Die Bahn braucht neues Personal Lokführermangel verursacht Verspätungen

Baustellen oder defekte Züge sind einleuchtende Erklärungen für Zugverspätungen. Immer häufiger tritt ein weiterer Grund dazu: Verbindungen sind verspätet, weil Lokführer fehlen.

Ein Zugführer sitzt am 13.09.2016 in Berlin im Führerstand eines ICE der vierten Generation.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Maurizio Gambarini)
Gesuchte Fachkraft: Ein Zugführer steuert einen ICE. Maurizio Gambarini

Der Fachkräftemangel hat auch die Eisenbahn fest im Griff: Bei der Bahn und bei privaten Streckenanbietern fehlen in Deutschland zurzeit rund 1.500 Lokführer. Die Zahl beruht auf Schätzungen der Lokführergewerkschaft GDL.

Die Kunden bekommen den Personalengpass mittlerweile unmittelbar zu spüren: Bei der privat geführten Mittelrheinbahn kommt es wegen fehlender Lokführer derzeit zu massiven Verspätungen. Dass einige Zugführer wegen Krankheit ausfallen und andere kurzfristig gekündigt haben, verschärft die Lage.

Auch der Bahnbetreiber Vlexx aus Mainz, der in Rheinland-Pfalz viele Strecken bedient, musste in diesem Jahr schon Züge ausfallen lassen, darunter die Verbindung zwischen Bad Kreuznach und Wiesbaden.

Berufsbild wenig attraktiv

Dass Lokführer wie bei der Mittelrheinbahn den Beruf quittieren, kommt für viele nicht überraschend: Die Arbeitsbedingungen gelten als wenig attraktiv. Schicht- und Nachtarbeit gehören fest zum Berufsbild. Dazu kommt, dass einsatzbereite Lokführer gegenwärtig oft für erkrankte Kollegen einspringen müssen. Dem gegenüber steht eine durchschnittliche Entlohnung zwischen 2.400 und 2.700 Euro brutto – ein Betrag, der angesichts der anhaltenden Probleme vielen zu niedrig erscheint.

Dauer

Auch die Reputation des Berufes hat in der jüngeren Vergangenheit gelitten. Viele Zugführer berichten von Anfeindungen durch Passagiere. Glaubt man Berichten von Zugführern, gehören Beleidigungen und Angriffe mittlerweile beinahe zum Alltag. Seit 2012 hat sich die Zahl der registrierten Angriffe gegen Bahnmitarbeiter fast vervierfacht.

Die Feindseligkeit, die Lokführer im Alltag erleben, könnte auch mit den Fehlern im Management der Bahn zu tun haben. Claus Weselsky, Bundesvorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL, glaubt, dass viele Kunden ihren Ärger über die Sparpolitik der Bahn an den Beschäftigten ausleben:

„Lokführer und Zugbegleiter sind der Prellbock für alles, was bei der Bahn über Jahre und Jahrzehnte schiefgelaufen ist. Der rigide Sparkurs hat den Bahnverkehr immer stärker ins Wanken gebracht. Jetzt sehen wir, dass das System an vielen Stellen schon kollabiert. Die Folge: Die Bahnbeschäftigten stehen vor Kunden, die erbost sind, weil nichts funktioniert.“

Claus Weselsky, Bundesvorsitzender der GDL

Bahn umwirbt neue Lokführer

Um die Personalengpässe zu bewältigen, umwirbt die Bahn derzeit Quereinsteiger: Wer eine Umschulung zum Lokführer erfolgreich absolviert, bekommt in der Regel eine unbefristete Stelle. Dazu wurden die Hürden für Bewerber gesenkt. Das Anschreiben, das früher bei Bewerbungen obligatorisch war, wurde abgeschafft. 2.000 neue Zugführer sollen allein in diesem Jahr bundesweit eingestellt werden. Ob das gelingt, ist nicht abzusehen. Angesichts der angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt für Fachkräfte bleiben jedoch Zweifel.

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