Verfolgt auf Schritt und Tritt Wie sich Stalking-Opfer wehren können

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Die Opfer von Stalking trauen sich nicht mehr aus dem Haus, fühlen sich ständig verfolgt. Am Ende von Stalking steht oft körperliche Gewalt. Doch Betroffene können sich wehren.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
21:00 Uhr
Sender
SWR Fernsehen

Was versteht man unter Stalking?

Unter Stalking versteht man wiederholtes Verfolgen, Nachstellen, Belästigen, Bedrohen und Terrorisieren einer Person gegen deren ausdrücklichen Willen bis hin zu körperlicher und psychischer Gewalt.

Wer wird gestalkt?

Stalking kann jeden treffen. Betroffen sind Menschen jeden Alters, jeder Berufs- und Einkommensgruppe, jeder Religion und Nationalität. Gestalkt werden Frauen und Männer, wobei Frauen überdurchschnittlich betroffen sind. Sie machen rund 80 Prozent der Opfer aus.

Wer stalkt?

Die meisten Stalker sind ehemalige Beziehungspartner, aber auch Freunde, Arbeitskollegen, Familienmitglieder oder flüchtige Bekannte. In rund zwei Dritteln der Fälle kennen die Betroffenen die stalkende Person.

Was kann man tun, wenn man betroffen ist?

Stalking versetzt viele Betroffene in eine Ausnahmesituation und kann psychisch stark belastend sein. Die persönlichen Strategien, mit denen Menschen mit dem Geschehen umgehen und es verarbeiten, sind unterschiedlich. Es gibt dafür keine Patentrezepte. Es gibt aber einen Maßnahmenkatalog, der weiterhilft und auch Orientierung bieten kann:

  • Bei akuter Bedrohung wählen Sie 110!
  • Wenn Sie bedroht oder unter Druck gesetzt werden, melden Sie dies unbedingt der Polizei.
  • Erstatten Sie Anzeige.
  • Denken Sie über ein gerichtlich erwirktes Kontaktverbot nach!
  • Holen Sie sich Unterstützung. Und auch wer „nur“ ein ungutes Gefühl hat und sich nicht sicher ist, ob es sich wirklich um Stalking handelt, sollte sich Hilfe organisieren.
  • Gute Anlaufstellen sind Fachberatungsstellen für Stalking-Opfer, dazu zählen beispielsweise das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen und der Operhilfeverein Weißer Ring e.V.
  • Machen Sie dem Stalker unmissverständlich klar, dass Sie keinerlei Kontakt wünschen, am besten in Gegenwart von Zeugen. Lassen Sie sich nicht auf Diskussionen oder ein „letztes klärendes Gespräch“ ein. (mehr dazu weiter unten im Text)
  • Falls Sie von der stalkenden Person verletzt wurden, lassen Sie Ihre Verletzungen nicht nur medizinisch behandeln, sondern zugleich auch dokumentieren.
  • Dokumentieren Sie ferner alle Anrufe, Nachrichten oder Briefe. Führen Sie Tagebuch, notieren Sie jeden, auch fehlgeschlagene Kontaktversuche, und was das für Auswirkungen auf sie hat.
  • Alternativ bietet sich dafür die App „No Stalk“ des Weißen Ringes an. (mehr dazu weiter unten im Text)
  • Nehmen Sie keine Warensendungen an, die Sie nicht bestellt haben.
  • Gehen Sie sorgsam mit Unterlagen um, auf denen sich Ihre persönlichen Daten befinden. Geben Sie diese nicht ungeschreddert in den Müll.
  • Schildern Sie Ihrer Familie, Ihren Freunden, Kollegen oder Nachbarn die Situation. Sie können Sie unterstützen und warnen.
  • Lassen Sie sich bei Telefonterror und Cyber-Stalking, über technische Schutzmöglichkeiten wie Anrufbeantworter oder Fangschaltungen beraten. Damit kann man sich zumindest teilweise abgrenzen und auch Beweise sammeln.
  • Hilfreich sind auch eine Geheimnummer und das Ändern der persönlichen E-Mail-Adresse.

App „No Stalk“ statt Tagebuch

Betroffene folgen oft dem Impuls, ungewollte Nachrichten sofort zu löschen. Sinnvoll ist aber genau das Gegenteil: Botschaften sollten als Beweismittel gesammelt werden, da man in der Nachweispflicht ist, wenn man Stalking anzeigen will.

