Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) Wenn der Patient draufzahlt

Marktcheck deckt auf

Patienten müssen beim Arzt für individuelle Gesundheitsleistungen selbst zahlen. Manche dieser Leistungen sind umstritten. Warum sich das Geschäft mit den IGeL für Ärzte lohnt.

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Individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL, sind in der Regel Leistungen, die Patienten selbst bezahlen müssen. Der Grund: Die Krankenkassen halten diese IGeL nicht für medizinisch notwendig und den Nutzen der Leistungen für nicht erwiesen. Lediglich wenn IGeL vom Arzt als medizinisch notwendige Therapie angeordnet werden, übernimmt die Kasse die Kosten. Für Ärzte sind IGeL aber bares Geld, weswegen "schwarze Schafe" in der Branche dazu neigen, ihren Patienten diese Leistungen aufzuschwatzen.

Patienten berichten: Ärzte drängen auf IGeL

Patienten berichten von Fällen, in denen Ärzte und/oder deren Angestellte Patienten zu IGeL drängten, obwohl sie medizinisch nicht notwendig waren. "Dann bekam ich ein Papier dahin gelegt. Und da hieß es: Wir müssen jetzt noch die Glaukom-Erkennung machen und das kostet 30 Euro. Daraufhin hab ich gesagt: Nein, das mache ich nicht. Die Arzthelferin sagte dann zu mir: Dann müssen sie das hier unterschreiben, dass sie das nicht wollen. Da habe ich gesagt, ich mach hier gar nichts. Und dann wurde es relativ laut", sagt Regina Petzold aus Friedrichshafen. Sie wechselt ihren Augenarzt - und auch in der anderen Praxis hieß es: "Wir müssen hier eine Glaukomerkennung machen und sie müssen 30 Euro bezahlen. Das war praktisch die Begrüßung", sagt Petzold. Im Behandlungszimmer sei ihr die nächste Selbstzahlerleistung angeboten worden.

Ärztin misst den Blutdruck eines Patienten (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Landesärztekammer RLP: "Igelleistungen sind außerhalb der Regelversorgung." Thinkstock -

Die Landesärztekammer Rheinland-Pfalz sieht es kritisch, wenn Patienten für eine Leistung, die nicht verpflichtend ist, unterschreiben sollen, dass sie sie nicht wollen. "Das ist ein Umstand, den kann ich überhaupt nicht befürworten. Weil Igelleistungen wirklich etwas sind, was außerhalb der Regelversorgung ist. Ich habe noch nie gehört, dass jemand unterschreiben muss, dass er etwas nicht macht. Das ist berufsrechtlich problematisch", sagt Dr. Günther Matheis, Präsident der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz.

Für Branchenkenner Gerd Glaeske ergeben manche IGeL Sinn, aber nur nach entsprechender Indikation des Arztes. Doch "schwarze Schafe" sehen in den individuellen Gesundheitsleistungen nur das Klingeln danach im Portmonee. "Es geht um Behandlung, aber nicht um eine Kombination mit Verkaufen und behandeln. Und das finde ich außerordentlich schlecht. Wir wissen, in den Praxen ist Abzocke passiert - und das sind inzwischen mehr als eine Milliarde Euro", sagt Gesundheitswissenschaftler Professor Gerd Glaeske.

Verkaufsseminare für Selbstzahlerleistungen

Manche Ärzte suchen sich sogar Hilfe in Verkaufsseminaren für Selbstzahlerleistungen. "Es hat in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren etliche Workshops gegeben, wo geübt wurde, Igel-Leistungen in Anführungsstrichen 'zu verkaufen'. Da gibt es schon skurrile Situationen, dass tatsächlich zum Beispiel der Ultraschall der Gebärmutter als Igelleistung angeboten wird, obwohl die Gebärmutter gar nicht mehr vorhanden ist", sagt Allgemeinmediziner Christoph Meyer. Er selbst halte einige Selbstzahlerleistungen für sinnvoll, biete sie seinen Patienten aber auch nur in konkreten Fällen oder auf Nachfrage an. Bei manchen Kollegen stehe die medizinische Indikation aber nicht im Vordergrund.

MDS: sieht viele IGeL skeptisch

Der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) bewertet anhand von Studien IGeL-Angebote und ihre Sinnhaftigkeit. Der Verein schätzt, drei der fünf am häufigsten angebotenen Individuellen Gesundheitsleistungen sogar als mindestens tendenziell negativ ein. Hier können Sie recherchieren, wie Ihre IGeL vom MDS eingeschätzt wird. "Es sind keine Leistungen, die die Krankenbehandlung verbessern, sondern im Prinzip sind es Gesundheitsleistungen. Es sind Leistungen, die vorgeben, die Gesundheit noch zu verbessern. Diese kaufen zu können", sagt Glaeske.

Keine Selbstzahlerleistung ist dringend notwendig. Es besteht also kein medizinisch begründeter Zeitdruck, sich sofort für oder gegen IGeL entscheiden zu müssen. Wichtig ist es, sich selbst über die Leistung zu informieren und dann erst zu entscheiden, ob und wann man individuelle Gesundheitsleistungen wahrnehmen möchte. Hilfreiche Links rund um das Thema IGeL hat die Verbraucherzentrale hier zusammengestellt. Ein breites Informationsspektrum rund um das Thema IGeL-Ärger bietet die Verbraucherzentrale hier an.

Der Text gibt den Stand zum Sendungsdatum wieder.

Filmautorin: Nina Rathfelder | Online: Thomas Oberfranz
© SWR Marktcheck

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