MARKTCHECK checkt Hengstenberg

Leckeres aus der Konserve?

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Topmarken im Südwesten

Hengstenberg ist bekannt für Essig, Sauerkraut und Gewürzgurken. Rund 140 Artikel umfasst das Sortiment. Das schwäbische Familienunternehmen verspricht Qualität, Genuss und regionale Herkunft. Das Essen aus der Konserve soll schmecken wie selbst gemacht. Doch wie gut sind die Produkte wirklich?

Ein Fall für unsere Marktchecker:

  • Marketingexperte Prof. Markus Voeth, Universität Hohenheim
  • Lebensmittelchemiker Stefan Kollenda
  • Essig-Gourmet Georg Wiedemann
  • Landfrau Marie-Luise Linckh

Hengstenberg - Unternehmen mit Tradition

Hengstenberg ist ein schwäbisches Familienunternehmen mit Sitz in Esslingen am Neckar und bekannt für Gewürzgurken, Essig und andere Sauerkonserven. Richard Hengstenberg gründete vor über 130 Jahren eine eigene Essig-Fabrik und erfand sogar das Reinheitsgebot für Essig. Später kam das erste haltbare Sauerkraut dazu. Seither steht Hengstenberg für Konserven und Eingelegtes. Das Unternehmen wirbt mit Qualität, Genuss und regionaler Herkunft. Und das hat seinen Preis. Doch ist der auch gerechtfertigt? Wie gut schmeckt das Saure wirklich?

Das Sortiment umfasst inzwischen 140 Produkte. Besonders erfolgreich sind die Gewürzgurken. Insgesamt macht Hengstenberg 120 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

1. Check: das Image der Traditionsmarke

Marketingexperte Prof. Markus Voeth (Foto: SWR, SWR -)
Prof. Markus Voeth SWR -

Für Marketingexperte Prof. Markus Voeth von der Universität Hohenheim ist das Unternehmen ohne Zweifel eine Traditionsmarke. Aber obwohl Konserven praktisch und zweckmäßig sind und fast jeder sie zu Hause hat, sind die Produkte wenig aufregend und die Markenbindung ist gering. Sauerkraut, Rotkraut und eingelegte Essiggurken punkten nicht unbedingt als hippe Lifestyle-Produkte. "Und deswegen ist Hengstenberg eine Marke, die  …  vielleicht aber auch ein bisschen angestaubt ist", findet Voeth. Die Produkte seien wenig aufregend und die Markenbindung zu gering, so sein Urteil.

Das überprüfen wir. In Tübingen wollen wir wissen, wie bekannt die Marken von Hengstenberg sind. Ergebnis: "Mildessa" und "Knax" sind zwar bekannte Marken, doch vor allem die jüngeren Verbraucher können mit Hengstenberg wenig anfangen.

Geschäftsführer Steffen Hengstenberg (Foto: SWR, SWR -)
Steffen Hengstenberg SWR -

Tipp vom Marketingexperten Voeth: Hengstenberg müsse die jüngere Zielgruppe massiv in den Mittelpunkt seiner Vermarktungsaktivitäten stellen. Das sei sicherlich eine "Überlebensnotwendigkeit". Geschäftsführer Steffen Hengstenberg sieht das anders: "Man muss authentisch bleiben, wenn wir anfangen hippe Kampagnen zu machen, und anfangen zu sagen: 'Hey Sauerkraut, super Power-Kraut, Wahnsinn' - das nimmt man uns nicht ab".

Fazit: Hengstenberg ist bekannt und gilt also als solide, hat jedoch ein Imageproblem bei Jüngeren.

Mitarbeiter der Abteilung Produktentwicklung bei der Arbeit (Foto: SWR, SWR -)
In der Produktentwicklung werden neue Geschmacksrichtungen getestet SWR -

Dabei versucht Hengstenberg auf aktuelle Trends zu reagieren: In der Produktentwicklung werden ständig neue Geschmacksrichtungen und Verpackungen getestet.  Zur Zeit hat Hengstenberg laut Dietmar Breithaupt, dem Leiter Entwicklung und Qualitätssicherung vor allem scharfe Würzungen und mild-süßen Würzungen im Blickfeld. Wie experimentierfreudig sie dabei sind, hängt vom Produkt ab. Bei Sauerkraut und Rotkraut wird eher weniger ausprobiert, bei Essig dagegen mehr. Es gibt sogar einen speziellen Essig des Jahres.

Auch bei den Gurken werden unterschiedliche Geschmacksrichtungen ausprobiert, von scharf bis süß. Lediglich der Klassiker Knax-Gewürzgurke wird wenig verändert, schließlich soll der seinen typischen Geschmack nicht verlieren. 

