Eine Person hält ein Smartphone in der Hand. Auf dem Smartphone ist eine Gesundheitsapp geöffnet. Gleicht der Nutzen Kosten und Risiken aus? (Foto: Colourbox)

Neue digitale Gesundheitsanwendungen

Gesund durch Apps auf Rezept?

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Migräne, Tinnitus, Schlaganfall und Adipositas: Gegen immer mehr Krankheiten gibt es digitale Apps fürs Smartphone vom Arzt. Doch welchen Nutzen haben sie?

Was sind digitalen Gesundheitsanwendungen?

In Deutschland gibt es aktuell elf Apps und Webanwendungen auf Rezept – sogenannte digitale Gesundheitsanwendungen, kurz "DiGA". Sie können unter anderem bei Depressionen, Tinnitus oder zur Rehabilitation nach Schlaganfällen vom Arzt verschrieben werden. Dabei sammeln sie nicht nur krankheitsbezogene Daten, sondern sollen auch therapeutisch auf den Patienten wirken und zum Beispiel zu Übungen anleiten oder beim Abnehmen helfen.

Apps auf Rezept – damit ist Deutschland Vorreiter. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn möchte auch auf diesem Weg die Gesundheitsversorgung digitalisieren. Um das Projekt voran zu treiben, verspricht er den Herstellern eine Prüfung und Zulassung der App in nur drei Monaten.

Einigen Gesundheitsexperten und Ärzten geht das zu schnell. Wolfgang Greiner ist Gesundheitsökonom und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen:

"Hier hat man sich entschlossen, einen neuen Bereich sehr zu fördern, indem man die Hürden möglichst klein gemacht hat. Zumal das eben auch meistens eher kleinere Unternehmen sind. Die wollte man wohl damit besonders fördern. Ob das dann allerdings so gelungen ist, das wage ich in vielen Fällen doch zu bezweifeln."

Ein Handybildschirm mit verschiedenen Apps. Wie gut sind digitale Gesundheitsanwendungen? (Foto: SWR)
Verschiedene digitale Gesundheitsanwendungen - Apps für die Gesundheit.

Zulassung der Gesundheits-Apps

Bevor die digitalen Gesundheitsanwendungen in das DiGA-Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) aufgenommen werden, benötigen sie im Vorfeld eine CE-Kennzeichnung. Diese gibt an, ob ein Produkt alle gesetzlichen EU-weiten Anforderungen in punkto Sicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz erfüllt und somit sicher für den Verbraucher ist. Für die digitalen Gesundheitsanwendungen heißt das konkret: Sie wurden einem Risikomanagement, einer klinischen Bewertung sowie einer Risiko-Nutzen-Analyse unterzogen und erfüllen im Bereich Sicherheit, Funktionalität und Datenschutz bestimmte Anforderung. In punkto Wirksamkeit müssen sie zu diesem Zeitpunkt nur einen möglichen Versorgungseffekt darlegen. Danach können die Apps vorläufig für zwölf Monate auf den Markt gebracht werden.

Erst in einem nächsten Schritt müssen die Hersteller mit einer Studie den Nachweis der tatsächlichen Wirkung der jeweiligen App erbringen - also Behandlungserfolge der Nutzer nachweisen, wie eine Verringerung der Schmerzen der Patienten durch die App oder eine Verbesserung ihrer gesundheitlichen Werte. Erst wenn diese Daten vorliegen, wird die App dauerhaft ins DiGas-Verzeichnis aufgenommen. Bei einem Medikament wäre das undenkbar. Hier muss schon im Vorfeld die Wirkung nachgewiesen sein, bevor die vorläufige Zulassung erfolgt.

Das Bundesgesundheitsministerium rechtfertigt diese Prozedur damit, dass man "Innovation fördern und die Vorteile, die mobile Anwendungen für die Patienten bieten, möglichst rasch in der Gesundheitsversorgung zu etablieren [möchte]".

Bis jetzt wurde lediglich bei vier der elf digitalen Gesundheitsanwendungen die Wirkung nachgewiesen. Sie sind damit dauerhaft in Deutschland zugelassen. Bei den restlichen sieben Apps fehlt dieser Nachweis bislang. Dabei sind diese Informationen nicht nur für die konkrete Therapie wichtig, sondern auch, um den Patienten vor möglichen Schäden durch die Apps zu schützen. Denn zum Teil behandeln die Anwendungen sensible Diagnosen wie Depression, Angststörungen oder Phobien, bei denen ein besonderes Fingerspitzengefühl gilt. Teilweise sollen die Apps die Wartezeit auf eine Therapie überbrücken. Wenn das ohne Experten-Begleitung geschieht, sehen es viele Psychotherapeuten als Risiko für die Kranken.

Was kosten die Apps und wer zahlt?

Die Preise für die digitalen Gesundheitsanwendungen auf Rezept bestimmen die Hersteller für das erste Jahr nach der Einführung selber. Die jeweilige Krankenkasse des Patienten muss diesen Preis dann bezahlen. Dabei kosten die DiGas zwischen 117 Euro und stolzen 744 Euro pro Quartal.

