Weleda, Dr. Hauschka, Annemarie Börlind & Co Marktcheck checkt Naturkosmetik

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Naturkosmetik liegt im Trend. Wir checken die Marken Weleda, Dr. Hauschka und Annemarie Börlind. Lohnt sich der höhere Preis? Und wie sieht es mit Inhaltsstoffen aus?

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20:15 Uhr
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SWR Fernsehen

Preisvergleich bei Naturkosmetik: Dr. Hauschka und Annemarie Börlind sind teurer als Weleda und dm

Wir vergleichen einen Warenkorb mit zehn vergleichbaren Naturkosmetikprodukten. In unserer Stichprobe sind die Warenkörbe von Dr. Hauschka mit 193,28 Euro und Annemarie Börlind mit 178,70 Euro am teuersten. Die Produkte von Weleda kosten in unserem Fall 108,35 Euro. Ähnliche Naturkosmetikprodukte von dm kosten mit 20,50 Euro am wenigsten.

Der Umsatz mit Naturkosmetikprodukten steigt in Deutschland seit Jahren kontunierlich an: zwischen 2008 und 2018 hat er sich in etwa verdoppelt.

Qualität: Naturkosmetik kann nur bedingt überzeugen

Bei unserem Praxischeck können die Naturkosmetikprodukte nur bedingt überzeugen. Während unsere Testfamilie von der Qualität naturkosmetischer Duschgels, Cremes und Zahlpasta von Dr. Hauschka, Annemarie Börlind und Weleda überzeugt war, zeigte das Make-up bei unserer Tanzgruppe Schwächen. Bei Extremsituationen haben die Naturkosmetik-Make-ups von Dr. Hauschka und Annemarie Börlind gegenüber herkömmlichem das Nachsehen.

Inhaltsstoffe: Naturkosmetik enthält oft weniger potentiell allergieauslösende Stoffe

In Naturkosmetikprodukten sind in der Regel weniger allergieauslösende Stoffe enthalten als in normaler Kosmetik. Bei Naturkosmetika werden dafür häufig ätherische Öle eingesetzt, wodurch aber auch in diesen Produkten mutmaßlich allergieauslösende Duftstoffe enthalten sein können.

Ich würde sagen, dass Naturkosmetika auf jeden Fall besser sind als die meisten anderen Produkte, weil eben kritische Produkte wie Formaldehydabscheider, Dinge, die die Hautbarriere offener machen für andere Schadstoffe, Mineralölprodukte oder auch bestimmte problematische UV-Filter eben da gar nicht enthalten sind.

Dr. Marike Kolossa, Toxikologin am Umweltbundesamt

Dennoch kann es auch bei Naturkosmetikprodukten zu Problemen kommen. In unserem Hautverträglichkeitscheck haben unsere Testerinnen mit der Alterra Creme von Rossmann und der Gesichtscreme von Dr. Hauschka Probleme gehabt. Beide Produkte enthalten viele potentiell allergieauslösende Duftstoffe.

Dr. Hauschka und Weleda setzen auf Anthroposophie

Annemarie Börlind, Dr. Hauschka und Weleda setzen auf ökologisch-nachhaltigen Anbau – sowohl in Deutschland als auch im Ausland. Dr. Hauschka und Weleda ernten und verarbeiten die Rohstoffe nach anthroposophischen Grundsätzen. Die Anthroposophie wurde von Rudolf Steiner begründet. Dabei handelt es sich um eine spirituelle Weltanschauung, bei der die christliche Schöpfungsgeschichte der Erde im Mittelpunkt steht. Bei manchen Naturkosmetikherstellern wird daher die Produktion auch nach den Zeiten des Sonnenauf- und untergangs ausgerichtet.

Image: Weleda ist am bekanntesten

Weleda ist bei unserer Passantenumfrage auf der Bundesgartenschau in Heilbronn die Marke gewesen, die am bekanntesten war. Deutlich weniger Menschen kannten Annemarie Börlind und Dr. Hauschka. Während Weleda große Werbekampagnen erstellt, werben Annemarie Börlind und Dr. Hauschka vor allen Dingen in Fachzeitschriften für sich.

Weleda ist mehrfach so groß wie die anderen Naturkosmetikmarken und demzufolge muss man natürlich auch viel mehr Kommunikation betreiben. Da ist es völlig nachvollziehbar, dass man eben, anders als Börlind oder als Dr. Hauschka, nicht nur vereinzelt Kommunikation betreiben muss, sondern man muss im Grunde fast schon wie ein Konsumgüterhersteller auftreten, weil man eben auch die Masse der Menschen ansprechen will.