2. Check: der Geschmack

Typischer Geschmack bedeutet für Hengstenberg, dass die Gurken wie selbst gemacht schmecken sollen. Doch, was heißt das eigentlich und wer weiß heute noch, wie Gurken selbst eingelegt werden?

Landfrau Marie-Luise Linckh (Foto: SWR, SWR -)
Landfrau Marie-Luise Linckh SWR -

Alle Zutaten wie frische Gurken, Wasser zum Putzen, Gemüse, Gewürze, Essig, Einmachgläser und einen Topf zum Abkochen stellen wir zur Verfügung. Was muss wann ins Glas? Und wie macht man die Gurken haltbar? Bei vielen Passanten herrscht Ratlosigkeit.

Marie-Luise Linckh hingegen weiß, wie es richtig geht. Die engagierte Landfrau aus Vaihingen an der Enz legt seit über 20 Jahren  Gewürzgurken selbst ein. Ihrer Familie schmecken ihre Gurken besser als gekaufte, da sie knackiger und nicht so süß sind. 

Selbst eingelegte Gurken (Foto: SWR, SWR -)
Fast fertig! SWR -

Die selbstgemachten Gurken der Landfrau enthalten: Senfkörner, Dillsamen, Lorbeerblätter, Wacholderbeere, etwas Koriander und Nelken und wahlweise Dill oder auch Chili für alle, die es scharf mögen. Alle Zutaten sind frisch und sie verzichtet auf Aromen oder Kräuterextrakte. Bei der Menge der Zutaten geht Marie-Luise Linckh ganz nach Gefühl vor. Und auch ihr Sud ist selbstgemacht und besteht aus einer ausgewogenen Mischung aus Essig und ein bisschen Zucker. Zum Schluss macht sie die Gurkengläser in einen speziellen Einkochautomat mit heißem Dampf haltbar. Insgesamt braucht sie 14 Minuten für die Vorbereitung und 20 Minuten zum Einkochen, dann sind die Gurken fertig.

Für unseren Geschmackstest lassen wir hundert Heidelberger den Geschmack von Gewürzgurken testen. Wie kommt das "Erfolgsprodukt" Gewürzgurken an? Und wie schneiden die selbst eingemachten Gurken der Landfrau gegen die Massenware ab? Mit verdeckten Herstellernamen tischen wir auf:

  • Gurken vom Konkurrenten Kühne für 1,49 Euro
  • Gurken vom Discounter Aldi für 0,59 Euro
  • Gurken von Hengstenberg für 1,69 Euro
  • traditionell selbst eingelegte Gurken von Marie-Luise Linckh
Grafik: Auswertung Geschmackstest (Foto: SWR, SWR -)
Ein Kopf-an-Kopf-Rennen SWR -

Ergebnis: Die Konkurrenten Kühne und Hengstenberg liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. 34 Tester finden die Kühne-Gurken am leckersten, Hengstenberg überzeugt 32 Heidelberger. 25 Passanten haben die selbst eingelegten Gurken am besten geschmeckt. Abgeschlagen: Aldi mit nur neun begeisterten Gurken-Testern.

Zwischenfazit Gurkengeschmack: Hengstenberg überzeugt also beim Geschmack, Konkurrent Kühne jedoch auch.

Essig-Gourmet prüft Hengstenberg-Geschmack

Gründer Richard Hengstenberg erfand vor über 130 Jahren das Reinheitsgebot für Essig: Mindestens 20 Prozent richtiger Wein muss enthalten sein. Das gilt bis heute. Aktuell produziert das Unternehmen 25 Millionen Flaschen Essig pro Jahr. Doch schmeckt die Massenware auch?

MARKTCHECK (Foto: SWR, SWR -)
Georg Wiedemann SWR -

Der so genannte deutschen Essig-Papst Georg Wiedemann stellt selbst Gourmet-Essig her, traditionell aus reinem selbstangebauten Wein und mit Essigbakterien, die schon seit 150 Jahren in seiner Familie verwendet werden. Bis zu zwei Jahre lagert der Wein, ehe die Essigbakterien zugegen werden. Danach reift sein Essig bis zu zehn weitere Jahre im Fass. Nach der langen Reifung bekommt der Essig noch ein besonderes Aroma. Es werden Kräuter, Blüten, Wurzeln und Früchte dazugeben - nach alten Rezepturen. Und der Essig bleibt dann noch mal gut ein halbes Jahr im Fass liegen. Unter zehn Euro ist dieser Gourmet-Essig nicht zu kaufen, manche kosten über 30 Euro.

