MARKTCHECK checkt Nescafé Klasse Kaffee?

Topmarken im Südwesten

Er ist schon mehr als 70 Jahre alt und Nestlé hat ihn erfunden: löslicher Bohnenkaffee. Schnell zubereitet und voller Kaffeegenuss - so verspricht es die Werbung. Doch hält Nescafé dem Vergleich mit Produkten der Konkurrenz, Filter- und Kapselkaffee stand? Stimmt die Qualität? Und was steckt drin im Nescafé?

Dauer

Ein Fall für unsere Marktchecker: Ein Kaffeeröster, eine Lebensmittelchemikerin, ein Marketingprofessor und eine Entwicklungshelferin. Nescafé ist der Inbegriff für löslichen Kaffee und der erste Instantkaffee überhaupt. Umsatzstärkstes Produkt der Firma: Nescafé Gold, seit mehr als 50 Jahren hergestellt in Rheinland-Pfalz.
Im Nescafé-Werk in Mainz werden täglich 120 Tonnen Rohkaffee angeliefert. Bei der Auswahl der Kaffeebohnen legt das Unternehmen nach eigenen Angaben besonders viel Wert auf Qualität. Wenn die Bohnen im Werk ankommen, sind sie noch grün. Ihre typisch braune Farbe erhalten sie erst bei der Röstung. Auch die erfolgt hier im Werk so wie bereits vor 50 Jahren. Damals begann Nescafé damit, den aufgebrühten Kaffee gefrierzutrocknen.

Beim Gefriertrocknungsverfahren wird der flüssige Extrakt bei arktischen Temperaturen eingefroren und ihm anschließend in einem Vakuumtunnel die Feuchtigkeit entzogen. Die Methode war eine absolute Weltneuheit und wurde entsprechend in Schwarzweiß-Filmen beworben.
Instantkaffee ist weltweit der beliebteste Kaffee. Allein vom löslichen Nescafé werden weltweit 4.600 Tassen getrunken - pro Sekunde!

Im Mainzer Werk werden 132.000 Gläser Nescafé Gold in einer Schicht abgefüllt und in 40 Länder exportiert. Aroma und Geschmack sollen dabei wie in einem Mini-Tresor verschlossen sein, verspricht der Hersteller.

Geschmack

Wie gut ist der Geschmack tatsächlich? Das wollen wir in Koblenz herausfinden. Drei lösliche Kaffees treten gegeneinander an: Nescafé Gold, eingekauft für 5,29 Euro, Belmont Gold von Aldi für 2,79 Euro und Jacobs Krönung, der größte Konkurrent von Nescafé, für 4,95 Euro. Wir bitten 100 Passanten zur Blindverkostung.

Nach etlichen Stunden ist es soweit: 100 Koblenzer haben bewertet und probiert. Jetzt wird ausgezählt. Das Ergebnis: Der teure Nescafé hat 31 Passanten am besten geschmeckt und liegt damit gleich auf mit dem nur halb so teuren Aldi-Produkt. Knapper Sieger hingegen: der Hauptkonkurrent von Jacobs. Die Instant-Krönung war für 38 Personen der Favorit.

Mit diesem Ergebnis fahren wir nach Frankfurt zu Nestlé, dem Mutterkonzern von Nescafé. Christoph Ahlborn, Marketingchef von Nescafé, ist vom mäßigen Abschneiden sehr überrascht. Er erklärt, man führe selbst intern sehr viele Befragungen und Tests durch, auch mit unabhängigen Marktforschungsinstituten. Dabei gelinge es, mit Nescafé eine deutliche Präferenz zu erzielen.

Unser Fazit: Nescafé ist nicht für jeden der geschmackliche Favorit.

