Verschiedene Kosmetikprodukte aus der Apotheke (Foto: SWR)

Bedenkliche Inhaltsstoffe Gefährliche Kosmetik aus der Apotheke?

Die Apotheke ist für viele ein Ort des Vertrauens, auch für Kosmetik. Doch viele Produkte enthalten bedenkliche, teilweise allergieauslösende Stoffe. Worauf Sie beim Einkauf achten sollten.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
20:15 Uhr
Sender
SWR Fernsehen

Inhaltsverzeichnis

Wir kaufen stichprobenartig Produkte verschiedener Hersteller ein. Manche dieser Marken sind ziemlich bekannt, beispielsweise Vichy, La Roche-Possay oder Eucerin. Und die setzen ganz bewusst auf das gute Image der Apotheke, sagt Marketingexperte Andreas Kaapke. Er beschäftigt sich seit zwölf Jahren intensiv mit diesem besonderen Verkaufsstandort.

„Apotheken sind noch einmal mit einer besonderen Kompetenz ausgestattet, aus Sicht der Verbraucher. Das sagt er ja, wenn die das haben, dann ist es offensichtlich ein besonders wertiges Produkt. Also das Produkt steht nicht einfach nur wie in einer Drogerie im Zweifelsfall im Regal, sondern das sagt ein, wenn es optimal läuft im weißen Kittel befindlicher Mitarbeiter. Nehmen Sie das: Da machen Sie nichts falsch, oder machen Sie alles richtig? Das wertet das Produkt auf. Hier ist das Verkaufspersonal als Veredler der Ware zu interpretieren.”

Andreas Kaape, Marketingexperte

Wie gut sind Kosmetikprodukte aus der Apotheke wirklich?

Ein Blick auf das Kleingedruckte der Produkte zeigt, dass auch Apothekenkosmetika mitunter lange Listen mit Inhaltsstoffen haben, die auf den ersten Blick nur schwer zu entziffern und verstehen sind. Und ein Check mit einer App zeigt außerdem: Manche Produkte scheinen nicht nur unbedenkliche Stoffe zu enthalten.

Wie bedenklich sind manche Inhaltsstoffe der Apotheken-Produkte? Das wollen wir von Dr. Kerstin Etzenbach-Effers wissen. Sie ist Chemikerin und Expertin für Inhaltsstoffe bei der Verbraucherzentrale. Für uns sieht sie sich die Produkte näher an.

Polyethylenglykole – eine Gefahr für die natürliche Barrierefunktion der Haut

Schnell entdeckt die Expertin Stoffe, die große Probleme machen können, unter Umständen sogar gefährlich sind. Zum Beispiel bei der „Avène Milde Reinigungsmilch“ von Pierre Fabre

„In dieser Reinigungsmilch sind Polyethylenglykole enthalten, die schon bei der Herstellung problematisch sind. Aber sie können auch die Barrierefunktion der Haut herabsetzen und sie durchlässiger für Schadstoffe machen.”

Dr. Kerstin Etzenbach-Effers, Chemikerin, Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen

Allergieauslösende Duftstoffe, Parabene und andere bedenkliche Inhaltsstoffe gelangen so möglicherweise noch tiefer in die Haut.

Wir fragen beim Avéne -Hersteller nach, warum der Stoff trotzdem verwendet wird. Man antwortet uns:

„Alle unsere Produkte und die Inhaltsstoffe, aus denen sie bestehen, unterliegen strengen Vorschriften und müssen daher sehr strenge Kriterien zur Sicherheitsbewertung erfüllen, bevor sie auf den Markt gebracht werden.“

Stellungnahme der Pierre Fabre Dermo-Kosmetik GmbH zu „Avène Milde Reinigungsmilch“

MOAH  - eine potenziell krebserregende Substanz

Neben Polyethylenglycol (PEG) steckt auch Mineralöl in der Reinigungsmilch. Ein Stoff, den viele Hersteller als Grundlage für ihre Produkte verwenden. Besonders problematisch stuft unsere Experten den Stoff bei Lippenpflegestiften ein, wie dem „Atoderm Levres Lippen-Pflegestift“ der Marke Bioderma des Unternehmens NAOS .

“Lippenstifte, die verschlucken wir direkt. Und dieses Paraffinöl enthält Bestandteile, die sich in Lymphknoten anreichern können. Und MOAH, die schlimmstenfalls auch krebserregend sein können – das ist besonders bedenklich.”

Dr. Kerstin Etzenbach-Effers, Chemikerin, Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen

Der Hersteller des Lippenpflegestifts schreibt uns dazu:

„Wir verwenden im Atoderm Lippenpflegestift Paraffin synonym Vaseline, weil es sich als reizfreie, sehr gut verträgliche und schützende Grundlage bewährt hat. [...] Gleichzeitig sagt das Bundesamt für Verbraucherschutz, dass von Paraffin in kosmetischen Mitteln keine schädigenden Effekte erwartet werden.“

Stellungnahme der NAOS Deutschland GmbH zum „Atoderm Levres Lippen-Pflegestift“ der Marke Bioderma

Für Lippenpflegestifte steht der Stoff aber schon lange in der Kritik.

Kosmetikverordnung: Was ist erlaubt? Was ist geregelt?

Aber gibt es denn nicht wenigstens speziellen Vorgaben für Kosmetik aus der Apotheke? Und wer regelt überhaupt, was in den Produkten stecken darf?

  • In der Kosmetikverordnung der Europäischen Union finden wir keinen Paragraphen, der sich auf Pflegeprodukte aus der Apotheke bezieht.
  • Und in der Apothekenbetriebsordnung finden wir nur folgenden Absatz: “Apothekenübliche Waren sind: [...] Mittel zur Körperpflege.”
  • Auch Nachfragen bei den Apothekenkammern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ergeben: Es gibt keine Vorgaben!

