auf dem Etikett stehen darf. „Wenn Sie jetzt sagen – und das machen manche Produkte – hilft gegen Corona, müssten sie einen Nachweis dafür bringen. Es gibt überhaupt keinen Nachweis dafür, was gegen Corona wirkt, weil das Coronavirus letztendlich viel zu wenig untersucht ist. Da steht zum Beispiel ‚Wirksamkeit bestätigt gegen Covid-19‘ – das ist eine sehr mutige Aussage.“

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Händewaschen mit Wasser und Seife reicht im Alltag

Dabei sind Desinfektionsmittel im Alltag laut Aussage von Experten gar nicht notwendig. Professor Egert erklärt: „Denn die offiziellen Stellen – Robert-Koch-Institut (RKI), Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – sagen, Desinfektion außerhalb des klinischen Bereichs ist nicht nötig, wenn ich Zugang habe zu Wasser, Seife und einem Handtuch, mit dem ich meine Hände ausreichend reinigen kann.“ Um sich gegen das Coronavirus zu wappnen, reicht also gründliches Händewaschen.

Falls bei Krankheit doch ein Desinfektionsmittel gebraucht wird:

  • Wenn jemand in der Familie erkrankt ist oder man auf sein Corona-Testergebnis wartet, wegen eines Desinfektionsmittels in der Apotheke beraten lassen.
  • Am besten getestet und auch vom Robert Koch-Institut empfohlen: Eine Alkohol-Wasser-Mischung mit 60 bis 80 Prozent Alkoholgehalt. Wirkt auch gegen das Coronavirus.
  • Auf dem Etikett eines Desinfektionsmittels sollte stehen „viruzid“ oder „begrenzt viruzid“. Dann ist es getestet. Alle übrigen Präparate mit Wirkstoffen wie etwa Jod oder Natriumhypochlorit sind nicht für die Haut überprüft.
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