Das Bild zeigt in einem Spiegel mehrere Fotos. Werden Bustickets billiger verkauft, muss die Stadt das fehlende Geld drauflegen. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Verkehrsexperte Professor Monheim „Geld umschichten, in das, was klimapolitisch hohe Priorität braucht“

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Die Luft in den Städten soll sauberer werden. Etwa dadurch, dass mehr Menschen öffentliche Busse und Bahnen nutzen. Wie gewinnt der öffentliche Nahverkehr bei den Autofahrern?

Professor Heiner Monheim, Stadtplaner und Verkehrsexperte (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
„Nulltarif-Experimente sind ein Schritt in die richtige Richtung", sagt der Stadtplaner und Verkehrsexperte Heiner Monheim von der Universität Trier. Picture Alliance

Lässt sich das Ziel, Busse und Bahnen attraktiver zu machen, dadurch erreichen, dass die Benutzung von Bus und Bahn kostenfrei wird?

Das hängt davon ab, ob man neben dem kostenlosen Angebot das Angebot auch erweitert. Weil es erst einmal einen ziemlichen Ansturm gibt – es hat ja schon öfter solche Nulltarif-Experimente gegeben. Dann ist die entscheidende Frage, ob die Kapazität auch entsprechend weiter verbreitert wird. Ob also mehr Züge, mehr Busse in dichteren Takten als bislang unterwegs sind. Aber im Prinzip ist das ein Schritt in die richtige Richtung, der aber mit entsprechenden Finanzierungs-Regelungen – wo das Geld dafür herkommen soll – verbunden sein muss.

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Muss es auch bauliche Maßnahmen geben, um den Autoverkehr in Städten einzugrenzen? Sollten höhere Parkgebühren Autofahrer zum Umsteigen bewegen? Oder reicht ein kostenloses Nahverkehrsticket?

Wir reden da oft von „Push and Pull“ oder auch von „Zuckerbrot und Peitsche“. Natürlich müssen Sie das, von dem Sie wollen, dass es mehr und häufiger genutzt wird, attraktiver machen. Natürlich muss der Autoverkehr aus vielerlei Gründen Begrenzungen kriegen. Das geht los mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen, die wir dringend brauchen: Tempo 30 innerorts ist seit 30 Jahren eine Forderung, der sich die deutsche Politik bisher verweigert hatte. Aber zurzeit geht das immer nur mit Salamitaktik und mal wieder ein Stück Tempo 30. Eigentlich brauchen wir eine Reform unserer Straßenverkehrsordnung.

Und wir brauchen drastische Eingriffe in der Park-Politik: Das Gehweg-Parken ist eine Seuche, die zu Lasten der Fußgänger geht. Das Radweg-Parken ist eine Seuche, die zu Lasten der Radfahrer geht. Beides gilt bisher als Kavaliersdelikt und wird weder streng kontrolliert, noch streng geahndet. Die entsprechenden Knöllchen sind bislang völlig harmlos. Es gibt andere Länder, die viel energischer gegen dieses Gehweg- und Radweg-Parken vorgehen.

Der Ausbau des Nahverkehrs braucht viel Geld. Wie stellen Sie sich die Finanzierung vor?

Gesetzt den Fall, wir würden so etwas wie einen Nulltarif – oder sagen wir die „Wiener Lösung“ mit dem 365-Euro-Jahresticket – einführen, dann muss das Geld, um neue Busse und Bahnen zu kaufen, von anderswo herkommen. Also brauchen wir eine Reform unserer Verkehrsfinanzierung. Wir haben im Moment eine Finanzierung des öffentlichen Verkehrs, die zu langen Antrags-Staus führt. Da müssten Tausende von Projekt gemacht werden, aber stattdessen sind alle Städte mit ihren Projekten in langen Warteschlangen und haben vielleicht die Perspektive, in 20 Jahren ihr nächstes Schienenprojekt realisieren zu können.

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Also müssen wir da viel Geld hinschaufeln und stattdessen bei Investitionen in unseren Autoverkehr massiv sparen. Im Augenblick haben wir aber noch Tausende von Straßenbauprojekten vor der Brust. Die langjährige und langfristige Ausbauplanung für unsere deutschen Straßennetze – für Bundesstraßen und für Landesstraßen – steht. Das ist alles auf immer mehr Autos und immer mehr Autos ausgelegt. Da müssen wir drastisch sparen und stattdessen das Geld umschichten, in das, was klimapolitisch hohe Priorität braucht: Radverkehr, Fußverkehr und öffentlichen Nahverkehr.

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