Ein Kugelschreiber liegt auf dem offiziellen Antrags-Formular auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa)

Unternehmer vor der Pleite

Insolvenz in der Coronakrise - kann eine Chance sein

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Durch Corona können selbst erfolgreiche Unternehmer*innen von heute auf morgen vor der Pleite stehen – völlig unvorbereitet. Sie brauchen schnell die richtige Art der Unterstützung.

Der Reisesektor, die Dienstleister, die Veranstaltungsbranche und die Gastronomie – in vielen Bereichen sind durch die Coronakrise Firmen plötzlich in der Situation, dass etwa 80 bis 90 Prozent ihres Umsatzes wegbrechen. Diese Unternehmer*innen können das aus eigener Kraft nicht auffangen, sie brauchen Unterstützung von außen.

Attila von Unruh hat diese leidvolle Erfahrung hinter sich und unterstützt mit weiteren ehrenamtlichen Experten im Rahmen der gemeinnützigen Unternehmensberatung „Team U – Restart gGmbH“ Unternehmen in der Krise. Außerdem hat er den Selbsthilfeverein „Anonyme Insolvenzler“ gegründet.

Was ist der richtige Weg vor der Pleite – zur Bank oder zum Insolvenzverwalter?

Von Unruh erklärt: „Die Bank hat ihr eigenes Interesse. Sie hat ein Darlehen gegeben und will ihr Geld wieder.“ Wichtig sei deshalb, dass betroffene Unternehmer*innen zunächst mit einem unabhängigen Berater sprechen, der im Insolvenz-Bereich ausgewiesene Erfahrung hat und professionelle Hilfestellung leisten kann. Das gemeinnützige Netzwerk gebe Orientierung in der Krise, damit die Unternehmer*innen nicht blind in diese Situation laufen. „Eine Insolvenz kann einen großen Schaden anrichten, wenn man nicht weiß, wie man sich darauf vorbereitet.“

Die Bundesregierung hat die die Insolvenzantragspflicht bis September ausgesetzt – und nun?

Um die Unternehmen in der Covid19-Pandemie zu unterstützen, hat die Bundesregierung die Antragspflicht für eine Insolvenz bis September ausgesetzt. Damit machen sich die Firmen zumindest nicht gleich strafbar, wenn ihnen das Wasser finanziell bis zum Hals steht und sie sich nicht sofort ans Insolvenzgericht wenden, wie bisher. Attila von Unruh warnt vor Missverständnissen.

„Viele haben das falsch verstanden. Sie waren schon vorher in Schieflage und laufen jetzt in Haftungsrisiken.“

Diese Regelung gelte nicht für jeden – sondern nur, wenn Unternehmer*innen durch die Corona-Pandemie in diese Situation gekommen sind. Dieser Aufschub verursache zudem eine Scheinsicherheit.

„Die Uhr tickt, man muss jetzt aktiv werden und die Weichen stellen, damit man fristgerecht den Insolvenzantrag stellt oder die nötigen Maßnahmen trifft, um das Steuer herumzureißen.“

Das empfehlen Unternehmensberater Firmen vor der Pleite

Der insolvenz-erfahrene Berater empfiehlt zuerst „einen Status-Check“. Dazu werden gebraucht: die betriebswirtschaftlichen Daten, eine Auswertung der Liquidität, Bankunterlagen, Darlehenspläne und so weiter.

Einen weiteren Aspekt hält von Unruh für unverzichtbar: die persönliche Situation. „Es ist eine sehr belastende Situation. Man hat in diesen Tagen und Nächten schlaflose Nächte und steht unter Stress.“ Von Unruh hält es für ebenso wichtig, dafür zu sorgen, dass Betroffene „wieder in ihre Kraft kommen“ und wieder handlungsfähig werden. Das sei erreichbar durch Information und Aufklärung über die Chancen und Risiken. Durch das Aufzeigen von Möglichkeiten könne gemeinsam ein Plan entwickelt werden, um aus der Krisensituation wieder herauszukommen. Manchmal könne so eine Insolvenz verhindert werden.

„Aber manchmal ist eine Insolvenz auch der Königsweg und der richtige Weg, um sich zu entschulden und vielleicht das Unternehmen danach schuldenfrei aus der Insolvenz wieder zu übernehmen und fortzuführen. Aber das muss gut vorbereitet sein - und dazu braucht man die Spezialisten.“

Der Einzelhandel befürchtet aufgrund des Umsatzeinbruchs in der Corona-Krise eine Pleitewelle Ende des Jahres. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Marijan Murat/dpa)
Auch der Einzelhandel befürchtet durch den Umsatzeinbruch in der Corona-Krise eine Pleitewelle. picture alliance/Marijan Murat/dpa

Zombie-Unternehmen: Firmen, die sich nicht mehr rechnen

Ein Phänomen der drohenden Pleitewelle: Es gibt bereits viele Firmen, die längst insolvent sind – nur, keiner weiß es. Das sind Unternehmen, die nicht mehr in der Lage sind, mit ihren Produkten oder Dienstleistungen, Geld zu verdienen. Das Besondere daran: Diese Unternehmen verschwinden nicht vom Markt, sondern agieren weiter – sogenannte Zombie-Unternehmen. Wie es so weit kommen kann und welche mittel- und langfristigen Folgen für die Geschäftspartner und Kunden oder auch die Finanzmärkte hat – Claudia Wehrle ist diesen Fragen nachgegangen. Mehr dazu erfahren Sie im Audio.

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