Glasscherbe in Schokolade Wenn Lebensmittel zur Gefahr werden

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Wenn bei der Herstellung von Lebensmitteln etwas schiefgelaufen ist, muss das Unternehmen sofort einen Rückruf starten. Doch das passiert oft nicht schnell genug.

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Sendedatum
Sendezeit
20:15 Uhr
Sender
SWR Fernsehen

Der Fall: Im September 2019 beißt ein 14-Jähriger in einem Stück Hasselnuss-Schokolade von Milka auf eine Glasscherbe und klagt danach über Zahnschmerzen. Außerdem sei er sich unsicher, ob er vielleicht schon etwas davon verschluckt habe, so die Mutter. Sie nimmt über die Homepage Kontakt mit Milka auf und meldet die Glasscherbe in der Schokolade. Sie hofft, dass sich die Firma so schnell wie möglich zurückmeldet und dass es eventuell auch einen Rückruf gibt. Doch sie wartet zunächst vergebens. Von Milka tagelang keine Reaktion.

Eine Glasscherbe in der Nuss-Schokolade. Wie müsste Milka in so einem Fall handeln? Wir schildern den Fall dem Rechtsanwalt Thomas Schultes. Er sieht die Sache kritisch.

„Da es sich um eine große gesundheitliche Gefährdung handelt, muss man natürlich schnell reagieren und gegebenenfalls zügig einen Rückruf oder eine Verbraucherwarnung organisieren.“

Rechtsanwalt Thomas Schultes

Wir schauen auf die Homepage, finden keinen Hinweis oder Warnung bezüglich der Haselnussschokolade. Nach fünf Tagen meldet sich Milka-Hersteller Mondelez während unserer Recherchen bei der Mutter. Sie soll die Glasscherbe und die betroffene Tafel an Mondelez schicken - man wolle den Fall prüfen.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch beobachtet schon lange, dass viele Unternehmen unsicher sind, wann ein Produkt zurückgerufen werden muss.

„Es zeigt auch mal wieder, es gibt einfach auch Unklarheiten. Wann ist denn eigentlich ein Produkt gesundheitsgefährdend. Wann muss man denn einen Rückruf durchführen. Hier haben die Hersteller zwar die Verantwortung, aber gibt Interessenkonflikte, die ja auch eine Rolle spielen. Rufen wir etwas zurück und riskieren damit auch wirtschaftliche Einbußen. Auf der anderen Seite der gesundheitliche Verbraucherschutz.“

Andreas Winkler, Pressesprecher Foodwatch

Zahl der Lebensmittelrückrufe steigt

Die Zahl der Lebensmittelrückrufe hat sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt. Pro Woche werden im Durchschnitt mehr als drei Produkte zurückgerufen.

Es gibt eine große Bandbreite an Lebensmitteln, vor denen derzeit gewarnt wird, zum Beispiel:

Und Ende September/ Anfang Oktober 2019 wurden Wurstwaren der Firma Wilke zurückgerufen. Einige sollen mit Listerien verunreinigt gewesen sein. Zwei Menschen seien bislang daran gestorben.

Lebensmittelwarnungen sollten Verbraucher auch erreichen

In diesem Fall seien die Verbraucher spät informiert worden, in anderen Fällen würden die Rückrufe kaum publik, kritisiert Foodwatch.

„Was wir sagen können ist, dass es obwohl es mehr Rückrufe gibt, es trotzdem bei der Kommunikation extrem hapert. Nicht immer bekommen Verbraucher oder Verbraucherinnen mit, wenn es einen Rückruf gibt.“

Andreas Winkler, Pressesprecher Foodwatch

Im Netz gibt es zwar viele privat betriebene Produktwarn-Seiten. Aber mit lebensmittelwarnung.de betreibt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die einzige offizielle Homepage.

Für Andreas Winkler von Foodwatch ist das auf der einen Seite eine große Chance, da es sich um eine bei einer Behörde angesiedelte zentrale Stelle handelt. Problematisch findet er aber, dass kaum ein Verbraucher die Seite kenne. Dabei wäre es für Verbraucher wichtig, von Produktrückrufen schnell zu erfahren.

Wie sicher dürfen sich Verbraucher sein, dass sie keine gefährlichen Produkte bekommen?  Das fragen wir den Handelsverbands Lebensmittel:

„Von den Produkten, die hergestellt werden, werden in der Regel Proben genommen. Wenn in diesen Proben bei der Analyse festgestellt wird, dass Höchstgehalte überschritten sind, oder dass Fremdkörper in diesen Proben drin sind, dann werden die Waren zurück genommen, d.h. wenn sie noch im Lager sind, werden sie einfach vernichtet. Wenn sie die Lager schon verlassen haben, in den Regalen der Geschäfte sind, dann macht man sofort einen öffentlichen Warenrückruf...."

Martin Böttcher, Pressesprecher Handelsverband Lebensmittel

Zurück zu Milka. Wir haken bei dem Unternehmen nach. Warum gibt es keinen Produktrückruf? Man antwortet uns:

„In dem vorliegenden Fall waren die Qualitätsaufzeichnungen sowie die Rückstellmuster einwandfrei."

Milka-Hersteller Mondelez

Die Reklamation stelle sich daher

(…) als eine bedauerliche Ausnahme dar, deren Ursache wir uns nicht erklären können.“

Milka-Hersteller Mondelez

Die Scherbe sei ein Einzelfall. Man arbeite in diesem Fall eng mit den zuständen Behörden bei der Ursachenforschung zusammen. Beim Handelsverband meint man dennoch: Die Schokolade hätte zurückgerufen werden müssen.

„Wenn Proben genommen werden, kann es natürlich durchaus auch mal vorkommen, dass – und das sollte nicht passieren – dass bei der eigenen Qualitätskontrolle nicht bemerkt wird, sondern wie in dem Fall, dass das eine Verbraucherin bemerkt. Dann aber muss sofort auch gehandelt werden. Sofort wenn die Verbraucherin merkt, da stimmt was nicht, da müssen die Prozesse sofort anlaufen. Man muss die entsprechenden Chargen kontrollieren und sofort alle Produkte aus dem Verkauf nehmen.“

Martin Böttcher, Pressesprecher Handelsverband Lebensmittel

Die Mutter ist enttäuscht von Milka. Sie hätte sich einen Rückruf der Schokolade gewünscht.

Mehr zum Thema im WWW

Mehr über die Probleme bei Lebensmittelwarnungen haben die Verbraucherschützer von Foodwatch im Report „Um Rückruf wird gebeten: Warum Lebensmittelwarnungen oft zu spät oder gar nicht kommen“ zusammengetragen.

Informationen zu laufenden Lebensmittel- und Produktwarnungen finden Sie auf der Seite Lebensmittelwarnung.de des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.

Auf den Seiten des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden Württemberg (MLR) findet sich eine Übersicht zu weiteren Seiten mit Produkt- und Lebensmttelwarnungen (MLR).

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