Kaffee ist nicht gleich Kaffee

Der Geschmack eines Kaffees hängt von verschiedenen Faktoren ab. Das weiß Norbert Becker, ein Kaffeeröster aus Rheinhessen. Ein wichtiges Kriterium sei die Auswahl der Kaffeebohnen.
Im Prinzip unterscheide man grob zwischen Robusta und Arabica. Arabica ist, bewertet nach Würze, nach Säure und nach Aroma, die edlere Bohne. Diese Kaffeesorte wird beginnend bei 800 Meter bis 2.200 Meter angebaut. Robusta ist dagegen der primitivere Kaffee und wird zwischen 400 und 800 Meter angebaut.
Neben der Auswahl der Bohnen kommt es beim Geschmack auch auf die Röstung an. Erst dadurch entstehen die Aromastoffe wie etwa Koffein. Norbert Becker lässt sich dafür viel Zeit. Etwa 5 Mal so lang wie eine industrielle Röstung bei Nescafé dauert es bei ihm. So wird der Kaffee besonders magenfreundlich. Mit seinen Spezialitäten kann Instantkaffee nicht mithalten.

Qualität

Auch Nescafé verspricht beste Qualität. Deshalb lassen wir im Labor lösliche Kaffees von Lebensmittelchemikern Natascha Ruh analysieren. Neben Nescafé nehmen wir wieder das Aldiprodukt und Jacobs unter die Lupe.

1. Koffeingehalt:
Gerade am Morgen ist Kaffee für viele Menschen der Muntermacher. Doch dafür taugt keiner der Instantkaffees. Am meisten Koffein hat immer noch Jacobs mit 68 mg pro Tasse. Deutlich weniger steckt im Nescafé Gold mit 56 mg, knapp dahinter das Aldi-Produkt mit 54 mg pro Tasse.
Die Lebensmittelchemikerin erklärt, dass auf jeden Fall weniger Koffeingehalt im löslichen Kaffee ist als im regulären Bohnenkaffee, ungefähr die Hälfte je nach Kaffeesorte mit der man vergleicht.

2. Furan:
Beim Rösten der Kaffeebohnen entsteht noch ein anderer Stoff: Furan. Im Tierversuch wird Furan als krebserregend eingestuft. Auch darauf lassen wir die Produkte untersuchen.
Vor einigen Jahren konnte man im löslichen Kaffee eine erhöhte Menge Furan feststellen. In diesen Proben konnten wir nur ganz geringe Mengen Furan finden. Das bedeutet, dass der Herstellungsprozess heute viel schonender ist als früher, erklärt die Lebensmittelchemikerin.

3. Bohnensorte:
Außerdem soll die Expertin herausfinden, ob die Kaffees Arabica- oder Robusta-Bohnen enthalten. Die minderwertigere Robusta-Bohne kostet nur etwa die Hälfte. Bei Aldi und Jacobs finden wir ausschließlich Arabica-Bohnen. Bei Nescafé Gold dagegen: 16 Prozent Robusta. Ausgerechnet der hochpreisige Nescafe hat zum Teil billige Bohnen verarbeitet: Wie passt das zusammen?
Christoph Ahlborn von Nestlé Deutschland erklärt dazu, dass es entscheidend sei, dass man die Präferenz der Kunden treffe. Und daher verwende man Kaffeemischungen sowohl aus hochwertigen Arabica- und Robusta-Bohnen, um diese Vorlieben der Kunden zu erreichen.

Unser Fazit: Weniger Koffein als Bohnenkaffee, dafür aber schonendere Herstellungsprozesse als früher, aber zum Teil billigere Kaffeesorten.

Strategie

Schnell zubereiteter, hochwertiger Kaffeegenuss ist die Werbebotschaft, auf die Nescafé seit Jahrzehnten setzt.
Doch unsere Umfrage zeigt: Zumindest in Deutschland kommt die Botschaft so nicht an. Das Image ist nicht edel und gut, sondern eher alt und verstaubt.
Für Prof. Markus Voeth, Marketing-Professor an der Universität Hohenheim, ist das keine Überraschung. Die Marke Nescafé kenne zwar praktisch jeder, das bedeute aber nicht, dass die Menschen Nescafé überwiegend konsumieren. Löslicher Kaffee sei zumindest in Deutschland ein Nischenprodukt, das vielleicht für 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung in Frage komme. Das sei ganz typisch: Es gibt starke Marken, die jeder kennt, aber die doch nicht jeder konsumieren will, so der Experte.

