Wasser läuft in einen Spülenabfluss (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Gefahr im Wasser?

So kommen Bakterien wie Enterokokken ins Trinkwasser

STAND
AUTOR/IN

Verunreinigtes Leitungswasser durch Enterokokken ist immer wieder ein Problem. In Teilen Baden-Württembergs galt daher zuletzt ein „Abkochgebot“. Wie groß ist die Gefahr?

Sollte es zu einer Verschmutzung, zum Beispiel mit Enterokokken, kommen, ist die Lösung so genial wie einfach: Das Leitungswasser vor dem Trinken oder Zähneputzen abkochen – fertig! Denn ein dreiminütiges Abkochen und anschließendes Auskühlen des Wassers überleben die Bakterien in der Regel nicht. Daher sprechen die zuständigen Gesundheitsämter im Ernstfall ein „Abkochgebot“ aus. Doch was sind Enterokokken überhaupt? Und wie kommen sie in unser Trinkwasser?

Sindelfingen

Ursache für Bakterien im Wasser immer noch unklar Entwarnung in Sindelfingen: Wasser-Abkochgebot teils aufgehoben

In Sindelfingen hat das Gesundheitsamt in einem der drei Gebiete, in denen das Trinkwasser verunreinigt war, das Abkochgebot aufgehoben. Doch die Suche nach Ursache geht weiter.  mehr...

Waschen und Duschen kann man mit dem Wasser auch so – in den Mund bekommen sollte man es dabei allerdings nicht. Offene Wunden sollten ebenfalls sorgfältig geschützt werden.

Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kann vorsorglich einen hauseigenen Filter installieren, der die Bakterien aus dem Trinkwasser holt. Starke Umkehrosmosefilter können da zum Beispiel Abhilfe leisten. Notwendig sind die aber nicht wirklich, so die Einschätzung der Experten. Enterokokken kommen nämlich insgesamt eher selten im Trinkwasser vor - so war es in Sindelfingen beispielsweise „das erste Mal seit 20 Jahren, dass Enterokokken im Wasser gefunden“ wurden, sagt Lars Haustein von den örtlichen Stadtwerken.

Durch die regelmäßigen Tests der Wasserversorger könne man das Leitungswasser im Normalfall bedenkenlos genießen. Denn die Standards in Deutschland seien hoch: Wird auch nur eine einzige Enterokokke pro 100 ml entdeckt, wird Alarm geschlagen.

Warum die ganze Aufregung?

Enterokokken sind allgemein nichts Ungewöhnliches: Über 20 verschiedene Spezies der Milchsäurebakterien sind bekannt. Die Einzeller unterstützen die Verdauung von Menschen wie Tieren und werden auch beim Reifen von Camembert verwendet. Sie sind allerdings zugleich ein Indikator für verdorbene Lebensmittel oder einen Kontakt mit Fäkalien.

Manche der Enterokokken-Arten können Infektionen auslösen. Für Menschen mit geschwächtem Immunsystem stellen sie eine echte Bedrohung dar. In Krankenhäusern gilt daher besondere Vorsicht.

Video herunterladen (14,7 MB | MP4)

Werden Enterokokken im Leitungswasser entdeckt, sind zudem noch andere potenziell gesundheitsschädliche Bakterien und Keime zu erwarten. Die Wasserversorger sind deshalb im Fall eines Enterokokken-Nachweises dazu verpflichtet, die Bevölkerung zu warnen und das Wasser anschließend wieder bedenkenlos trinkbar zu machen.

Der lange Weg des Wassers

Dabei kommt das Wasser der knapp elf Millionen Menschen in Baden-Württemberg und mehr als vier Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in Rheinland-Pfalz auf ganz unterschiedlichen Wegen in die Haushalte.

In Rheinland-Pfalz ist die Wasserversorgung eher dezentral geregelt. Viele Städte und Gemeinden fördern, reinigen und verteilen ihr Leitungswasser selbst.

Weiter südlich gibt es neben kommunalen Versorgern zwei große zentrale Gesellschaften: Zwei Drittel der baden-württembergischen Bürgerinnen und Bürger werden einerseits von der Landeswasserversorgung, unter anderem mit Trinkwasser von der Schwäbischen Alb, und andererseits von der Bodenseewasserversorgung (BWV) beliefert.

Die BWV transportiert Wasser aus dem Bodensee durch ein Leitungsnetz von mehr als 1.700 Kilometern Länge. Damit das Wasser zum Beispiel nach Sindelfingen kommt, wird es aus der Tiefe des Sees auf einen nahegelegenen Berg gepumpt, in mehreren Schritten gereinigt und mit Hilfe von Pumpwerken in die Region befördert. Das wertvolle Nass fließt dabei durch zwei Meter dicke Stahl- und Beton-Leitungen. An vielen Übergabestellen wird es dann an die örtlichen Stadtwerke abgegeben.

