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Wer feiern kann, kann auch fasten: Nach dem Kater kommt Verzicht, von Aschermittwoch bis Ostern. Was macht das mit der Wirtschaft? Und was hat der Biber mit der Fastenzeit zu tun?

Mit dem letzten Faschingskater ist der Entschluss so sicher wie der Tusch in der badisch-pfälzischen Fasnacht: Nie wieder Alkohol! Jedenfalls nicht in den nächsten sieben Wochen. Denn ab jetzt wird knallhart gefastet, von Aschermittwoch bis Gründonnerstag. Es muss doch wenigstens einmal im Jahr möglich sein, 40 Tage lang aufs Feierabendbierchen oder aufs Schnitzel zu verzichten.

Eigentlich ist die Fastenidee natürlich biblischen Ursprungs: Christus fastet 40 Tage in der Wüste, der Teufel will ihn verführen wie andere Leute der Schnaps! Aber wer fasten will, muss nicht gläubig sein. Ganz schnöde weltliche Gründe tun es auch: Fasten ist gerade nach den wilden närrischen Tagen gut für den Körper, keine Frage.

Weniger Bier in der Fastenzeit - das merken auch die Wirte

Aber: Was macht die Fastenzeit mit der Wirtschaft? Für eine Wirtschaft wie die Brauereigaststätte, die Filipe Ribas-Heredia in der Tübinger Straße in Stuttgart betreibt beispielsweise?

Vor der imposanten Kulisse der Brauerei Dinkelacker, die hier bereits seit 1888 Bier braut, servieren Filipe Ribas-Heredia und seine Frau Stefanie Schwäbischen Wurstsalat, Kasslerhals mit Biersößle oder paniertes Braumeisterschnitzel. Dazu gibt's traditionell eine Halbe oder ein Weizen. Allesamt absolute No-Gos in der Fastenzeit: Fleisch und Bier stehen schließlich bis Ostern auf dem Index.

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Tatsächlich stellen auch die Gaststätten-Pächter alljährlich fest, dass selbst die besten - also die trinkfreudigsten - Stammgäste gleich nach Fasching ein anderes, ein ungewohntes Bestellverhalten an den Tag legen. Sie verlangen nach alkoholfreien Bieren, nach Saftschorlen und sogar nach Wasser. Aber nicht in dem Maße, wie sie außerhalb der Fastenzeit ihr Bier trinken würden. In den holzvertäfelten Räumen der Brauereigaststätte wird schnell klar: Die temporäre Enthaltsamkeit einiger Gäste macht sich am Zapfhahn durchaus bemerkbar. Denn wer an einem schönen Freitagabend gerne mal zwei Halbe ordert, der trinkt jetzt nicht ersatzweise einen Liter Mineralwasser.

Etwas weiter südlich, in Stuttgart Heslach, zeigt sich ein ähnliches Bild: Auch in der Eckkneipe Ritterstüble oberhalb des Bihlplatzes hat das Produkt mit der größten Nachfrage ganz klar vier Buchstaben: Bier. Das ändert sich schlagartig an Aschermittwoch. Abgekämpfte Närrinnen und Narren treten jetzt mit besten Vorsätzen ein und haben nur noch einen Wunsch: Kein Bier!

Starkbier ist in der Fastenzeit erlaubt - dank schlauer Mönche

Dabei müssten sich die fastenden Gäste gar nicht so arg selbst kasteien, weiß Ritterstüble-Wirt Tilman Fezer. Denn von kirchlichen Bierverboten in der Fastenzeit sei nie die Rede gewesen, schon gar nicht bei denen, die es wissen müssen: Mönche. Im Gegenteil: Im 17. Jahrhundert brach eine Delegation bayrischer Mönche mit einem ganz besonders starken und gehaltvollen Bier in Richtung Rom auf. Sie wollten den Papst von ihrem eigens als „Fastenbier“ gebrauten Getränk überzeugen. Die Kühlkette war jedoch noch nicht erfunden und so kam durchaus mit Wissen der listigen Mönche schließlich ein verdorbenes und ungenießbares Gesöff beim Heiligen Vater an. Das erhielt umgehend den päpstlichen Segen: Wer so etwas Scheußliches trinken könne, befand der Oberste Hirte, leiste schon genug Buße. Von da an kamen die bayrischen Mönche stets gut gelaunt durch die Fastenzeit.