Professor Markus Voeth, Marketingexperte an der Universität Hohenheim

Jennifer Lopez, Julia Roberts und Madonna nutzen Naturkosmetik

Annemarie Börlind und Dr. Hauschka sind dennoch international bekannt: So nutzen Prominente wie Jennifer Lopez, Julia Roberts oder Madonna die Naturkosmetikprodukte aus dem Südwesten Deutschlands. Diese Aufmerksamkeit sei für ein Nischenprodukt wie die Naturkosmetik sehr förderlich, sagt Marketingprofessor Markus Voeth.

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„BDIH“ und „Natrue“-Siegel können Verbrauchern helfen

Da Naturkosmetik kein geschützter Begriff ist, nutzen viele Hersteller den Trend für ihre Produkte. Zum Teil handelt es sich dabei um Verpackungen, die einfach nur nach Naturkosmetik aussehen, aber keine enthalten – sogenannte Greenwashingprodukte. Für Die Verbraucher ist es daher schwierig, echte Naturkosmetik zu erkennen. Zwei Siegel können beim Einkaufen allerdings helfen: Das „BDIH“ und das „Natrue“-Siegel. Folgende Dinge regelt das BDIH-Siegel:

Produkte der Petrochemie sind weitestgehend ausgeschlossen, also keine Paraffinöle, keine synthetischen Konservierungsstoffe, Antioxydanzien. In einem bestimmten Maße auch der Verzicht auf Tierversuche und dann auch was Herstellungsverfahren angeht: Ausschluss von Chemikalien, die im Herstellungsprozess verwendet werden, um zum Beispiel als Lösungsmittel zu dienen.

Rainer Plum, Naturkosmetikexperte und Vorstandsmitglied von Reformhaus eG
Die Naturkosmetiksiegel BDIH Cosmos und Natrue (Foto: BDIH/Natrue/SWR -)
Die Naturkosmetiksiegel BDIH Cosmos und Natrue BDIH/Natrue/SWR -

Offiziell wird von Natrue zwischen einfacher „Naturkosmetik“ und der sogenannten „Biokosmetik“ unterschieden. Früher war das mithilfe von kleinen Sternen am Rand des Siegels auch auf der Verpackung der Produkte zu erkennen: Ein Stern bedeutete einfache Naturkosmetik, zwei Sterne: Naturkosmetik mit Bioanteil, drei Sterne zeichneten die höchste Klassifizierung aus und standen für Biokosmetik. Heute lässt sich diese Unterscheidung nur noch über die Internetseite des Verbands einsehen.

Naturkosmetik mit Bioanteil:

  • mindesten 70% der natürlichen* Inhaltsstoffe müssen aus kontrolliert biologischem Anbau und/oder kontrollierter Wildsammlung stammen
  • Im Vergleich zu der ersten Stufe verlangt Natrue höhere Untergrenzen für natürliche und niedrigere Obergrenzen für naturnahe Inhaltsstoffe.

Biokosmetik:

  • mindestens 95% der natürlichen* Inhaltsstoffe müssen aus kontrolliert biologischem Anbau und/oder kontrollierter Wildsammlung stammen
  • Im Vergleich zu der zweiten Stufe verlangt Natrue noch höhere Untergrenzen für natürliche und noch niedrigere Obergrenzen für naturnahe Inhaltsstoffe.

Haltbarkeit von Naturkosmetik

Bei den meisten Naturkosmetiksiegeln sind nur fünf milde Konservierungsstoffe zugelassen. Oft greifen Naturkosmetikhersteller deshalb zu Alkohol als Haltbarkeitsmacher oder nutzen die leicht konservierenden Nebeneffekte anderer pflanzlicher Inhaltsstoffe. Die lange Haltbarkeit herkömmlicher Produkte werde so jedoch trotzdem nicht erreicht, sagt Monika Lexe vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe (CVUA).

Wir untersuchen hier im Labor jährlich über 3.000 verschiedene Kosmetikprodukte. Da fällt schon immer wieder auf, dass Naturkosmetikartikel nicht so lange halten wie herkömmliche Produkte. Deshalb gilt es hier, besonders auf das Mindesthaltbarkeitsdatum zu achten. 

Monika Lexe, CVUA Karlsruhe

Die Expertin wirft für uns einen Blick auf die Konservierungsmittel und die Haltbarkeitsangaben von Tagescremes. Dabei fällt ihr auf: Auf den Cremes von Müller und Börlind sucht man das Mindesthaltbarkeitsdatum vergeblich. Hintergrund: Nur, wenn ein Produkt weniger als 30 Monate haltbar ist, muss ein Hersteller das Datum auf die Verpackung drucken.

