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„Schmerzhafte Schweinerei und hochgradig gefährlich“

Scharfe Kritik an Coronavirus Antikörpertest aus Drogeriemarkt

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Petra Thiele
SWR-Wirtschaftsredakteurin Petra Thiele (Foto: Dirk Bannert)

Seit Oktober verkauft der dm-Drogeriemarkt online einen Coronavirus-Antikörpertest. Das Geschäft läuft gut. Doch Mediziner halten den Test aus mehreren Gründen für problematisch.

Das Angebot klingt verlockend: Einfach mal erfahren, ob man sich nicht doch schon mit dem Virus infiziert hat, ohne es zu merken. War das leichte Halskratzen vor einigen Wochen vielleicht eine Covid-Infektion? Das lässt sich mit einem Antikörpertest herausfinden. Für knapp 60 Euro kann man im Online-Shop der dm-Drogeriemarkt-Kette einen Antikörpertest des Schweriner Herstellers Cerascreen bestellen.

Der Kunde muss sich selbst Blut abnehmen

Der Testwillige bekommt dann „Werkzeug“ zugeschickt, mit dem er sich selbst zu Hause aus der Fingerkuppe eine Blutprobe entnehmen kann. Das Blut muss dann in einem Päckchen an ein Partnerlabor der Firma Cerascreen gesendet werden. Der Hersteller verspricht, dass nach 12 bis 48 Stunden das Ergebnis dem Kunden online mitgeteilt wird.

Aussagekraft des Coronavirus-Antikörpertest ist eingeschränkt

Der ärztliche Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin am Marienhospital in Stuttgart, Matthias Orth, hält solche Antikörpertests in mehrfacher Hinsicht für problematisch. Die Aussagekraft dieser Tests sei sehr eingeschränkt. Die Testperson wisse nachher nicht, ob sie immun sei. Die Testpersonen wüssten auch nicht mit Sicherheit, ob sie die Erkrankung hatten und nochmal bekommen können - und dann sei die Gefahr groß, dass sich jemand nicht mehr so gut vorsehe. Das könne dann bedeuten, dass eine Testperson sich selbst infiziert oder - in der trügerischen Sicherheit, dass man selbst nicht infektiös ist - andere Leute anstecken könne.

„Ein positives Testergebnis sagt ja nicht aus, dass Sie immun sind. Sondern es kann ja auch sein, dass Sie eine Kreuz-Reaktion haben und fälschlicherweise denken, dass Sie immun sind (...) Oder Sie denken, Sie sind negativ und haben Angst vor der Erkrankung und in Wirklichkeit haben Sie eine zelluläre Immunität und die ganze Angst war unbegründet.“

Durch die Internet-Bestellung umgeht man das Verbot

Für Matthias Orth ist es eine „hochproblematische Sache“, dass solche Tests in Online-Shops für jedermann verfügbar sind. Grundsätzlich sei die Testung auf solche problematischen Krankheiten Ärzten vorbehalten. Das stehe so im Infektionsschutzgesetz. Apotheken dürften solche Antikörper-Tests nur an medizinische Fachkreise abgeben. Deshalb sei der Weg über das Internet ein Umweg, um das gesetzliche Verbot zu umgehen.

Für den Test werden mindestens 0,3 Milliliter Blut benötigt

„Sie brauchen die 20 bis 30-fache Menge Blut, die sich ein Diabetiker abnimmt, um seinen Blutzucker zu messen. Und das ist schon eine sehr große Menge, die man sich da kapillär abnehmen muss, und das ist schon schmerzhaft und eine große Schweinerei.“

Vertrauen in Test-Genauigkeit durch Internet-Kauf eingeschränkt

Einen Verkauf solcher Antikörpertests im Internet findet der Experte hochgradig problematisch, weil das Vertrauen, welches die Gesellschaft in solche Tests habe, durch diesen Online-Verkauf eingeschränkt werde. Jeder müsse sicher sein, dass solch ein Test mit der höchsten Genauigkeit und Verlässlichkeit gemacht wurde. Wenn sich nun jeder das Ergebnis so „hinbastele“ wie man es möchte, belaste dies auch das Vertrauen in die Corona-Einschränkungen, meint Matthias Orth: „Also ich halte es für hochgradig gefährlich und es schützt in keinster Weise.“

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