In Maultaschen ist Fleisch bekanntlich unsichtbar

Überhaupt waren es auffallend oft Mönche, denen die besten Tricks einfielen, die strengen Auflagen des eigenen Hauses zu unterlaufen. Um dem Fleischverbot zu entgehen, sollen während des 30-jährigen Kriegs im schwäbischen Kloster Maulbronn Fleischstücke kleingehackt und in Teigtaschen versteckt worden sein. So konnte der liebe Gott die verbotene Zutat doch unmöglich sehen! Netter Nebeneffekt: Die Maultasche war geboren und bekam schnell den Namen „Herrgottsbscheißerle“. Auch zur Freude der Viehbauern und Schlachter, die fortan ebenfalls besser durch die jährliche Fastenzeitrezession kamen.

Aber auch ohne Teig drumrum scheint der Fleischverzicht die Gastronomie nicht weiter zu stören. Gar keinen Faschings-Kater kennt, ökonomisch gesehen, beispielsweise Carls Brauhaus am Stuttgarter Schlossplatz: „Bei uns wird immer sehr viel Bier und Fleisch verzehrt“, erklärt ohne Wenn und Aber Jennifer Schyle für die Geschäftsleitung. „Wir bemerken keinerlei Rückgang beim Verkauf, die Fastenzeit bemerken wir gar nicht.“

Veganes boomt - nicht nur zur Fastenzeit

Zeit für eine Gegenrecherche: Wenn die Fleischkurve in den einschlägigen Gasthäusern kaum bis gar nicht nach unten geht - wie sieht es dann in fleischlosen Küchen aus? Brummen vegane und vegetarische Restaurants nach Fasching, Fastnacht, Karneval? Das aus dem Lateinischen stammende Carne vale wird doch schließlich mit „Lebe wohl, Fleisch“ übersetzt.

Im Körle und Adam in Feuerbach werden ausschließlich vegane Speisen zubereitet. „Die erfreuen sich das ganze Jahr über so großer Beliebtheit, dass wir immer auf Wochen ausgebucht sind“, stellt Alexander Körle, einer der beiden Inhaber und Namensgeber, klar. „Ob Gäste darunter sind, die nur wegen der Fastenzeit zu uns kommen, lässt sich gar nicht feststellen.“

Biberschnitzel in der Fastenzeit?

Ein entscheidender Wirtschaftsfaktor scheint die Fastenzeit also nicht zu sein, zumindest für die Wirtschaften gleich vor der Haustür. Allein wegen der vielen praktischen Ausnahmen, die die pfiffigen Mönche in den süddeutschen Klöstern erfunden haben. Neben Starkbier und Maultasche kennt Tilman Fezer sogar noch eine dritte kleine Mogelei der Mönche, die heute allerdings kaum noch Beachtung findet: Man erklärt in der Fastenzeit ein Säugetier kurzerhand zum Fisch, schon darf es in die Pfanne!

So geschah es dem Biber vor 500 Jahren, als das Konstanzer Konzil den Nager zum Speisefisch erklärte. Schließlich lebe der Biber doch im Wasser und habe einen schuppigen Schwanz - fast ein Fisch also. Noch Ende des 18. Jahrhunderts schloss sich ein Jesuitenpater dieser Beweisführung an und erklärte „im Namen der Theologischen Fakultät, dass der Biber während der Fastenzeit gegessen werden darf!" Das arme Nagetier, plötzlich Fisch, wäre daraufhin fast ausgerottet worden, erzählt Fezer an der Theke des Ritterstüble, und zapft ein weiteres Bier an.

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So bleibt am Ende doch nur der freiwillige Verzicht auf Alkohol und Schweinebraten; der Gesundheit - und dem Geldbeutel - zuliebe. Das kann man sich doch wirklich mal vornehmen für die paar Wochen bis Ostern. Mit den Neujahrsvorsätzen hat es schließlich auch geklappt, als man sich ganz fest vorgenommen hatte, im neuen Jahr jeden Abend joggen zu gehen. Das hat man doch auch geschafft – einmal.

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