Freiverkäufliches Medikament Unterschätzte Nebenwirkungen bei Iberogast?

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Iberogast ist eines der meistverkauften Medikamente. Das pflanzliche Mittel steht im Verdacht, Leberschäden zu verursachen. Viele Apotheken weisen nicht ausreichend darauf hin.

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20:15 Uhr
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SWR Fernsehen

Warnhinweise im Beipackzettel verweigert

Seit 60 Jahren ist das Arneimittel Iberogast auf dem Markt. Das Magenmittel enthält Auszüge aus neun Heilpflanzen. Darunter: das umstrittene Schöllkraut. Schon 2008, vor über 10 Jahren, hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm) angeordnet, den Iberogast-Beipackzettel mit Warnhinweisen zu ergänzen wegen einer möglichen leberschädigenden Nebenwirkung. Doch der Hersteller Steigerwald weigerte sich.

Schöllkraut mit gelben Blüten (Foto: Colourbox, Royalty-free)
Iberogast enthält auch Schöllkraut. Royalty-free

Inzwischen hat der Pharma-Konzern Bayer die Marke Iberogast übernommen. Seit 2016 gibt es neue Verdachtsfälle für die Möglichkeit einer leberschädigenden Nebenwirkung. Das BfArm ordnet erneut an, Warnhinweise in die Packungsbeilage aufzunehmen. Bayer klagt bis heute gegen die Anordnung.

Patientin stirbt nach Lebertransplantation

Vergangenes Jahr kam es dann zu einem Todesfall nach der Einnahme von Iberogast. Die Leberwerte einer 56jährigen Frau steigen nach der Einnahme dramatisch an. Eine sofortige Lebertransplantation ist unumgänglich. An den Folgen der Operation stirbt die Patientin einige Tage später. Erst nach Bekanntwerden des Todesfalls reagiert der Bayer Konzern und nimmt Warnhinweise bei den Nebenwirkungen auf.

Nach einer wissenschaftlichen Untersuchung könnte eine Leberschädigung durch Iberogast entstehen. Auch das BfArM berichtet von Nebenwirkungsmeldungen, die „einen Zusammenhang mit der vorherigen Anwendung von Iberogast nahe legen.“

„Die Firma Bayer hat bei Iberogast den vorbeugenden Verbraucherschutz ignoriert. Das Potenzial ist zwar relativ gering, die Ereignisse sind selten, aber sie können dermaßen bedrohlich sein, dass man das nicht rechtfertigen kann, das Mittel einzunehmen.“

Wolfgang Becker-Brüser, Arzneimittel-Experte

Aufklärung über Nebenwirkungen in Apotheken sehr unterschiedlich

Bei einer Stichprobe in zehn Mainzer Apotheken klären nur zwei vollständig über Nebenwirkungen von Iberogast auf, bei drei Apotheken ist die Beratung unvollständig oder fehlerhaft. Fünf Apotheken klären — selbst auf Nachfrage – nicht über die mögliche leberschädigende Wirkung auf.

Magen-Darm-Präparate ohne Schöllkraut sind vorhanden

In einem Infomationsblatt der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft werden die Risiken von Iberogast als hoch eingeschätzt. Außerdem sei die Wirksamkeit des Mittels nur begrenzt. Es könne daher nicht mehr empfohlen werden. Dies meint auch der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser. Sein Fazit: „Die Risiken (von Iberogast) sind zwar selten, aber wenn dann gravierend. Es gibt auch genügend andere pflanzliche Mittel für diesen Einnahmebereich, also für Magen-Darm-Komplikationen oder für Reizdarmsyndrom, die man einnehmen könnte. Ohne Schöllkraut.“

Wolfgang Becker-Brüser in seiner Apotheke (Foto: SWR)
Wolfgang Becker-Brüser ist Mitbegründer der pharmakritischen Zeitschrift Gute Pillen – Schlechte Pillen.

Der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser fordert, das potentiell schädliche Schöllkraut aus dem Mittel zu entfernen oder Iberogast ganz vom Markt zu nehmen.

Bayer hält schwerewiegende Nebenwirkungen für extrem selten

Bayer teilte dem SWR mit, dass trotz der staatsanwaltschaftlichen Ermittlung keine Neubewertung des Sachverhalts vorgenommen werde und man den Todesfall für eine seltene und individuelle Unverträglichkeitsreaktion der Patientin halte.

„Das Risiko einer schwerwiegenden Nebenwirkung bei der Einnahme von Iberogast ist extrem selten. Iberogast ist und bleibt ein sehr sicheres Medikament.“

Bayer Vital GmbH
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