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SWR-Wirtschaftsredakteurin Petra Thiele (Foto: Dirk Bannert)

Im ost-europäischen Polesien leben außergewöhnlich viele Tierarten in feuchten Auen-, Eichen- und Schwarzerlenwäldern. Eine neue Schifffahrtsstraße könnte das Paradies zerstören.

Polesien heißt eine blühende Sumpf- und Wald-Landschaft, die halb so groß wie Deutschland ist. Sie erstreckt sich von der Ukraine über Weißrussland bis nach Polen. Das Gebiet ist ein Refugium für eine außergewöhnliche Artenvielfalt: große Populationen von Wölfen, Bisons, Luchsen, dazu kommen eineinhalb Millionen Zugvögel und das alles in einzigartigen Ökosystemen.

Naturgebiet Polesien im Dreiländereck Polen, Weißrussland und Ukraine. (Foto: SWR)
Naturgebiet Polesien im Dreiländereck Polen, Weißrussland und Ukraine.
  • Das große Artensterben“ am 23. November 2020, 23:30 Uhr im Ersten. Ab Ausstrahlungstermin ist die Reportage für zwölf Monate in der ARD Mediathek verfügbar.

„Wir haben hier über 200 verschiedene Vogelarten. Wir finden hier Doppelschnepfen, die in Deutschland schon ausgestorben sind. Oder auch die größte Population des Seggenrohrsängers. Der Seggenrohrsänger ist weltweit bedroht. Und hier ist seine bedeutendste und größte Population vorhanden.“

Elleni Vendras, Frankfurter Zoologischen Gesellschaft

In Polesien lebt zum Beispiel auch die größte europäische Population des gefährdeten Schelladlers und eine Unmenge Wasser- und Watvögel. Aber die Landschaft steht vor starken Veränderungen, manche befürchten sogar das Ende dieses Feuchtgebiets.

Wasserstraße von der Ostsee zum Schwarzen Meer

Weißrussland, die Ukraine und auch das EU-Mitglied Polen wollen hier ein Megaprojekt umsetzen, eine 2.000 Kilometer lange schiffbare Wasserstraße, die das Schwarze Meer mit der Ostsee verbindet. Diese sogenannte E40 würde das Herz der Region Polesien durchschneiden. 2017 unterschrieb der polnische Präsident Andrezej Duda ein entsprechendes Abkommen

Schon jetzt leidet Polesien unter dem Klimawandel

Unberührte Flüsse sollen dazu ausgebaggert werden, aufgestaut, begradigt und vertieft. Die großflächige Zerstörung von Überschwemmungs- und Feuchtgebieten wird die Folge sein. Jetzt schon leidet der Hauptfluss der Region, der Prypjat, in Belarus unter dem Klimawandel. Statt nach der Frühjahrs-Überschwemmung mehrere Dutzend Kilometer breit durchs Land zu fließen wie früher, schrumpft der Prypiat inzwischen schon im Mai zu einem Rinnsal. Der geplante Flussausbau würde die Wasserprobleme noch verstärken.

Zwei Marder blicken neugierig aus einer Graslandschaft hervor im größten Feuchtgebiet Europas in Polesien. (Foto: ard-foto s1)
Zwei Marder blicken neugierig aus einer Graslandschaft hervor im größten Feuchtgebiet Europas. ard-foto s1

Ohne das Auf und Ab des Wassers stirbt das Feuchtgebiet Polesien

„Es ist klar, dass der Fluss für die Schifffahrt nicht in dem jetzigen Zustand gelassen wird, wo es extreme Unterschiede zwischen Hochwasser im Frühling und Tiefwasser im Sommer gibt. Aber Polesien existiert dank dieser Dynamik. Wenn dieser Prozess künstlich reguliert wird, wird Polesien aufhören, als Feuchtgebiet zu existieren, das ist der Tod von Polesien.“

Pavel Pinchuk, Vogelkundler

Als UNESCO-Welterbe wäre Polesien geschützt

Die Europäische Union ließ für eine halbe Million Euro eine Machbarkeitsstudie anfertigen, deren Ergebnis am Ende negativ bewertet wurde. Auch, weil die Wasserstraße durch EU-geschützte Natura-2000 Gebiete führt. Derzeit ist wegen Corona alles auf Stand-by. Die Artenschützer wollen die Zeit nutzen, arbeiten Tag und Nacht. Ihr Ziel ist es, dass die UNESCO Polesien zunächst den Status „Biosphärenreservat“ vergibt und später sogar den Status „UNESCO-Welterbe“, um so die Arten zu schützen.

Sobald wie möglich wollen die Artenschützer aus Weißrussland, Polen und Deutschland über die Frankfurter Zoologische Gesellschaft den UNESCO-Antrag einreichen. Ob das ausreichen wird, um das größte europäische Sumpfgebiet und die wilde, ökologisch wertvolle Schönheit Polesiens auf Dauer zu erhalten, wird sich dann zeigen.

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