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Nicht nur in der Politik haben die Grundrentenpläne von Arbeitsminister Heil harte Diskussionen ausgelöst, auch in der Wirtschaft gehen die Meinungen auseinander.

40 Jahre lang Haare schneiden zum Mindestlohn - und dann nur 512 Euro Rente. Mit diesem Beispiel hat Arbeitsminister Hubertus Heil(SDD) etwas angesprochen, was sicherlich viele als ungerecht empfinden. Und hier würde das Konzept auch wirken, sagt der Arbeitsmarktexperte der Bundesagentur für Arbeit, Enzo Weber: "Zunächst einmal führt das tatsächlich dazu, dass diejenigen, die lange eingezahlt haben, dann auch tatsächlich eine höhere Rente als Grundsicherung bekommen. Aber in der Rentenpolitik ist nie irgendetwas einfach - also auch das führt wieder zu Ungerechtigkeiten."

Grundrente ohne Prüfung der Bedürftigkeit

Eine davon wäre, dass Arbeitsminister Heil nicht prüfen lassen will, ob jemand bedürftig ist - also ob sonstiges Vermögen, eine Betriebsrente oder weiteres Einkommen vorhanden ist. Das stößt nicht nur in der Politik auf Kritik. Rentenexperte Jochen Pimpertz vom Institut der Deutschen Wirtschaft dazu: "Was das System teuer macht, ist - ich sag es jetzt mal überspitzt - die Zahnarzt-Gattin oder der Ehepartner der Rechtsanwältin, der nur gering dazu verdient hat, dass der auch von einer solchen Respektrente profitieren würde, ohne überhaupt bedürftig zu sein."

Arbeitsmarktexperte Stefan Sell von der Hochschule Koblenz lobt dagegen genau diesen Punkt. Das gehe über alle bisherigen Vorschläge hinaus. Schon jetzt gibt es die Grundsicherung als einen Zuschuss, wenn es in der Rente nicht zum Leben reicht. Ob das so ist, wird genau geprüft. Und genau das sei auch das Problem: Viele nähmen ihren Anspruch wegen dieser Prüfung gar nicht wahr. "All die Beispiele, die jetzt genannt werden - Stichwort die Zahnarztgattin, die auch aufstockt - die mag es geben, aber das ist eine kleine Teilgruppe in der Gruppe der wirklich armen Altersrentner."

Neue Ungerechtigkeit: 35 Beitragsjahre als Schwelle

Noch ein Punkt an Heils Konzept steht in der Kritik - und das sehen auch die drei Experten so: die Schwelle von 35 Beitragsjahren. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung dazu: "35 Jahre - wer weniger hat, der ist draußen, wer arbeitslos war, wer krank war, der ist auch draußen. Das ist kritisch, denn da schaffen wir eine Gruppe von Menschen, bei denen wir meinen, die haben genug geleistet, und andere, die nicht genug geleistet haben."

Enzo Weber könnte sich statt der Grundrente durchaus vorstellen, die bestehende Grundsicherung auszubauen. Hier gibt es unter anderem den Vorschlag, dass Rentner dabei mehr von ihrer Rente behalten können als jetzt. "Wir müssen stark darauf achten, dass wir nicht immer darauf aus sind, Menschen vor der Grundsicherung zu retten. Denn damit geben wir ja zu und damit kommunizieren wir immer wieder, das System der Grundsicherung ist kein soziales Netz mehr, sondern eine soziale Bedrohung. Wir sollten uns vielmehr um das System der Grundsicherung selbst kümmern, damit daraus wieder ein soziales Netz wird."

Online: Heidi Keller

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