Verschiedene Kaffeezubereitungsarten

Da offenbar noch das biedere Bild von Anno dazumal herrscht, wollen wir wissen, ob löslicher Kaffee wirklich schlechter ist als moderne Kaffeeprodukte.
Zu einer Blindverkostung treten diesmal an: Nescafé Gold gegen das Kapselsystem von Dolce Gusto sowie den Filterkaffee eines Markenherstellers. Wieder lassen wir Passanten probieren.
Mit dem Ergebnis hätten wir nicht gerechnet: Der Hälfte der Tester schmeckt der lösliche Kaffee am besten. Das Instant-Produkt ist also offenbar besser als sein Image.

Marketingexperte Prof. Markus Voeth glaubt, dass der deutsche Markt wegen der hier bestehenden Marktverhältnisse zwischen löslichem Kaffee und normalem Kaffee für Nescafe möglicherweise nicht die zentrale Rolle spielt. Vor diesem Hintergrund sei es vielleicht verständlich, dass man für Marketing und Kommunikation eigentlich nur sehr wenig gemacht habe, um das eher negative Markenimage von Nescafe in den Köpfen deutscher Kunden zu verändern.

Unser Fazit: Die Marke ist bekannt, trotzdem haben viele Verbraucher Vorbehalte.

Nachhaltigkeit

Kaffee wird überwiegend in Brasilien, Vietnam und Kolumbien angebaut. Davon leben weltweit 125 Millionen Menschen, schätzen Experten, viele davon in Armut. Vom florierenden Geschäft mit den Bohnen haben die Bauern wenig. Selbst Kinderarbeit gehört auf einigen Kaffeeplantagen zum Alltag. Statt zur Schule zu gehen, schuften sogar 11-jährige den ganzen Tag auf der Plantage. Sie müssen ihren Eltern helfen, sonst würde die Familie nicht über die Runden kommen. Solche Bilder kennt man auch bei Nescafé. Das Unternehmen weiß auch, dass so etwas bei den westlichen Kunden nicht gut ankommt.
Für mehr Nachhaltigkeit ist bei Nestlé Deutschland Achim Drewes zuständig. Er verweist auf den sogenannten Nescafé-Plan, den das Unternehmen vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat. Damit unterstütze man Bauern unmittelbar durch Schulungen, durch Bereitstellung von leistungsfähigen Pflanzen und man baue den Direkteinkauf von den Bauern aus. Außerdem führe man Nachhaltigkeitsstandards in der gesamten Lieferkette ein, so Achim Drewes.

Das klingt gut, aber kann der Nescafé-Plan die Situation der Bauern wirklich verbessern?
In Zürich, Schweiz, treffen wir Andrea Hüsser. Sie engagiert sich seit langem für eine gerechte und menschenwürdige Globalisierung und hat den Nescafé-Plan am Beispiel von Mexiko genau unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist zwiespältig.
Sie erklärt, dass die Menge in Tonnen, die direkt eingekauft werden soll, groß ist. Doch im Verhältnis zu den Gesamteinkaufsmengen mache dies nur etwa 20 Prozent aus. 80 Prozent des Kaffeeeinkaufs von Nestlé seien weder direkt noch zertifiziert oder entsprächen irgendeinem Standard, so Andrea Hüsser.
Der Nescafé-Plan ist für Andrea Hüsser kein großer Wurf, da auch das Verteilen von Robusta-Setzlingen an die Kaffebauern überwiegend dem Unternehmen diene. Sie können damit genau den Kaffee erzeugen, den sie für ihre Nescafé-Produktion bräuchten. Es würde aber nicht den Bauern helfen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

Das Fazit unserer MARKTCHECKER

Der Geschmack von Nescafé ist besser als viele denken. Doch trotz des hohen Preises werden teilweise billige Robusta-Bohnen verarbeitet. Das Image des löslichen Kaffee könnte das Unternehmen noch verbessern und auch bei der Nachhaltigkeit ist noch einiges zu tun.

STAND