Kfz-Schadenregulierung Knausern auf Kosten von Unfallopfern

Es scheint gängige Praxis: Einige Kfz-Haftpflichtversicherungen kürzen willkürlich Posten von Rechnungen oder Gutachten - und verstoßen damit sogar gegen geltende Rechtsprechung.

Dauer

Auch wer schuldlos in einen Verkehrsunfall verwickelt wird, hat immer häufiger Ärger mit der Regulierung des Schadens. Ohne Rechtsanwalt hat man meist keine Chance. Daniela Mielchen, Fachanwältin für Verkehrsrecht, erklärt dazu: "Das sind keine Einzelfälle mehr, das ist wirklich die Masse der Fälle. Jeder Fall wird durchgeguckt, welche Position gekürzt werden kann und dann wird gekürzt."

Hohe Schadensummen und Sparversuche

Rund 2,8 Millionen Blechschäden gibt es pro Jahr. Die Kosten für die Haftpflicht-Versicherer liegen bei circa 11 Milliarden Euro: Für sie geht es um viel Geld. Professor Christian Huber vom Lehrstuhl für Bürgerliches Recht der Universität Aachen erläutert: "Kfz-Sachschaden ist ein Massenschaden. Die Kfz-Haftpflichtversicherer geben rund 75 Prozent der Ersatzleistungen für Sachschäden aus."

Trick 1: Die Schadenssumme kürzen

Wolfram K. auf der Straße vor einem Auto (Foto: SWR, SWR -)
Bei Wolfram K. kürzt die Versicherung die Verbringkosten zum Lackierer. SWR -

Das hat Wolfram K. aus Lübeck erlebt. Er hatte sein Auto vor dem Haus geparkt. Eine Frau fährt beim Rangieren rückwärts auf seinen Wagen. Stoßstange, Blinker und Kotflügel sind kaputt. Der Schaden liegt bei mehr als 3.000 Euro. Für Wolfram K. war die Lage eigentlich eindeutig: "Beim Zurücksetzen hat sie unser Auto getroffen und für sie war es auch eindeutig. Die Polizei mussten wir noch nicht mal holen. Wir haben es dann einfach der Versicherung gemeldet. Für uns war es eigentlich klar, dass das eine schnelle Nummer wird."

Die gegnerische Versicherung jedoch, die HUK-Coburg, bezahlt zwar einen Großteil des Schadens. Doch den Transport zum Lackierer will sie nicht vollständig übernehmen. Auf rund 40 Euro soll Wolfram K. sitzen bleiben. Dass die Versicherung diese Kosten nicht übernehmen will, obwohl sie sogar im Gutachten aufgeführt sind, ist für ihn unverständlich.

Sparen trotz eindeutiger Rechtslage

Kleinere Posten einfach kürzen, in der Hoffnung, dass der Geschädigte die Sache nicht weiterverfolgt? Die Fachanwältin für Verkehrsrecht Daniela Mielchen meint dazu: "Man denkt sich eigentlich so Jahr für Jahr immer wieder eine neue Sau aus, die da durchs Dorf getrieben wird. Jetzt gerade sind es die Verbringungskosten, dann sind es mal wieder die Sachverständigengebühren, absolut nicht auf dem Rücken der Rechtsprechung, sondern auf den Bilanzen der Versicherungen."

Außenansicht der Firma ControlExpert (Foto: SWR, SWR -)
Dienstleister wie ControlExpert prüfen Rechnungspositionen und kürzen systematisch. SWR -

Auch bei Wolfram K. ist die Rechtslage eindeutig. Doch erst als er Klage einreicht, knickt die HUK ein und erstattet schließlich den vollen Betrag. Uns erklärt die Versicherung: "Im konkreten Fall [...] haben wir die Klageforderung aus wirtschaftlichen Gründen gezahlt." Weiter heißt es: Bevor es zu einem Prozess kommt, würde man die Erfolgsaussichten natürlich prüfen.

Die Schadensregulierungspraxis der HUK ist inzwischen auch beim Amtsgericht Coburg aufgefallen:

"Das Gericht nimmt aus einer Vielzahl hier geführter ähnlich gelagerter Rechtsstreitigkeiten irritiert zur Kenntnis, das allgemeine Schadensersatzgrundsätze bei der beklagten Haftpflichtversicherung entweder unbekannt sind oder zu Lasten eines Unfallgeschädigten negiert werden."

Rechnungsprüfung durch externe Prüfinstitute

Fast alle großen Versicherer beauftragen inzwischen externe Dienstleister wie etwa ControlExpert. Sie prüfen mit Hilfe einer Software jede Rechnungsposition und kürzen systematisch, zum Beispiel bei den Stundenverrechnungssätzen. Gerne wird dann auf andere Werkstätten verwiesen, die viel günstiger seien.