Auch die Apothekenkosmetik ist also herkömmliche Pflege. Allerdings zu einem deutlich höheren Preis als in der Drogerie.

Apotheke als lukrativer Absatzmarkt der Kosmetikriesen

Und was kaum einer weiß: Häufig stecken große Kosmetikriesen hinter den Apothekenmarken.

So gehört Eucerin beispielsweise zum Beiersdorf-Konzern, der auch Nivea herstellt. Und Vichy gehört zu L’Oréal, genauso wie La Roche-Posay.

Produkte von Kosmetikriesen in der Apotheke, das ist in den Augen des renommierten Gesundheitswissenschaftlers und Apothekers Gerd Glaeske problematisch.

“Das ist vielen auch nicht bekannt, dass man natürlich dann typische Kosmetikprodukte von solchen großen Firmen hat, die natürlich auch Stoffe in ihren Kosmetika verarbeiten. Über die sollte man eigentlich aufgeklärt werden, weil es eben zum Beispiel Konservierungsstoffe sind oder Duftstoffe oder Begleitstoffe, die auch Probleme machen können.”

Gerd Glaeske, Gesundheitswissenschaftler

Fazit: Auch Kosmetikprodukte aus der Apotheke sind nicht immer unbedenklich!

Tipps für den Kauf von Kosmetikprodukten

Eigentlich sollte man in einer Apotheke Produkte finden, die besonderen Vorschriften entsprechen. Solange das aber so nicht ist, bleibt nur, den Apotheker nach seiner Qualifikation zu fragen. Und wie in jeder Drogerie gilt: Wer genau wissen will, was drinsteckt, muss ganz genau hinschauen und darf sich nicht von Werbebegriffen in die Irre führen lassen.

Apps als sinnvolle Helfer zur Entschlüsselung der Begriffe

Helfen können dabei Produkt-Apps, wie zum Beispiel Codecheck- oder Toxfox. Mit diesen Apps kann man einfach den Barcode scannen und schon werden die Inhaltsstoffe inklusive ihrer Gefahreneinordnung angezeigt.

Vorsicht bei Begriffen wie „sensitiv“, „dermatologisch geprüft“ und „nicht komedogen“  

Wer empfindliche Haut hat, Hauterkrankungen oder verstopften Poren vorbeugen will, greift gerne zu Produkten, die mit „sensitiv“, „dermatologisch geprüft“ oder „nicht komedogen“ gekennzeichnet sind. Doch bei all diesen Begriffen muss man wissen, dass es keine exakten gesetzlichen Regelungen gibt, wann und wie sie verwendet werden dürfen.   

  • Was steckt hinter „sensitiv“? Auf den Verpackungen von Produkten, die mit „sensitiv“ gekennzeichnet sind, werben die Hersteller damit, dass diese speziell für empfindliche Haut gemacht und besonders verträglich sind. Doch auch Sensitivprodukte können Duftstoffe enthalten – die zum Teil explizit als allergieauslösend gelten (zur Liste)  und auch Substanzen auf Mineralöl-Basis. Außerdem enthalten manche dieser Produkte auch Konservierungsstoffe, obwohl viele Menschen empfindlich darauf reagieren. Das ist möglich, da „sensitiv“ kein geschützter Begriff ist.  
  • Was steckt hinter „dermatologisch getestet“? Auf einigen Produkten wird nicht nur mit besonders guter Verträglichkeit geworben, die Cremes und Bodylotions sollen oft außerdem "dermatologisch getestet" sein. Doch das heißt nur, dass ein Dermatologe in irgendeiner Art in die Prüfung des Produktes involviert war. Wie genau und nach welcher Testprozedur das Produkt untersucht wurde, dazu gibt es keine festgelegten Regeln.
  • Was steckt hinter „nicht komedogen“? Der Begriff „komedogen“ leitet sich von dem Fachbegriff „Komedo“ für Mitesser ab. Sie entstehen, wenn die Talgdrüse verstopft und der Hauttalg sich darin anstaut. Entzündet sich der Mitesser, entstehen Pickel. Vor allem in Apotheken sind Produkte zu finden, die damit werben, „nicht komedogen“ zu sein. Doch verlassen kann man sich auf diese Aussage nicht, denn erstens ist es nicht gesetzlich geregelt, wann sich ein Produkt so nennen darf, und zweitens reagiert man je nach Hauttyp auf unterschiedliche Inhaltstoffe mit komedogenen Reaktionen.

Auf möglichst wenige Inhaltstoffe achten

Wer sichergehen will, ein Produkt zu kaufen, das für empfindliche Haut geeignet ist oder möglichst wenig kritische Inhaltstoffe enthält, sollte darauf achten, dass das Produkt möglichst wenige Inhaltstoffe enthält. Denn je weniger Inhaltsstoffe eine Creme enthält, desto besser kann man diese überblicken und desto weniger schädliche Inhaltsstoffe können enthalten sein. 

Auf Bio- & Naturprodukte setzen

Bio-Kosmetik hat den Vorteil, dass keine Mineralöl-Produkte enthalten sein dürfen. Außerdem wird oft auf Konservierungsstoffe verzichtet. Duftstoffe können jedoch auch bei Naturkosmetik ein Problem darstellen.

Allergikern hilft das DAAB-Logo

Produkte, die mit dem Logo des Deutschen Allergie- und Asthmabundes versehen sind, wurden alle bereits von Personen getestet, die mit empfindlicher Haut zu kämpfen haben und besonders schnell allergisch reagieren. Außerdem achtet der DAAB besonders kritisch auf die Verwendung von Duft- und Konservierungsstoffen in Kosmetikprodukten.

ONLINEFASSUNG
STAND