Der Finanzcoach Lebensversicherungen als Verlust-Risiko?

Marktcheck rechnet nach. Die bei Abschluss errechneten Beträge werden nicht mehr komplett ausgezahlt, manche Versicherungen stoßen die Policen sogar ab. Finanzcoach Barbara Sternberger-Frey klärt auf.

Dauer

Vor Jahrzehnten haben Anbieter von Kapitallebensversicherungen Neukunden noch mit Garantieversprechen von vier Prozent und mehr gelockt. Lebensversicherungen waren die Altersvorsorge schlechthin: Aktuell laufen 84 Millionen Lebensversicherungsverträge in Deutschland. Die Tendenz ist zwar rückläufig, allerdings besitzen viele Menschen auch mehrere Verträge.

Niedrige Zinsen

Die Zeiten haben sich jedoch geändert. Seit etwa einem Jahrzehnt sind die Versicherer mit einer Phase außerordentlich niedriger Zinsen konfrontiert, die mittlerweile bei Null liegen. Sie können ihre hohen Zinsversprechen von früher daher nicht mehr erfüllen.

Versicherer haben sich "massiv verkalkuliert"

Jahrelang hätten die Unternehmen den Kunden viel zu optimistische Ablaufleistungen in Aussicht gestellt, kritisiert der Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten (BdV): "Die derzeitigen Probleme der deutschen Lebensversicherer waren schon lange Zeit absehbar. Die Versicherer haben sich in den 90er Jahren massiv verkalkuliert und haben zu hohe Garantien in die Produkte eingerechnet."

Versicherer verkaufen Verträge

Für viele Lebensversicherer lohnt sich das Geschäft nicht mehr. Einige verkaufen ihre Bestände daher an Finanzinvestoren - diesen Vorgang nennt man "Run off". Die Ergo beispielsweise hat das Neugeschäft mit Lebensversicherungen eingestellt, führt aber Altverträge selbst weiter.

Anders Generali: Der Konzern hat die bestehenden Policen, immerhin vier Millionen Verträge im Wert von Rund 37 Milliarden Euro, an den Run-off-Spezialisten Viridium verkauft. Viridium erklärt, man werde die Verträge in vollem Umfang einhalten und stellt sogar Kosteneinsparungen in Aussicht.

Zweifelhafte Versprechungen?

Axel Kleinklein vom BdV glaubt den vollmundigen Erklärungen jedoch nicht. "Ich gehe davon aus, dass jeder Investor sein Geld investiert, um am Schluss Rendite rauszuholen. Das geht bei einem Run-off-Unternehmen eigentlich nur über Kostengewinne - die wir nicht erwarten - oder aber indem die Verträge ausgepresst werden: Den Kunden werden Überschüsse vorenthalten, die dann beim Investor landen."

Kunden der betroffenen Versicherungen sind gegen den Verkauf ihrer Verträge leider machtlos.

Was können Verbraucher tun?

Versicherte sollten in jedem Fall ihren Vertrag überprüfen lassen - vor allem, wenn von der Laufzeit noch viel übrig ist und/oder der Vertrag von der Versicherungsgesellschaft verkauft wird.

Ein Mann berechnetmit einem Taschenrechner die Kosten für seine Versicherung. (Foto: © Colourbox.de - torwai)
Versicherte sollten ihre Lebensversicherungs-Verträge prüfen. © Colourbox.de - torwai

Der Bund der Versicherten bietet auf seiner Website einen Vergleichsrechner an.

Standmitteilung muss gewisse Infos enthalten

Eine gute Nachricht bezüglich der Standmitteilungen gibt es übrigens: Seit Sommer 2018 regelt eine neue Bestimmung, dass die Versicherer ihre Kunden detaillierter informieren müssen. Garantierte Leistung, bereits zugesicherte Überschüsse und künftige Überschüsse müssen nun kommuniziert werden.

