Der schwedische Möbelgigant unter der Lupe Ikea-Check: Fairness

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Ist der Möbelriese IKEA wirklich so günstig? Wie kommen die Preise zustande? Und wie hochwertig und nachhaltig sind die Produkte?

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Wenig "symphatisch schwedisch" handelt IKEA beim Thema Geld. Mit einem ausgeklügelten und für Außenstehende undurchsichtigen Firmenkonstrukt umgeht der Konzern Steuerzahlungen so weit es geht, sagt Karl-Martin Henschel vom Netzwerk Steuergerechtigkeit.

"Mutter der Steuervermeider"

"IKEA ist nach meinen Recherchen geradezu die Mutter der Steuervermeider", sagt Henschel. "Der damalige Konzernchef Ingvar Kamprad hat das System der internationalen Steuervermeidung durch Konzerne geradezu erfunden."

Für den Firmengründer waren Steuern schon immer unnütze Kosten. IKEA ist kein Einzelunternehmen, sondern eine Marke, die aus über 400 Einzelfirmen besteht. Mit Sitzen in Niedrig-Steuer-Ländern wie den Niederlanden, Liechtenstein, Luxemburg oder auch der Insel Curacao. Alle sind auf dem Papier unabhängig und alle machen miteinander Geschäfte. Das Hauptziel: Gewinne zu schmälern und so Steuerzahlungen zu mindern.

Gewinne landen dort, wo die Steuern niedrig sind

Henschel erklärt das anhand eines Beispiels: "Das Holz für das Billy-Regal wird geschlagen in Karelien, Nordrussland. Die Holzfabrik verkauft, konzernintern natürlich, an die Möbelfabrik in Weißrussland." Die produziere das Regal und verkaufe es wiederum an den Möbelmarkt in Deutschland. "Und jetzt werden die Preise so gestaltet, dass die Gewinne möglichst dort landen, wo die Steuern am geringsten sind. Und das ist in diesem Fall Weißrussland."

Steuertrick: IKEA-Family-Card

Zwölf legale Steuertricks, die IKEA nutzen soll, sind mittlerweile dokumentiert. Die IKEA-Family-Card zum Beispiel ist auf den ersten Blick ein Spar-Vorteil für Kunden. Rein formal handelt es sich aber um Kundenkredite, vergeben von einer IKEA-eigenen Bank in Luxemburg.

Mit dem System werden einerseits die Gewinne geschmälert, erklärt Karl-Martin Henschel. Andererseits könne der Konzern auf die Art und Weise Gewinne nach Luxemburg überweisen, wo keine Steuern gezahlt werden müssten.

"Große Sauerei"

"Ich gehe davon aus, dass der Steuersatz von IKEA bei unter 15 Prozent liegt. Wahrscheinlich deutlich niedriger", vermutet der Experte. "Ein normales mittelständisches Möbelunternehmen, das hier Möbel verkauft, müsste in der Regel um die 30 Prozent zahlen. Das ist eine große Sauerei." 

Bei IKEA Deutschland ist man sich keiner Schuld bewusst. "IKEA zahlt in jedem Land, in dem wir tätig sind, Steuern nach den gesetzlichen Vorgaben", so Sabine Nold, Unternehmenssprecherin von IKEA Deutschland. In Deutschland habe das Unternehmen in den letzten fünf Jahren 834 Millionen Euro Ertragssteuern gezahlt.

Das klingt viel. Doch umgerechnet bedeutet das gerade mal 226 Millionen Euro im Jahr. Bei einem Umsatz von fünf Milliarden sei das ziemlich wenig, findet Karl-Martin Henschel.

Holz aus dem rumänischen Urwald

Auch bei seinem Hauptrohstoff Holz gibt sich IKEA gerne bedeckt. Der Konzern verbraucht rund 17 Millionen Kubikmeter pro Jahr für seine Möbel. Das kommt schon längst nicht mehr nur aus Schweden.

Die rumänischen Karpaten sind Europas letzter Urwald. Hier ist IKEA der größte private Waldbesitzer. Und holzt kräftig ab.

In Bukarest sprechen wir mit rumänischen Umweltschützern. Die sind auf den Möbelkonzern gar nicht gut zu sprechen. Die Art und Weise, wie IKEA in den Besitz seiner Wälder gekommen ist, finden sie äußerst fragwürdig.

Krimielle brachten Wälder an sich

Das kommunistische Regime hat nach dem 2. Weltkrieg private Wälder enteignet. Nach dem Sturz von Präsident Ceausescu 1989 sollten diese aber den eigentlichen Besitzern, beziehungsweise deren Erben, zurückerstattet werden. Durch Korruption und Urkundenfälschung haben aber Kriminelle die Eigentumsrechte an sich gebracht und für viel Geld an internationale Unternehmen verkauft. Obwohl bekannt war, dass in Rumänien in vielen Fällen Land gehandelt wird, das zu Unrecht enteignet wurde, hat IKEA dort 2015 über 30.000 Hektar gekauft. 

Zusammen mit den beiden Umweltschützern machen wir uns auf Spurensuche in den Karpaten. Dort soll es viele Waldbesitzer geben, deren Eigentum unter fragwürdigen Umständen bei IKEA gelandet ist. 

Illegale Machenschaften bei Rückerstattungen

"Es gibt auch schon Prozesse gegen solche Rückerstattungen, und da stellte sich natürlich raus, dass das alles illegal geschehen ist", so Umweltaktivist Hans Hedrich. Bürgermeister und Richter seien bestochen worden.

Ein Mann, der angeblich im Clinch mit dem Möbelkonzern liegt, hat sich am Telefon bereit erklärt, über seinen Fall zu sprechen. Doch die Suche nach ihm gestaltet sich schwierig. Als wir ihn endlich aufspüren, hat er es sich anders überlegt. Von einem Streit mit IKEA wisse er nichts. Aus Angst?

IKEA hat uns bestätigt, dass es momentan Eigentumsstreitigkeiten in Rumänien gibt und angekündigt, alle Gesetze einzuhalten. Insider aber sind sich sicher: Der Möbel-Konzern wusste genau, was für Wälder er kauft und von wem.

IKEA muss Wälder zurückgeben

Nach einem aktuellen Gerichtsurteil muss IKEA jetzt erstmals auch Wälder wieder zurückgeben. Das Möbelunternehmen ist aber nicht nur selbst Waldbesitzer, sondern hat auch lange Zeit rumänisches Holz beim österreichischer Holzzulieferer Schweighofer gekauft. Der muss sich jetzt in Rumänien vor Gericht verantworten. Im Sommer wurden bei vier Werksleitern Hausdurchsuchungen durchgeführt.

"Es wurde nachgewiesen, dass Schweighofer massiv illegal Holz geschlagen und verarbeitet hat", so Hans Hedrich. "Nicht zuletzt hat Schweighofer auch die FSC-Zertifikate in Rumänien verloren. Das heißt, diese Nachhaltigkeitszertifikate hat einer der Lieferanten von IKEA nicht mehr."

Laut eigenen Angaben kommen 77 Prozent des Holzes bei IKEA aus nachhaltigen Quellen. Kunden wissen aber nicht, aus welchen Quellen das Holz letztendlich stammt. Das Unternehmen deklariert die Produkte nicht.

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