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Darf Fabrik-Fleisch aus von Corona betroffenen Schlachthöfen weiter verkauft werden? Kann man es im Handeln erkennen? Und ist der Verzehr möglicherweise bedenklich?

Mehrere Schlachbetriebe in Deutschland sind in den letzten Wochen zu regelrechten Corona-Hotspots mit hunderten Infektionsfällen geworden. Aber was ist mit dem Fleisch, welches dort verarbeitet wurde?

Darf Fleisch aus Corona-Hotspots verkauft werden?

Marktcheck-Recherchen haben ergeben, dass Fleisch, welches beispielsweise aus dem mittlerweile geschlossenen Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück oder dem Wiesenhof-Werk Geestland stammt, weiterhin im Supermarkt-Regal liegt.

Lebensmittelhygieniker Dr. Gero Beckmann kritisiert dies:  "Ich habe erhebliche Zweifel an der Verkehrsfähigkeit dieses Fleisches." Das Wissen, dass in den entsprechenden Betrieben viele Mitarbeiter, die das Fleisch zerlegt hätten, mit dem Corona-Virus infiziert gewesen seien, erzeuge beim Verbraucher Ekel.

Tote Schweine hängen in einer Schlachtfabrik von Haken. Darf Fleisch aus Corona-Hotspots verkauft werden? (Foto: dpa Bildfunk, Mohssen Assanimoghaddam)
Könnte man die "Ekelnorm" auf Fleisch aus Corona-Hotspots anwenden? Mohssen Assanimoghaddam

"Ekelnorm" in EU-Verordnung

Eine EU-Verordnung, in der es auch um den Verzehr ungeeigneter Lebensmittel geht, stellt klar, wann und warum Lebensmittel nicht mehr verkehrsfähig sind. Dort heißt es:

"Hygienische Missstände, die dem Verbraucher verborgen bleiben und für ihn nicht erkennbar sind, fallen unter die 'Ekelnorm', sofern der Durchschnittsverbraucher das Lebensmittel ablehnen würde."

Lebensmittelüberwachung hat bisher nicht reagiert

Zuständig für die Tönnies-Produkte beispielsweise ist auch die Lebensmittelüberwachung des Kreises Gütersloh. Dort hat man bisher nicht reagiert. Die Behörde schreibt auf Anfrage: "Eine Sicherstellung und Vernichtung der in den Tagen vor der Schließung des Betriebes produzierten Lebensmittel aufgrund der von Ihnen angesprochen Norm wegen unhygienischer Verhältnisse, lässt sich u.E. nicht begründen."

Lidl will kein Frischfleisch mehr von Tönnies beziehen

Supermärkte und Discounter, in denen wir das Fleisch von den betroffenen Schlachthöfen gefunden haben, sehen im Verkauf kein Problem. Nur LIDL hat angekündigt, vorerst kein Frischfleisch mehr von Tönnies zu beziehen. 

Kann ich mich über Fleisch mit Corona anstecken?

Auch wenn von Fleisch und Wurst nach derzeitigem Stand kein Corona-Gesundheitsrisiko ausgeht, raten Experten bei frischer Ware zur Vorsicht: Rohes Fleisch sollte man generell nur mit Handschuhen anfassen. Messer und Brett sollten direkt gereinigt werden, damit sie nicht mit anderen Lebensmitteln in Berührung kommen. Und das Fleisch sollte immer gut durchgegart werden, denn auch Coronaviren sind hitzeempfindlich. 

Fleisch aus Corona-Hotspots (Foto: dpa Bildfunk, Patrick Pleul)
Bei Wurst und anderen verarbeiteten Produkten hat der Verbraucher häufig fast keine Informationen über Herkunft und Schlachtbetreib. Patrick Pleul

Wo kommt das Fleisch her?

Bei verpacktem, unverarbeitetem Fleisch müssen auf dem Etikett Informationen darüber zu finden sein, in welchem Land oder in welchen Ländern die Tiere aufgezogen und geschlachtet wurden. Vorgeschrieben ist diese Herkunftsangabe für Rindfleisch, Schwein, Geflügel, Schafe und Ziegen, wie die Verbraucherzentrale schreibt.

Wie finde ich den Schlachtbetrieb heraus?

Auf abgepacktem, unverarbeitetem Fleisch finden Verbraucher Informationen, anhand derer sie den Schlachtbetrieb herausfinden können. Das ovale "Identitäts- oder Genusstauglichkeitskennzeichen" ist bei Milch- und Fleischprodukten vorgeschrieben. Die Buchstaben-Zahlenkombination beginnt mit einem Kürzel für das EU-Land, also zum Beispiel DE für Deutschland. Sie endet mit EG oder EWG für Erzeugnisse aus der Europäischen Union. Dazwischen stehen ein Kürzel für das Bundesland (zum Beispiel BW für Baden-Württemberg) und eine Zahl, die über den Betrieb Aufschluss geben, wo das Produkt zuletzt bearbeitet oder verpackt wurde.

DE NW 20028 EG steht beispielsweise für das Tönnies Werk in Rheda-Wiedenbrück; DE NI 10321 EG steht für das Wiesenhofwerk in Wildeshausen.   

Auf der Website des Bundesministeriums für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit kann man die Angaben in eine Suchmaske eingeben und so den Schlachtbetrieb herausfinden. Das Siegel ist für Kontrollbehörden gedacht und nicht für Verbraucher, dementsprechend aufwändig ist auch die Recherche nach den dahinter steckenden Informationen.

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Zu wenige Informationen auf der Verpackung?

Verbraucherschützer kritisieren seit Jahren, dass sich aber nur unverarbeitetes Fleisch rückverfolgen lässt. Schon bei Hackfleisch, was weniger als 50 Prozent Rind enthält, muss nur angegeben werden, ob die Tiere in oder außerhalb der EU aufgewachsen und geschlachtet wurden. Und bei allen Fleischsorten, außer bei Rindfleisch, muss das Geburtsland des Tieres nicht angegeben werden.

"Wenn das Produkt dann mal komplett verarbeitet wurde, in Form von Wurst oder als Füllung von Tortellini, dann erfahre ich eigentlich gar nichts mehr", bemängelt Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Auch bei offen verkauftem Fleisch in Bedientheken darf die Herkunft im Dunkeln bleiben - außer bei Rindfleisch.

Fleisch aus Corona-Hotspots (Foto: dpa Bildfunk, Matthias Benirschke)
Tönnies beliefert unter anderem auch Gutfried. Matthias Benirschke

Tönnies produziert für Gutfried, Redlefsen und Toasty

Fleisch aus Corona-Schlachthöfen könnte somit in vielen weiteren Produkten stecken. Allein Tönnies produziert viele verschiedene Produkte, die auch unter den Marken Gutfried, Redlefsen oder Toasty im Supermarkt zu finden sind. 

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