Der Weiße Ring e.V. bietet dafür die App „No Stalk an. Damit lassen sich Belästigungen digital dokumentieren. Der Vorteil im Vergleich zu einem klassischen Tagebuch ist, dass die Geschehnisse nicht aus der Erinnerung heraus dokumentiert werden müssen, sondern zu dem Zeitpunkt erfasst werden, an dem sie erlebt werden.

Mit "No Stalk" lassen sich Fotos, Videos und Töne aufnehmen, dazu können auch WhatsApp- oder SMS-Nachrichten direkt in die App geladen werden. Ein Hilfe-Button ermöglicht es Nutzern, den Polizei-Notruf oder das Opfertelefon des Weißen Rings zu kontaktieren oder eine Info-SMS an eine hinterlegte Telefonnummer zu schicken.

Die kompletten Dokumentationen werden im Smartphone verschlüsselt und sofort in ein sicheres Rechenzentrum in Deutschland übertragen. Die Daten der Vorfälle verbleiben nicht auf dem Smartphone, sondern werden in chronologischer Reihenfolge in der App erfasst. So sind die Beweise gesichert, selbst wenn das Handy verloren geht oder der Stalker es in die Hände bekommt.
Da sich der Weiße Ring bei der Entwicklung auch mit den Strafverfolgungsbehörden abgestimmt hat, lassen sich die per App dokumentierten Beweise auch für eine Anzeige verwerten.

Konsequenz zahlt sich mehrfach aus

Die Stalking-Expertin und ehemalige Kriminalkommissarin Sandra Cegla rät dringend dazu, sich als Stalking-Oper sehr konsequent zu verhalten. Wer die Möglichkeit hat, den Kontakt abzubrechen, sollte das auch tun und vor allem durchhalten. Verhält sich der Betroffene gegenüber dem Stalker jedoch ambivalent, lässt er sich also beispielsweise zu einem „klärenden Gespräch“ erweichen, hat das ihrer Erfahrung nach oft zur Folge, dass sich das Stalking verschärft und die Gefahrensituation mitunter schlimmer wird. Außerdem setze man mit so einem Verhalten auch seine Glaubwürdigkeit vor Gericht herab, so die Expertin.

Frust im Erleben der Polizeiarbeit

Wenn Betroffene Stalking anzeigen, wünschen sie sich, dass es sofort aktive Maßnahmen von Seiten der Polizei gibt. Meistens werden aber erstmal Ermittlungen im Hintergrund geführt. Betroffene bekämen die polizeiliche Arbeit daher gar nicht so sehr mit und seien mitunter enttäuscht, so Sandra Cegla. Außerdem fehlt nach Ansicht der Stalking-Expertin ein einheitliches Konzept bei der Polizei, das festlegt, wie mit Stalking umgegangen werden kann. Und es gibt ihrer Meinung nach noch nicht ausreichend viele konkret für Stalking ausgebildete Spezialisten auf den Dienststellen.

Erwirken eines Kontaktverbotes

Wer sich bei der Polizei nicht angemessen behandelt fühlt, kann sich auch an ein Familien- bzw. Amtsgericht wenden und dort ein Kontaktverbot erwirken. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Beschluss nach dem Gewaltschutzgesetz, der dem Stalker untersagt, sich dem Betroffenen zu nähern.

Tipp: Alle Beteiligten aktiv informieren

Sehr häufig sind die Institutionen, die mit einem Stalking-Fall zu tun haben, nicht ausreichend genug miteinander vernetzt. Das liegt zum Teil an internen Abläufen, ist teilweise aber auch dem Datenschutz geschuldet. Beteiligte Institutionen können neben der Polizei zum Beispiel das Familiengericht, das Jugendamt oder der Rechtsanwalt sein. Um sicherzustellen, dass alle zeitnah über ein Kontaktverbot und über alle Geschehnisse danach informiert sind, empfiehlt die Expertin sich selbst darum zu kümmern und die Informationen an alle weiterzugeben.

Mehr zum Thema im WWW

Stalking - die unterschätzte Gewalt: Infoseite des Opherfilfevereins Weißer Ring e.V.

Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: Unterstützung für Frauen in Not vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben

Mehr Schutz bei häuslicher Gewalt: Broschüre des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (kostenlos zum Downloaden)

Opferfibel - Rechte von Verletzten und Geschädigten in Strafverfahren: Broschüre des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (kostenlos zum Downloaden)

Stalking - Was es bedeutet, wie es dazu kommt und was für Folgen es hat: Infoseite der Polizei

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