Auf manchen Kosmetikverpackungen ist, wie hier auch bei Müller und Börlind, dann oft das Symbol eines Cremetiegels abgebildet, in dem eine kleine Zahl steht. Das soll dem Verbraucher dann anzeigen, wie lange er das Produkt nach dem Öffnen verwenden kann.

Monika Lexe, CVUA Karlsruhe

Ihr Tipp: Beim Öffnen eines Produkts einfach das Datum auf die Verpackung schreiben, um sich an den Zeitpunkt auch später noch zu erinnern.

Bei der Verwendung von Produkten in Tuben oder auch bei Produkten in Pumpflaschen gelangen keine Keime ins Produkt. Bei Tiegeln sieht das allerdings anders aus. Da geht man als Verwender jedes Mal mit dem Finger in die Creme und auch wenn man sich vorher die Hände gewaschen hat – es kommen einfach automatisch Keime ins Produkt und dadurch ist, gerade wenn so wenige Konservierungsmittel enthalten sind wie bei Naturkosmetikprodukten, die Creme einfach schneller verunreinigt und läuft schneller ab. Aus dem Grund ergeben Tiegel als Verpackungsform für mich heutzutage auch absolut keinen Sinn mehr.

Monika Lexe, CVUA Karlsruhe

Fairness: Mitarbeiter sind zufrieden

Wir haben mit mehreren ehemaligen Mitarbeitern von Annemarie Börlind, Wala (Hersteller von Dr. Hauschka) und Weleda gesprochen. Vor allem bei Weleda und Wala hören wir hauptsächlich Positives. Gerne hätten wir uns selbst einen Eindruck von Hersteller Wala verschafft, doch trotz mehrfacher Anfragen wollte man uns dort nicht drehen lassen.

Im Gespräch mit ehemaligen Annemarie Börlind-Mitarbeitern erfahren wir: Hier scheinen Entscheidungsprozesse und die Strukturen des Unternehmens aktuell ein Knackpunkt zu sein. Denn alle Entscheidungen hingen von der Inhaberfamilie Lindner ab. Es gebe auch einen externen Berater, der Ordnung ins Unternehmen bringen soll, sagen ehemalige Mitarbeiter. Dennoch haben alle von uns befragten Mitarbeiter gerne dort gearbeitet.

Wir haben einen Experten im Haus, der sich um unsere Prozesse, unsere Strukturen und unsere Abläufe kümmert. Wir wachsen seit Jahren ganz stark an allen Ecken und Enden und da ist uns wichtig, dass wir gesund wachsen.

Alicia Lindner, Vertriebsleitung Annemarie Börlind

Die Verpackungen von Naturkomsetika sind nicht sehr nachhaltig

Während die Inhaltsstoffe von Naturkosmetik-Produkten nachhaltig produziert werden, dafür aber teilweise einen langen Transportweg haben, ist insbesondere die Verpackung nicht besonders nachhaltig.

Hier ist noch Vieles zu verbessern. Ich würde sagen, das sind ganz normale Verpackung, wie sie auch im Bereich der nicht nachhaltigen Produkte eingesetzt werden.

Günter Dehoust, Nachhaltigkeitsexperte am Öko-Institut Berlin

So seien schwere Kunststoffdeckel verwendet worden, die schwerer seien, als die gesamte Verpackung anderer Produkte. Zudem seien die Tuben und Tiegel teilweise nur schwer zu entleeren, sagt der Nachhaltigkeitsexperte.

Fazit

  • Qualität: Unsere Testfamilie hat die Naturkosmetik überzeugt. In unserem Härtetest kann das Make-Up nicht bestehen.
  • Image: Bei Naturkosmetik fällt den meisten Verbrauchern Weleda ein. Dr. Hauschka und Börlind sind vielen kein Begriff. Hier ist noch Luft nach oben.
  • Inhaltsstoffe: Viele schädliche Stoffe sind in Naturkosmetik verboten. Allerdings können auch in der natürlichen Pflege reizende Duftstoffe enthalten sein. Insgesamt ist echte Naturkosmetik besser als Konventionelle.
  • Fairness: Die Mitarbeiter arbeiten gerne bei den Unternehmen. Vor allem Weleda und Dr. Hauschka legen viel Wert auf ein nachhaltiges Arbeitsumfeld. Alle drei Unternehmen investieren in ökologisch und sozial durchdachte Anbauprojekte, sowohl in Deutschland als auch im Ausland. Nachhaltigkeit soll ganzheitlich gedacht werden. In Sachen Verpackung hakt das allerdings noch.

Dieser Beitrag gibt die Rechercheergebnisse der Erstausstrahlung vom 03.09.2019 wieder.

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