Herde von Gnus im Serengeti National Park, Tansania (Foto: Colourbox, Matej Kastelic)

Icarus-Projekt auf der ISS Warum Tierwanderungen für uns Menschen so wichtig sind

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Die ISS misst mit der Antenne Icarus die Wanderungen der Tiere weltweit. Auf Klimawandel, Infektionskrankheiten oder Naturkatastrophen können wir mit diesen Daten besser reagieren.

Ob Vögel, Insekten oder Wale, ob Schmetterlinge, Elefanten oder Lachse – jeden Tag legen Tiere auf der ganzen Welt lange Strecken zurück. Viele dieser Tierwanderungen stellen die Wissenschaft noch immer vor Rätsel. Das sogenannte Icarus-Projekt (International Cooperation for Animal Research Using Space) startet jetzt und soll neue Erkenntnisse liefern. An ihm sind unter anderem das Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell und Konstanz und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt beteiligt. Dafür wurde auf der Internationalen Raumstation ISS eine Antenne installiert, die künftig die Daten von Zehntausenden Tieren empfangen soll. Vielen wandernden Tieren wurden dafür bereits Sender angelegt, die unter anderem bei Spacetec in Immenstaad am Bodensee hergestellt werden.

Amsel wird mit ICARUS-Sender ausgestattet (Foto: Pressestelle, MPI -)
Amsel wird mit ICARUS-Sender ausgestattet Pressestelle MPI -

Eine der spektakulärsten Tierwanderungen der Welt: Über eine Million Gnus lassen den Boden der Serengeti erzittern, wenn sie dem Regen hinterher wandern auf der Suche nach frischem Gras. Wann und wo die Tiere entlang ziehen, kann dabei immer auch wichtige Hinweise auf Umweltveränderungen geben. Verschieben sich zum Beispiel in Folge des Klimawandels Regenzeiten, verändert das auch das Wanderverhalten der Tiere. Das Icarus-Projekt kann so etwas künftig präzise nachweisen.

Dauer

Mehr Tierschutz und bessere Eindämmung von Infektionskrankheiten

Auch bei uns gibt es aufsehenerregende Tierwanderungen: Den Zug der Kraniche zum Beispiel. Auch Zugvögel wie sie werden künftig Daten für Icarus liefern. Das nützt ihnen zunächst einmal selbst. Denn wenn nicht nur Anfangs- und Endpunkte ihrer Reisen bekannt sind, sondern auch der Weg dazwischen, dann lässt sich auch entlang der Route mehr zum Schutz der Tiere tun.

Zum anderen können die Daten vom Vogelzug aber auch uns Menschen helfen: Zum Beispiel wenn es darum geht, Infektionskrankheiten einzudämmen, die durch Zugvögel weiterverbreitet werden.

„Wenn wir die Wege der Vögel kennen und wir sehen, die fliegen jetzt irgendwo in China los, dann können wir hier in Deutschland die Bestellung für Impfstoffe auslösen.“

Friedhelm Claassen, Deutsches Zentrum für Luft und Raumfahrt

Tierische Daten für medizinischen Nutzen also. Den erhofft man sich auch von anderen Tieren.

„Wir können über das Flugverhalten von Flughunden in Afrika herausfinden, wer wann mit Ebola oder mit Ebolawirten in Berührung war, und das ist für die Bekämpfung von Ebola wahrscheinlich der wichtigste Faktor!“

Martin Wikelski, Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell und Konstanz

Tiere können Katastrophen schneller vorhersehen

Auch als Katastrophen-Frühwarnsystem könnten die Daten über Tierwanderungen dienen. Martin Wikelski hat zum Beispiel Ziegen am Vulkan Ätna in Sizilien mit Sendern ausgestattet. Er konnte feststellen, dass die Bewegungsmuster der Tiere sich änderten, sobald ein Ausbruch bevorstand. Und von Elefanten in Südostasien heißt es, sie würden in die Berge flüchten, sobald ein Tsunami bevorsteht. Sollten Tiere also so etwas wie einen "siebten Sinn" haben?

„Tiere entwickeln sich seit mehreren Hundertmillionen Jahren immer weiter. Ihre Sinnesorgane sind genau auf die Umwelt abgestimmt. Ihre Hardware ist besser als unsere technischen Sensoren. (…) Wenn wir viele Tiere erfassen, bildet sich ein Netzwerk von vielen verteilten intelligenten Sensoren, die die Umwelt präzise überwachen können.“

Martin Wikelski, Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz

Diese Überwachung könnte eines Tages dabei helfen, Naturkatastrophen präzise vorherzusagen. Dann würden Tierwanderungen sogar dazu dienen, Menschenleben zu retten.

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