Wir lassen Georg Wiedemann in einer Blindverkostung drei handelsübliche Essig-Sorten probieren: Hengstenberg (Alte Liebe/1,89 Euro) und Kühne (Rotweinessig/1,99 Euro) überzeugen den Experten. In den Markenessigen steckt viel echter Wein. Der Discounter-Essig (Penny/0,42 Euro) enthält viel künstlichen Branntwein. Das hat dem Meister weniger geschmeckt.

Hengstenberg überzeugt also auch beim Essig, ebenso wie der Essig des Konkurrenten Kühne, der allerdings etwas teurer ist.

Unser Fazit: Beim Geschmack kann Hengstenberg insgesamt punkten.

3. Check: die Qualität

Lebensmittelchemiker Stefan Kollenda (Foto: SWR, SWR -)
Lebensmittelchemiker Stefan Kollenda SWR -

In einem Labor in Mainz lassen wir bei Lebensmittelchemiker Stefan Kollenda untersuchen, ob Pestizide in den Gurken sind, etwa Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Sein Ergebnis: In zwei Proben von Hengstenberg und Kühne werden geringe Spuren eines Pflanzenschutzmittels nachgewiesen. Aber: Die Werte liegen laut Kollenda weit unter dem Grenzwert. Die Gurken sind also unbedenklich genießbar.
Der Lebensmittelchemiker untersucht die Gurken auch auf mögliche Keime. Das Ergebnis: Alle Proben sind einwandfrei.

Unterscheide beim Zuckergehalt

Ebenso geprüft wird das Abtropfgewicht. Sind so viele Gurken im Glas, wie angegeben? Ergebnis: Alle drei Proben von Hengstenberg, Kühne und Aldi erfüllen die gesetzlichen Anforderungen für das Abtropfgewicht. Bei der Firma Kühne sind weniger Gurken im Glas als angegeben - allerdings im Toleranzbereich.

Und  wie viel vom Dickmacher Zucker steckt in den Gurkenkonserven? Der Lebensmittelchemiker stellt fest: Die Hengstenberg-Gurken enthalten am wenigsten Zucker, die Gurken der anderen Marken etwas mehr.

Zwischenfazit Qualität der Gurken: Die Qualität der Hengstenberg-Gurken ist gut. Allerdings überzeugen im Labor auch die Aldi-Gurken - und die sind einen Euro billiger.

Antikes Schild" Reiner alter Weinessig" von Hengstenberg (Foto: SWR, SWR -)
Antikes Schild" Reiner alter Weinessig" von Hengstenberg SWR -

Auch den Essig lassen wir auf Keime und Rückstände untersuchen, alle Proben sind dabei einwandfrei. Aber das Konservierungsmittel Sulfit kann unter Umständen Allergien auslösen und in allen drei Essig-Sorten steckt Sulfit - allerdings unter dem gesetzlichen Grenzwert. Penny verschweigt den Zusatz von Sulfit in der Zutatenliste. Eine Stellungnahme dazu wollte uns das Unternehmen nicht geben.

Unser Fazit: Hengstenberg überzeugt bei der Qualität.

4. Testpunkt: die Regionalität

Hengstenberg behauptet, auch regionale Produkte zu verwenden. Das ist ein wichtiges Verkaufsargument, denn die Verbraucher legen immer größeren Wert auf die Regionalität von Produkten.

Gurkenanbau rund um Bad Friedrichshall (Foto: SWR, SWR -)
Gurkenbau zwei Kilometer vom Werk entfernt SWR -

Bei Bad Friedrichshall in der Nähe von Heilbronn ist ein traditionelles Anbaugebiet für Gurken. In unmittelbarer Nähe hat Hengstenberg eine große Produktion und der Landwirt Günther H. baut in dieser Region seit über 20 Jahren Gurken für Hengstenberg an. Seine Gurken landen später als "Cornichons" oder "Knax" im Hengstenberg-Glas. Polnische Saisonarbeiter ernten dafür insgesamt etwa 800 Tonnen pro Jahr.

Die Produktionswege sind also kurz: Nach gerade mal zwei Kilometern sind die Gurken schon im Werk von Hengstenberg in Bad Friedrichshall. Hengstenberg produziert tatsächlich mit regional angebauten Gurken.

Sauerkraut wird ebenfalls vor Ort geerntet und verarbeitet. Der Wein für den Essig kommt jedoch meist aus Italien, ebenso die Produkte von Oro di Parma.

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SWR Fernsehen