Nicht nur der Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner sieht das kritisch:

"Die Regelung, dass es im ersten Jahr eine freie Preisgestaltung bei den DiGas gibt, stammt von den Arzneimitteln. Da ist das allerdings auch angebracht, weil wir Arzneimittelinnovationen möglichst schnell auf unseren Markt bekommen wollen. Diese Argumentation zählt hier aber eigentlich nicht. Deswegen sind diese Preise, die jetzt aufgerufen werden, doch erheblich höher als das, was man erwartet hätte."

Das Bundesgesundheitsministerium teilt uns auf Anfrage mit, dass man sich bewusst für diesen Schritt der offenen Preisgestaltung seitens der Hersteller entschieden hat. Weiter heißt es:

"§ 134 Abs. 5 SGB V ermöglicht es dem GKV-SV und den Herstellerverbänden, im Wege einer Rahmenvereinbarung Maßstäbe der Preisbildung und gruppenbezogene Höchstpreise für digitale Gesundheitsanwendungen zu bilden. Durch den dadurch geschaffenen Spielraum können in Folge der Verhandlung der beauftragten Institutionen wirksame Instrumente der Preiskontrolle vereinbart werden."

Wie sieht die Nutzung der App aus?

Die Kosten der Anwendungen fallen aber nicht immer allein für die App-Entwicklung an. Für den Preis von knapp 500 Euro im Quartal bekommen Patienten der Adipositas-App Zanadio auch die Hilfe von realen Beratern. Ärzte, Ernährungsmediziner und Ernährungsberater übernehmen die konkrete Beratung und unterstützen den Patienten. Die App bietet nicht nur eine digitale, sondern auch persönliche Therapie in einem.

Eine Person steht auf einer Waage und wiegt sich. Kann eine Gesundheitsanwendung beim Abnehmen helfen? (Foto: Colourbox, 44099389)
Kann eine Gesundheitsanwendung beim Abnehmen helfen? 44099389

Ernährungsmediziner Matthias Riedl hat sich die Gesundheitsanwendung Zanadio für uns angeschaut: "Ich sehe in der Entwicklung medizinischer Hilfsmittel - als App - eine große Zukunft. Das Tolle daran ist, sie sind überall verwendbar, und sie ergänzen die medizinische Beratung. Und machen es den Ärzten und Ernährungsberatern leichter, Erfolge zu erzielen."

Im Ernährungsbereich insgesamt sieht er ein großes Potential.

Eine weitere DiGA ist die Migräne-App M-Sense. Mit ihr können Migräne-Patienten ihren Alltag dokumentieren. In einer Art digitalem Tagebuch werden Informationen wie Schmerzstärke, eingenommene Medikamente oder Training eingetragen. Zu den persönlichen Angaben speichert die App automatisch die jeweilige Wetterlage. So können Patienten nachvollziehen, was vor einer Attacke passiert ist und zusammen mit einem Arzt Rückschlüsse ziehen, was die Attacke ausgelöst haben könnte.

Auf einem Handy ist die App geöffnet. Was bringt die digitale Gesundheitsanwendung M-Sense bei Migräne? (Foto: SWR)
Die digitale Gesundheitsanwendung M-Sense.

Die Möglichkeit einer besseren und intensiveren Patientenbetreuung durch die digitalen Gesundheitsanwendungen sieht auch der Hals-Nasen-Ohrenarzt Michael Pfeffer. Er hat die DiGA Kalmeda bereits rund 25 Mal verschrieben. Sie soll die Behandlung von Patienten mit Tinnitus unterstützen. Mit geführten Übungen, beispielsweise zur Entspannung, lernen betroffene Patienten besser mit Stress sowie körperlichen und seelischen Spannungen umzugehen. Michael Pfeffer ist offen für die neue Behandlungsmöglichkeit. Er ist der Meinung, dass die Tinnitus-App, wenn sie letztendlich wirkt, Kosten für Reha und Psychotherapie sparen und ein Problem lösen kann.

"Das Problem sind die personellen Ressourcen. So viele Psychologen gibt es nicht, dass wir unsere Tinnitus-Patienten flächendeckend betreuen können."

Die ersten Rückmeldungen seiner Patienten seien positiv. Er hofft, dass es noch weitere Apps auf Rezept geben wird.

Wie sieht es mit dem Datenschutz aus?

Auch wenn an die digitalen Gesundheitsanwendungen, die in das DiGA-Verzeichnis vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte aufgenommen worden sind, im Vorfeld verschärfte Anforderungen in punkto Datenschutz und Sicherheit gestellt wurden, sammeln, speichern und verarbeiten sie eine ganze Bandbreite von sensiblen Daten. Dabei weiß der Nutzer nicht genau, was letztlich mit seinen Daten geschieht und wer diese zu Gesicht bekommt. Darin sehen Experten ein großes Problem. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, sollte sich unbedingt vor dem Download der Anwendung die Allgemeinen Geschäftsbedingungen durchlesen und überprüfen, ob die App gegebenenfalls Daten an Dritte weiterleitet. Denn bereits mit dem Download und Installieren einer App können Daten gesammelt werden.

Generell gilt für die DiGA-Apps auf Rezept, dass sie unter anderem frei von Werbung sein müssen. Personenbezogene Daten der Nutzer dürfen nicht zu Werbezwecken verwendet werden und medizinische Inhalte sowie Gesundheitsinformationen müssen dem allgemein anerkannten fachlichen Standard entsprechen.

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