Internetshop (Foto: SWR)

Schwankende Online-Preise Dynamic pricing – ahnungslose Kunden zahlen drauf

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65 Milliarden Euro haben Deutsche 2018 online ausgegeben – Tendenz steigend. Doch wer zur falschen Uhrzeit kauft, zahlt mehr: Bis zu 100 Mal ändern Onlinehändler täglich den Preis.

Ein Produkt, anderer Preis - je nach Zeitpunkt oder Ort, von dem geshoppt wird. Schlau ist es, vor allem nachts im Internet einzukaufen. Wer spontan und ohne nachzudenken beim Kaufrausch mitmacht, zahlt mehr als die strategischen Kunden.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:15 Uhr
Sender
SWR2

„Es kann durchaus sein, dass ich morgens eine Hose für 200 Euro angeboten bekomme, am Nachmittag die Hose nur noch 75 Euro kostet und am Folgetag aber wieder auf 150 hochgeht.“

Kirstin Dautzenberg, Verbraucherzentrale Brandenburg

Das flexible Anpassen der Preise von Produkten oder Dienstleistungen bezeichnet man als „dynamic pricing“. Genutzt wird diese Preisstrategie vor allem von größeren Online-Händlern. Laut Branchenschätzungen benutzt fast jeder zweite Online-Shop „dynamic pricing“, allen voran der Branchen-Riese Amazon.

Algorithmen für Marketing und Verkauf in vielen Branchen

Aber nicht nur der Online-Handel ist betroffen: Auch Skigebiete, Hotels und Fluglinien experimentieren mit der Strategie. Das Ziel: Die Auslastung erhöhen und den Durchschnittspreis steigern. Gut für die Händler, schlecht für Spontankäufer.

Die Preise werden laufend Mithilfe von Algorithmen berechnet. Am wichtigsten dabei ist,

  • wieviel Produkte der Händler selbst auf Lager hat,
  • wie groß die Nachfrage ist,
  • wieviel die Konkurrenz zur selben Zeit für das gleiche Produkt verlangt.

Laut einer Studie kann sich der Preis bis zu 100 Mal am Tag verändern. Die Verbraucherzentrale Brandenburg beobachtete innerhalb eines Monats bei 37 Prozent aller Artikelpreise eine Veränderung. Im Extremfall stiegen und fielen die Preise bis zu 105 Prozent im Vergleich zum mittleren Produktpreis.

Abstufungen von Preisen nach Kundenprofilen sind laut der Verbraucherzentrale Brandenburg prinzipiell nicht verboten, zum Beispiel eine Abstufung nach Standort. Nicht erlaubt sind allerdings preisliche Unterschiede aufgrund des Geschlecht oder der ethnischen Herkunft.

Bei Regen gibt es Grillgut womöglich bald günstiger

Im Einzelhandel gibt es das „dynamic pricing“ aktuell noch nicht. Das könnte sich demnächst aber ändern. Stichwort: Lebensmittelverschwendung. So testet eine niederländische Supermarktkette ein computergesteuertes System, das Produktpreise nach Verfallsdatum, dem Wetter und dem Vorrat im Geschäft steuert. Der Rabatt errechnet sich beispielsweise automatisch nach dem Verfallsdatum: Je näher das rückt, desto günstiger wird das Produkt. Oder: Wenn es draußen regnet, ist das Grillfleisch billiger. Deutschlandweit werden jedes Jahr viele Millionen Tonnen an Lebensmitteln weggeworfen. „dynamic pricing“ sehen Experten als sinnvolle Maßnahme, um das Problem zu bekämpfen.

Hier muss man aufpassen

Stammkunden werden benachteiligt! Kunden, die über die Google-Suche auf einen Onlinehändler kommen, gelten oft als Neukunden und werden mit günstigeren Preisen gelockt. Wohingegen andere, die direkt auf die Homepage des Händlers gehen, als Stammkunden gelten. Die müssen dann manchmal mehr zahlen. Auch das gewünschte Produkt kann über den Preis entscheiden. Unternehmen gehen davon aus, je teurer das Produkt ist, desto zahlungskräftiger ist der Kunde. Bei teureren Produkten schlagen Händler also gerne mal etwas mehr drauf. Auch von wo aus eingekauft wird, kann sich auf den Preis auswirken: In höherpreisigen Wohngegenden zahlt man oft mehr als in günstigeren Gegenden. Pendler könnten das ausnutzen.