Kündigung lohnt meist nicht

Spontan die Versicherung zu kündigen ist generell nicht empfehlenswert. Häufig bekommt man hier weniger heraus, als man eingezahlt hat. Zudem haben Altverträge häufig eine vergleichsweise gute Rendite.

Ratingagenturen wie Morgen & Morgen bewerten regelmäßig Versicherungsgesellschaften im Hinblick auf ihre Sicherheit, Zuverlässigkeit und Rendite. Schlusslicht im aktuellen Rating mit nur einem von fünf Sternen sind unter anderem die Barmenia, die Landeslebenshilfe und die Rheinland Versicherung. Ganz oben im Rating landeten Debeka, Alte Leipziger und Allianz. Hier finden Sie die gesammelten Ergebnisse des Ratings.

Bessere Möglichkeiten als die Kündigung sind, die Police erst einmal beitragsfrei zu stellen oder sie zu verkaufen. Auf Policen spezialisierte Unternehmen prüfen den Vertrag und zahlen Sie aus. Das bringt häufig mehr, als den Vertrag zu kündigen. Es empfiehlt sich, mehrere Angebote einzuholen und das beste auszuwählen.

Einmalzahlung

Wenn die Lebensversicherung ausgezahlt wird, bieten manche Verträge die Möglichkeit, zwischen einer Einmalzahlung und einer Rente zu wählen. Hier sollte immer die Einmalzahlung gewählt werden, da die Versicherer generell mit sehr hohen Lebenserwartungen rechnen, die in der Realität häufig nicht eingehalten werden.

Möglichkeit des Widerspruchs

In gewissen Fällen besteht für Lebensversicherungen ein Widerspruchsrecht. Hier bekommt man deutlich mehr Geld heraus, als bei einer Kündigung. Wie viel genau, kann man nur individuell errechnen lassen - etwa durch einen Fachanwalt oder die Verbraucherzentrale. Bei fondsgebundenen Lebensversicherungen hängt das auch von der Wertentwicklung der Fonds ab, bei klassischen bekommt man den größten Teil der Beiträge plus Verzinsung.

Ein erster Eindruck, wie viel ein Widerspruch bringen würde, bietet der kostenlose Rechner der Verbraucherzentrale Hamburg. Allerdings geht das nur bei Standardfällen ohne Zusatzschutz.

Wie finde ich heraus, ob ich widersprechen kann?

Ein sogenanntes ewiges Widerspruchsrecht besteht laut Urteilen des Bundesgerichtshofs, wenn der Versicherungsnehmer bei Vertragsabschluss nicht ordnungsgemäß über sein Widerspruchsrecht aufgeklärt wurde (IV ZR 76/11, IV ZR 348/14, IV ZR 448/14).

Das trifft in den folgenden Fällen zu:

  • Generell geht es um Verträge, die zwischen 29. Juli 1994 und 31. Dezember 2007 abgeschlossen wurden.
  • In den Widerspruchsbelehrungen vieler Verträge steht, dass in "Schriftform" widersprochen werden muss. Seit 2002 müsste es allerdings "Textform" heißen. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden.
  • Die Belehrung muss außerdem optisch deutlich hervorgehoben sein.

Das ewige Widerspruchsrecht gilt selbst dann, wenn man einen Vertrag bereits gekündigt hat oder die Versicherung regulär abgelaufen ist. So kann man Geld auch nachträglich zurückbekommen.

Einige Versicherungen haben jedoch sogenannte Nachbelehrungen an ihre Kunden verschickt. In diesen Fällen wird die Widerspruchsfrist auf drei Jahre verkürzt.

Die Verbraucherzentrale Hamburg schätzt, dass mindestens 24 Millionen Lebensversicherungen rückabgewickelt werden könnten.

Der Text gibt den Stand zum Sendungsdatum wieder

Filmautor: Patrick Jauß | Online: Sola Hülsewig
© SWR Marktcheck

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