Fachanwältin Daniela Mielchen in ihrem Büro (Foto: SWR, SWR -)
Fachanwältin Daniela Mielchen: "Man könnte das auch Betrug nennen." SWR -

Rechtsanwältin Daniela Mielchen hat bei einigen der angeblich günstigeren Werkstätten nachgefragt: "Und es stellte sich regelmäßig heraus, dass die Stundenverrechnungssätze frei erfunden waren. Da wird ganz klar mit falschen Angaben gearbeitet, um den rechtmäßigen Schadenersatz zu drücken. Man könnte das auch Betrug nennen".

Laut einer Forsa-Umfrage sagen rund drei Viertel der befragten Verkehrsrechtsanwälte, dass sich die Schadenregulierung in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert habe. Besonders auffällig: HUK-Coburg, Allianz und VHV.

Im Folgenden sind die laut der befragten Verkehrsrechtsanwälte problematischsten Versicherungsunternehmen aufgelistet. Die Prozentzahl gibt an, wieviel Prozent der Befragten diese Versicherungen im Zusammenhang mit Problemen bei der Schadensregulierung nannten.

HUK-Coburg60 Prozent
Allianz35 Prozent
VHV26 Prozent
HDI11 Prozent
LVM11 Prozent
Kravag10 Prozent
DEVK8 Prozent
Württembergische8 Prozent
R+V7 Prozent
Axa5 Prozent

Quelle: Forsa-Umfrage "Einschätzung zum Regulierungsverhalten der Assekuranz im Bereich Kfz-Haftpflicht aus Sicht von Verkehrsrechtlern", 7.11.2017

Hier können Sie die gesamte Umfrage als Pdf-Dokument herunterladen.

Auf unsere Nachfrage behaupten HUK-Coburg, Allianz und VHV, sie würden besonders häufig genannt, weil sie zu den Versicherern mit den meisten Kunden zählen. Experten aber glauben, dass es auch genau die Versicherungen sind, die bei der Zahlungsvermeidung besonders erfinderisch sind.

So meint Professor Christian Huber, Experte für Schadenregulierung an der RWTH Aachen: "Das sind allerdings auch die Haftpflichtversicherer, die vielleicht für andere die Entwicklung noch einen Schritt weitertreiben möchten und daher probieren die, was geht und was nicht geht."

Trick 2: Zeit schinden

Helmut S. musste mehr als drei Jahre warten, bis die gegnerische Haftpflichtversicherung zahlte. Obwohl die Schuldfrage auch bei dem pensionierten Berufskraftfahrer eindeutig war.

Delle an gelbem Auto (Foto: SWR, SWR -)
Die Versicherung KRAVAG behauptete, der Schaden sei schon vorher da gewesen. SWR -

An einem Baumarkt biegt er in den Parkplatz ein. Ein ausfahrendes Auto schrammt ihm links in die Seite. Ein Schaden von mehr als 3.000 Euro. Auf rund 1.100 Euro soll Helmut S. aber sitzen bleiben. Die KRAVAG, die Versicherung der Unfallverursacherin, weigert sich zu zahlen und behauptet dreist, der Schaden am Stoßfänger sei schon vorher da gewesen und gar nicht durch den Unfall entstanden. Obwohl auch ein Gutachter den Schaden bestätigt, muss Helmut S. schließlich klagen. Er erhält vor Gericht Recht. Die KRAVAG muss zahlen.

Auf unsere Nachfrage redet sich die KRAVAG heraus: "Ist keine Einigung mit dem Unfallgegner möglich, muss das Gericht entscheiden…"

Verkehrsrechtsanwältin Daniela Mielchen: "Sie müssen schuldlos drei Jahre kämpfen, um an ihr Geld zu kommen. Sie müssen eine Menge Geld investieren für Sachverständige und vieles mehr, damit man endlich beweisen kann, dass Sie Recht hatten."

Trick 3: Service mit Tücken

Smartphone mit Rechnung (Foto: SWR, SWR -)
Schnell und einfach? Schadenregulierung per App. SWR -

Ein Unfall mit Lackschaden: Die gegnerische Versicherung, die Allianz, reagiert schnell und bietet Jan K. eine einfache Schadenregulierung per App. Er soll ein paar Fotos machen und so schnell an sein Geld kommen.

Kurz darauf erreicht Jan K. die Nachricht, rund 870 Euro würden überwiesen. Doch dann holt Jan K. einen Kostenvoranschlag seiner Werkstatt ein. Die stellt fest, dass die Reparatur mehr als 1.000 Euro kosten wird. Er schickt den Kostenvoranschlag an die Allianz und die will plötzlich noch weniger zahlen, nur knapp 790 Euro.

Die Allianz argumentiert, der eingereichte Kostenvoranschlag enthalte Positionen, die bei einer Abrechnung ohne tatsächliche Reparatur nicht zu erstatten seien. Auch das ist ein beliebtes Argument der Versicherer, das in vielen Fällen nicht stimmt.

