Nahrungsergänzungsmittel Wie Juice Plus seine Produkte verkauft

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„Juice Plus+“ verspricht ein unbeschwertes Leben durch Nahrungsergänzungsmittel. Die Firma wirbt dabei offensiv junge Menschen über soziale Netzwerke an. Was ist davon zu halten?

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Eine Nachricht auf Facebook: „Ich bin zur Zeit auf Social Media mit einem Fitnesskonzept unterwegs“, schreibt ein Unbekannter unserer Reporterin. „Hättest Du Interesse mit mir als Deinem persönlichen Ansprechpartner Dein körperliches Ziel zu erreichen?“

Unsere Reporterin Annika Erbach ist neugierig und verabredet sich zum Videotelefonat. Es stellt sich heraus, dass der Mann, der sie angeschrieben hat, für die Firma „Juice Plus+“ aus Basel arbeitet, die Vitaminpräparate mit Auszügen aus Obst und Gemüse verkauft. Die Produkte kosten teilweise mehrere Hundert Euro.

SWR-Reporterin Annika Erbach (Foto: SWR)
Annika Erbach, SWR-Reporterin

Um die teuren Pillen zu finanzieren, könne sie als Verkäuferin einsteigen, schlägt der Mann vor. Dass sie keine Ahnung von Fitness und Ernährung habe, spiele keine Rolle. Die Verdienstmöglichkeiten klingen vielversprechend: Zusätzlich zur Verkaufsprovision gäbe es von Juice Plus noch großzügige Bonuszahlungen. Als „Presidential Marketing Director“ – kurz PMD -könne man allein mit Bonuszahlungen 108.000 Euro im Monat verdienen – zusätzlich zur Provision. Ab sofort bekommt unsere Reporterin regelmäßig Video-Schulungen, in denen sie motiviert wird, neue Franchise-Partner zu werben. An deren Umsätzen verdiene sie schließlich mit, sodass sie irgendwann gar nicht mehr selbst zu arbeiten brauche. Wenn das mal nicht verlockend klingt.

Ist der Verdienst wirklich so hoch?

Unsere Reporterin kauft sechs Dosen der Nahrungsergänzungsmittel für rund 300 Euro, eine Vierteljahres-Packung. Ohne es zu wissen, schließt sie damit automatisch ein Jahresabo ab – das sie am Ende der Recherche wieder kündigt. Ihr Verdienst: 30,60 Euro Provision für die Produkte, die sie für sich selbst gekauft hat. Hätte sie wirklich über 100.000 Euro im Monat verdienen können, wenn sie die Produkte weiterverkauft und neue Franchise-Partner angeworben hätte?

Der Ex-Franchise-Partner von Juice Plus, Oliver Schulung (Foto: SWR)
Oliver Schulung, Ex-Franchise-Partner von Juice Plus

Wir treffen Oliver Schlung – auch er war Franchise-Partner von Juice Plus. Reich geworden ist er allerdings nicht. „Ich habe lediglich 200-300 Euro verdient“, erzählt er. „Ich habe viel Zeit investiert, habe damals sogar meinen Hauptjob auf Teilzeit gestellt, damit ich mehr Zeit habe für Juice Plus+. Aber es war unglaublich schwer, erstmal die Leute zu überzeugen aus meiner Unwissenheit heraus, weil ich weder was mit gesunder Ernährung und Sport zu tun hatte. Ich hatte zwar früher Leistungsfußball gespielt, allerdings bin ich kein Gesundheitsexperte oder Ernährungsexperte und konnte die Leute dementsprechend auch nicht beraten.“

Nach einem halben Jahr zieht er die Notbremse, steigt aus. Die Verkaufspraktiken, die er bei manchen Kollegen beobachtet hat, sieht er inzwischen kritisch. Juice Plus+ spiele mit den Hoffnungen der Angeworbenen.

Was steckt hinter dem Verkaufssystem von Juice Plus?

Der Rechtswissenschaftler Prof. Erik Kraatz (Foto: SWR)
Prof. Dr. Erik Kraatz, Rechtswissenschaftler

Der Wettbewerbsrechtler Erik Kraatz beschäftigt sich regelmäßig mit solchen Netzwerk Marketing Unternehmen. Nach seiner Beurteilung aufgrund des Vergütungsplans von Juice Plus+ sieht er hier eine progressive Kundenwerbung vorliegen, die illegal ist. Progressive Kundenwerbung sei immer dann der Fall, „wenn das ganze System darauf ausgelegt ist, dass es zu einem Kettenelement kommt. Das heißt, dass das System am Laufen gehalten wird, dass es nicht mehr darum geht das Produkt zu verkaufen, sondern dass man die Einkünfte primär dadurch erhält, dass man neue Kunden wirbt, die dann wieder weitervermitteln.“

Auch die angeworbenen Freelancer – wie unsere Reporterin – können sich strafbar machen, allerdings nur wenn sie selbst neue Vertriebler werben.

Wie gesund sind die Nahrungsergänzungsmittel?

Der Ernährungswissenschaftler Prof. Andreas Michalsen (Foto: SWR)
Prof. Andreas Michalsen, Ernährungsmediziner

Drei Wochen lang schluckt unsere Reporterin Annika Erbach die Juice-Plus-Kapseln im Selbst-Test. Haben sie etwas bewirkt? Davor und danach macht sie einen Blut-Test bei Ernährungsmediziner Prof. Andreas Michalsen in Berlin. Das Ergebnis: Man sieht einen ganz geringen Anstieg von vier Vitaminen. Jedoch hatte sie vorher gar keinen Mangel, weshalb die Nahrungsergänzungsmittel für sie unterm Strich völlig unnötig waren.

Was sollen die Vitamin-Präparate also? Juice Plus+ schreibt uns auf Nachfrage: „In Zeiten eines erwiesenen unzureichenden Obst- und Gemüseverzehrs kann Juice Plus+ als Ergänzung der täglichen Ernährung einen unterstützenden Beitrag in der Nährstoffversorgung leisten.“

Juice Plus Nahrungsergänzungsmittel (Foto: SWR)
Nahrungsergänzungsmittel von Juice Plus

„Das braucht kein Mensch“, sagt Prof. Andreas Michalsen dazu. „Damit kann man viel Geld verdienen. Ich denke, das ist wahrscheinlich die einzige Absicht, die dahinter steht und es ist eigentlich sehr schade, wenn Menschen dafür Geld ausgeben. Jede andere Form von Geldausgabe für Ernährung ist besser als das.“

Statt Geld für teure Kapseln auszugeben, sollte man lieber frisches Obst und Gemüse kaufen. Das ist unterm Strich auch günstiger.

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