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SWR-Wirtschaftsredakteurin Petra Thiele (Foto: Dirk Bannert)

Das Robert-Koch-Institut hat eine App zur Corona-Eindämmung vorgestellt. Darüber soll jeder freiwillig Gesundheitsdaten weiterleiten. Freiwillig – oder mit öffentlichem Druck?

Infos aus Fitnessarmbändern und Smartwatches werden weitergeleitet

Die Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts wollen Daten nutzen, die Fitnessarmbänder und Smartwatches aufzeichnen. Um an diese persönlichen Informationen zu kommen, haben sie eine neue App programmiert, die zum Download bereitsteht. Wer die App installiert, muss dann nur noch seine Postleitzahl eingeben. Das Robert-Koch-Institut erhält dann Angaben zu Größe, Alter, Gewicht, Geschlecht und die Daten zur Aktivität und körperlichen Verfassung. Dabei können beispielsweise die Schlafdauer, der Puls oder die Körpertemperatur erfasst werden. Was genau übermittelt wird, hängt davon ab, welche Daten das jeweilige Gerät des "Datenspenders" misst.

Datenschutz ist angeblich durch "Pseudonym" gesichert

Das Robert-Koch-Institut hat bei der App mit dem Datenschutzbeauftragten des Bundes zusammengearbeitet. Bis jetzt hat die Behörde die App aber noch nicht abgesegnet. Der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Ulrich Kleber erklärte: "Wir werden die Beratung fortsetzen und anschließend die Datenverarbeitung der App auch im Rahmen unserer Datenschutzaufsicht begleiten." Die übertragenen Informationen werden in der App des Robert-Koch-Institus nicht mit dem echten Namen des „Spenders“ oder der „Spenderin“ verknüpft. Er oder sie bekommt ein Pseudonym zugeteilt, unter dem die Daten gespeichert werden. Dabei wird für die örtliche Zuordnung die Postleitzahl verwendet. Bewegungsprofile und Standortinformationen von den Fitnesstrackern werden nicht übermittelt, erklärt das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine App ist auf einem Gerät mit einer ID - das kann identifiziert werden

Bei den Daten, die das RKI sammelt, handelt es sich zunächst nicht um anonyme, sondern um pseudonymisierte – also personenbezogene – Daten. Laut Datenschutzerklärung heißt das, „dass das RKI ohne die Hinzuziehung weiterer Informationen keinen Bezug zu meinem Namen herstellen kann.“ Auch ansonsten habe die App zu keinem Zeitpunkt Zugriff auf unmittelbar identifizierende Informationen wie Namen oder Adresse, aber die App erfasst eine Vielzahl an Daten.

Theoretisch könnten diese Daten also doch konkreten Menschen zugeordnet werden – und zwar wenn andere Daten hinzugegezogen werden, so wie es das RKI in der Datenschutzerklärung auch eingesteht. Möglich wäre das zum Beispiel über die individuelle ID des Geräts auf dem die App installiert ist (bei Smartphones heißt sie IMEI). Das RKI gibt jedoch nicht an, dass diese Gerätenummer jemals übertragen, verwendet oder gespeichert wird.

Graphik mit Angaben eines Datenübertragungsweges für die RKI-App Corona-Datenspende. (Foto: Pressestelle, Robert-Koch-Institut)
Graphik des Robert-Koch-Institus zu den Daten, die die Corona-Datenspende-App sammelt. Pressestelle Robert-Koch-Institut

Neue Erkenntnisse über die Ausbreitung des Virus

Aus den Daten der Corona-Datenspende-App wollen die Forscher Erkenntnisse über die Ausbreitung des Coronavirus gewinnen. Wenn man krank wird, verändert sich zum Beispiel wie lange man schläft, der Ruhepuls oder bei Fieber die Temperatur. Das will das RKI für seine Arbeit nutzen.

Für die App sind alle Atemwegserkankungen gleich

Allerdings: Diese Daten verändern sich bei allen Atemwegserkrankungen. Die App kann also nicht unterscheiden, ob man an einer Grippe erkrankt ist oder sich mit dem Coronavirus infiziert hat. Deshalb erhält man auch kein Feedback von der App, ob die eigenen Daten auf eine Erkrankung hinweisen. Sie ersetzt keinen Arztbesuch.

Infektionsherde schneller erkennen

Wenn viele Menschen, die ihre Daten erfassen, die neue App nutzen und ihre Daten "spenden", können die Forscher vom Robert-Koch-Institut buchstäblich am Bildschirm sehen, ob ungewöhnlich viele Menschen im Bereich einer bestimmten Postleitzahl plötzlich krank werden. Dies könnte dann ein Hinweis auf einen Corona-Infektionsherd sein. So könnten die Behörden einen besseren Überblick bekommen. Ähnliche Apps werden bereits in den USA zur Beobachtung von Grippewellen verwendet. Dabei habe sich gezeigt, dass sie die Verbreitung ziemlich genau wiedergeben können, meint das RKI.

Wie groß ist der Druck "freiwillig" sehr persönliche Daten weiterzuleiten?

Die Nutzung der App ist freiwillig, betonen die Forscher vom Robert-Koch-Institut. Allerdings bleibt bei manchen Datenschutzexperten angesichts der bisherigen Corona-Ereignisse dennoch ein ungutes Gefühl:

"Natürlich möchte jeder helfen und niemand als Querulant gelten, der sich gegen das Wohl der Allgemeinheit stellt. Und genau an diesem Punkt könnte man sich doch die Frage stellen, wie „freiwillig“ eine Einwilligung erteilt wird, wenn von außen ein gewisser oder gar massiver (gesellschaftlicher) Druck aufgebaut wird. Wenn jeder, der die Erwartungshaltung der Allgemeinheit nicht vollends erfüllt, von eigenen Arbeitskollegen, Nachbarn, (ehemaligen) Freunden oder gar der engsten Familie nur Argwohn und Unverständnis erntet oder sich den Vorwurf des billigenden Inkaufnehmens von Toten stellen muss."

Christoph Schwan, Jurist und IT-Berater

Je mehr Menschen mitmachen, desto genauer die Erkenntnisse

Der Chef des Robert-Koch-Instituts Prof. Lothar Wieler appelliert an die Bereitschaft der Bevölkerung, bei der App mitzumachen. Damit würde man den Forscher helfen, besser und gezielter gegen das Virus vorzugehen:

„Digitale Anwendungen können die bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 sinnvoll ergänzen. Wir wünschen uns, dass sich viele Menschen beteiligen. Denn je mehr Menschen ihre Daten für eine Auswertung zur Verfügung stellen, desto genauer werden unsere Erkenntnisse zur Verbreitung des Coronavirus.“

Lothar H. Wieler, Mikrobiologe und RKI-Präsident

Eine weitere App wird derzeit vom Fraunhofer-Institut entwickelt

Die Corona-Datenspende-App hat nichts mit der "Stopp-Corona-App" zu tun, die derzeit ein internationales Team aus Wissenschaftlern, IT-Fachleuten und einzelnen Unternehmen unter Federführung des Fraunhofer Instituts für Nachrichtentechnik entwickelt. Diese App soll über Bluetooth funktionieren und registrieren, wenn zwei Handys sich nahekommen. Wenn bei einem Handynutzer dann Corona festgestellt werden würde, können Pushnachrichten an alle Kontaktpersonen verschickt werden, damit diese Menschen sich in Quarantäne begeben können.

Die Stopp-Corona-App soll nach Angaben der Bundesregierung in den kommenden Tagen oder Wochen vorgestellt werden.

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