Professor Christian Huber, Universität Aachen (Foto: SWR, SWR -)
Professor Christian Huber, Universität Aachen. SWR -

Die Tricks der Versicherungen sind variantenreich. Das Ziel: Möglichst wenig zahlen. Professor Christian Huber vom Lehrstuhl für bürgerliches Recht der Universität Aachen fasst zusammen: "Der von anderswo bekannte Satz 'Geiz ist geil' gilt hier in vielen Bereichen. Dort geht es darum, bei einem bestehenden Prämienvolumen die Schadenersatzzahlungen möglichst gering zu halten."

Dass die Werkstattrechnung voll bezahlt wird, darauf sollte kein Geschädigter mehr vertrauen.

Tipps, wie man sich schützen kann

  • Notieren Sie nach einem Verkehrsunfall immer alle Daten der beteiligten Fahrzeuge, Fahrer und möglicher Zeugen. Benutzen sie dafür möglichst den Europäischen Unfallbericht, der in jedem Handschuhfach liegen sollte. Hier können Sie den Unfallbericht kostenlos herunterladen.
  • Rufen Sie bei größeren Sachschäden und immer bei Personenschäden die Polizei.
  • Melden Sie den Schaden schnellstmöglich Ihrer und der gegnerischen Versicherung. Ist die nicht bekannt, können Sie sich auch an den Zentralruf der Versicherer wenden, den Sie telefonisch unter 0800 250 260 0 kostenlos rund um die Uhr erreichen.

Das muss die gegnerische Versicherung übernehmen:

Bei einem unverschuldeten Unfall muss die Haftpflichtversicherung des Verursachers die entstandenen Schäden und Kosten übernehmen. Dazu gehören:

Reparaturen: Nach einem Unfall hat man einen Anspruch, dass das Fahrzeug wieder instand gesetzt wird. Die Kosten können dabei sogar über 100 Prozent des Wiederbeschaffungswertes liegen. Liegen die Kosten für eine nötige Reparatur oder Instandsetzung über 130 Prozent des Wiederbeschaffungswerts, übernimmt die gegnerische Versicherung die Kosten für eine Anschaffung eines gleichwertigen Pkw.

Ein Geschädigter kann frei entscheiden, ob er sein Auto in der Werkstatt reparieren lässt oder den Schaden auf der Basis eines Gutachtens abrechnen will (so genannte fiktive Abrechnung). Auch bei einer fiktiven Abrechnung muss die Versicherung die Kosten erstatten, die im Gutachten stehen. Lediglich die Mehrwertsteuer muss nicht erstattet werden.

Wertminderung: Ein repariertes Unfallfahrzeug hat meist einen geringeren Wert als vorher. Diese Wertminderung muss von der Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers übernommen werden.

Behandlungskosten: Wird jemand bei dem Unfall verletzt, kann er die Kosten für die medizinische Behandlung bis zur vollständigen Genesung von der gegnerischen Versicherung verlangen.

Schmerzensgeld: Lässt sich die Gesundheit nicht wieder vollständig herstellen, sind also bleibende Schäden und Beeinträchtigungen entstanden, steht dem Unfallopfer Schadenersatz zu.

Kosten für Rechtsanwälte: Wird für die Regulierung des Schadens ein Rechtsanwalt benötigt, muss die Versicherung des Unfallgegners dessen Kosten in der Regel übernehmen.

Kosten für das Abschleppen des Fahrzeugs: Die Abschleppkosten muss die Versicherung des Verursachers übernehmen. Auch die so genannten Verbringungskosten, wenn das Fahrzeug von der Werkstatt beispielsweise zum Lackierer gebracht werden muss, müssen erstattet werden.

Kosten für Sachverständige: Um die genaue Schadenshöhe und den Umfang der Beschädigungen zu ermitteln, ist oft ein Sachverständiger erforderlich. Dessen Kosten muss die gegnerische Versicherung ebenfalls übernehmen.

Mietwagen: Während der Reparaturdauer hat der Geschädigte Anrecht auf einen Mietwagen. Allerdings sollte der Geschädigte hier Preise vergleichen und nicht das teuerste Fahrzeug nehmen, den ein Geschädigter hat die Pflicht, den Schaden gering zu halten.

Nutzungsausfall: Wer keinen Mietwagen in Anspruch nimmt, hat das Recht sich einen Nutzungsausfall bezahlen zu lassen.

Weigert sich die gegnerische Kfz-Haftpflichtversicherung, auch nach einer angemessenen Frist zur Prüfung der Akten und Unterlagen, zu zahlen, bleibt dem Geschädigten der Weg zum Gericht, am besten mit Hilfe eines spezialisierten Rechtsanwaltes.

Der Text gibt den Stand zum Sendungsdatum wieder

Filmautor: Patrick Jauß
© SWR Marktcheck

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