Die Stadtwerke betreiben das regionale Leitungsnetz. Als Wasserspeicher dienen dabei sogenannte Hochbehälter, also Wassertürme, oder auch große, verschlossene Becken auf Hügeln. Angetrieben durch die Schwerkraft kann das Wasser von dort aus in die Haushalte fließen.

Verunreinigungen können viele Ursachen haben

Das Leitungswasser hat also teilweise schon einen langen Weg hinter sich, bis es bei uns aus dem Wasserhahn kommt. Dabei ist es niemals steril: Wasser sei ein Naturprodukt und die Natur sei nie gänzlich keimfrei, stellt Jürgen Meyer klar. Der Mikrobiologe bei der BWV sagt, es komme immer auf die Menge und die Art der Keime an.

Die Ursachen für übermäßige Verunreinigungen können vielfältig sein:

  • Kontaminierte Rohre, zum Beispiel durch Bauarbeiten
  • Erde, die an undichten Leitungsübergängen hineingelangt ist
  • tiefgreifende Wurzeln, die Rohre beschädigen
  • Verunreinigungen im Hochbehälter, zum Beispiel durch einen feinen Riss oder ein Insekt, das durch die Lüftung eingedrungen ist
  • Zu hohe Wassertemperatur in den Leitungen und damit Nährboden für Bakterien
  • Zu geringe Fließgeschwindigkeit oder Stagnation in der Leitung, sodass sich ein Biofilm auf dem Wasser bilden kann

Die Wasserversorger stehen in der Verantwortung, all das zu vermeiden, das Wasser regelmäßig zu testen und Probleme schnellstmöglich zu beseitigen. Andere Bakterien-Herde können sie allerdings nicht beeinflussen:

  • Unsachgemäße und nicht genehmigte Installation von Regenwasser-Anlagen (Zisternen)
  • Verunreinigte Armaturen im eigenen Haus, wie der Hauseingangsfilter oder Enthärtungsanlagen
  • „Tote Leitungen“ im Haus, in denen Wasser längere Zeit steht
  • Veraltete Blei- oder Nickelrohre in den Häusern
  • Verschmutzte Düse des Wasserhahns selbst

Hier müssen Verbraucherinnen und Verbraucher aufpassen: Jeder, der sichergehen will, sollte sich über die Installationen im eigenen Haus informieren und diese mindestens einmal im Jahr fachgerecht säubern – angefangen mit der Düse des Wasserhahns.

Die Spurensuche nach Bakterien im Wassernetz

Die Ursache einer Verunreinigung zu finden, erfordert demnach teilweise große Anstrengungen. Dass Bakterien sich anders verhalten als beispielsweise Zucker oder Salz macht das Ganze nicht einfacher. Denn sie verteilen sich nicht gleichmäßig im Wasser und können sich sogar gegen die Fließrichtung bewegen. Nur durch engmaschiges Testen – in engen Zeitabständen und an vielen Stellen – können die Wasserversorger versuchen, Aufschluss über den Bakterien-Herd zu bekommen.

Im jüngsten Fall in Sindelfingen ist die Ursachenforschung immer noch im Gange: Die Chance, den Ursprung der Enterokokken zu finden, schwinde allerdings, sagt Meyer. Denn zum Schutz der Bevölkerung müssen die Versorger das Wasser chloren und die Leitungen durchspülen. Dadurch werden die Bakterien eliminiert. Umso schwerer wird es aber, die Ursache der Verschmutzung auszumachen.

Wenn das Wasser wieder sauber und genießbar aus den heimischen Hähnen läuft und mehrfache Nachproben unauffällig sind, kann aber schlussendlich wieder in den Normalbetrieb zurückgegangen werden. 

Auch ohne die Ursache je gekannt zu haben.

Ökochecker Flaschenwasser, Leitungswasser oder Bio-Wasser – Welches ist nachhaltiger?

Pro Kopf verbrauchen wir am Tag etwa 125 Liter Trinkwasser. Ist Leitungswasser wirklich die nachhaltigste Art, Wasser zu trinken? Oder vielleicht doch Mineralwasser aus der Flasche? Ökocheckerin Katharina findet es raus!  mehr...

Auf „Abkochgebote“ achten Hochwasser kann Trinkwasser verunreinigen – das ist zu tun

Durch das Hochwasser in Teilen von Rheinland-Pfalz kann es derzeit zu Problemen mit der Trinkwasserversorgung kommen. Entweder fließt es nicht mehr oder könnte verunreinigt sein.  mehr...

Stuttgart

Verunreinigung teils durch eine Fliege Immer wieder Abkochgebote in BW: Ist das Trinkwasser noch sicher?

Im Trinkwasser werden immer wieder Keime entdeckt. Zuletzt am Mittwoch in Bretzfeld. Wie kommt es zu dieser Verunreinigung? Ist das Trinkwasser in Baden-Württemberg sicher?  mehr...

STAND
AUTOR/IN