Symbolbild: Eine Person sitzt mit Smartphone und EC-Karte vor einem Laptop (Foto: Colourbox, Prathan Chorruangsak)
Der Preis hängt auch davon ab, von wo und mit welchem Gerät eingekauft wird. Prathan Chorruangsak

„‚Dynamic pricing‘ macht uns das Einkaufen nicht leichter und spart auch keine Zeit – im Gegenteil. So kann man auch ab und zu mal in den stationären Handel gehen und da schauen, wie die Preise sind, anstatt viel Zeit im Netz zu verbringen.“

Kirstin Dautzenberg, Verbraucherzentrale Brandenburg

Wie man den Preiserhöhungen geschickt aus dem Weg gehen kann

Tipp 1: Nicht nur oberflächlich recherchieren

Wer viel sucht und vergleicht, findet den fairsten Preis. Auf dem Handy sollte man auch mit dem Browser suchen, anstatt immer die App des Händlers zu benutzen. Generell gilt: Käufe nicht überhasten, sondern sich Zeit nehmen. Denn „dynamic pricing“ basiert auch auf dem Faktor, dass Kunden nicht viel Zeit investieren wollen.

Tipp 2: Benachrichtigungen nutzen

Manche Vergleichsportale bieten einen Benachrichtigungsdienst. Dort trägt man den Preis ein, den man für das Produkt bezahlen würde. Das Portal schickt dann eine Nachricht, wenn es zum gewünschten Preis angeboten wird. Am besten bei mehreren Vergleichsportalen vorbeischauen.

Tipp 3: Produkte auch mal länger im Warenkorb liegen lassen

Durch Rabatte versuchen die Händler, Kunden zum Kauf zu drängen. Wenn man länger zögert, könnte das also mit einem nachträglich günstigeren Preis belohnt werden.

Tipp 4: Zur richtigen Zeit einkaufen

Der Zeitpunkt der Anschaffung spielt eine große Rolle. Das gilt sogar im doppelten Sinn: Niedrigere Preise gibt es vor allem dann, wenn gerade keiner einkauft, sprich Mitternacht oder später. Außerdem empfiehlt es sich, Modeartikel außerhalb der Saison zu kaufen. Im Winter kann man beispielsweise bei Bademode mit enormen Preisnachlässen rechnen.

Tipp 5: Cookies löschen

Ratsam ist es, die Cookies im Browser zu entfernen. Diese speichern unter anderem das Surf-Verhalten im Internet. So wissen Händler, ob der Kunde schon mal auf ihrer Seite war. Alles Informationen, die in das „dynamic pricing“ einfließen.

Tipp 6: In Geschäften das Personal über die Preise der Konkurrenz informieren

Vor Ort kann man im Laden die Angestellten darauf hinweisen, dass das Produkt im Online-Store oder bei der Konkurrenz zu einem niedrigeren Preis verkauft wird. Möglicherweise lenken die Mitarbeiter dann ein, und der Preis wird angepasst.

Tipp 7: Den Preis auf Smartphone und PC vergleichen

Die Verbraucherzentrale Brandenburg hat im Rahmen ihrer Recherchen festgestellt, dass es einen Unterschied macht, ob man mit Mobil-Gerät oder PC einkauft. Aufpassen muss man vor allem bei Mobil-Geräten: Hier werden die Nebenkosten, wie etwa der Versand, nicht immer vollständig angezeigt.

„Auch wichtig: Immer auf die Versandkosten achten. Bei Amazon kam heraus, dass diese je nach Endgerät bei einigen Produkten unterschiedlich hochgefahren werden.“

Kirstin Dautzenberg, Verbraucherzentrale Brandenburg
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