In der weltweiten Klimadebatte wird immer häufiger auch über das Reisen mit dem Nachtzug diskutiert. (Foto: SWR, Tobias Frey)

Bahnreise mit Musik im Hotel auf Schienen Im Nachtzug nach Budapest - ein Selbstversuch

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Nicht nur Klimaaktivistin Greta Thunberg ist gerne mit dem Nachtzug unterwegs: Aufgrund der Klimadebatte steigt die Nachfrage nach Reisen im Schlafwagen rasant an.

Auch SWR-Bahnexperte Tobias Frey ist ein Fan von Nachtzügen, die zwar häufig in die Jahre gekommen sind, aber oft noch ihren ganz eigenen Charme haben:

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Es ist kalt an diesem Dienstagabend im Dezember, minus zwei Grad zeigt das Thermometer. Mit dem Nachtzug der Ungarischen Staatsbahn geht es von München nach Budapest. Eigentlich würde ich gerne von Stuttgart aus durch die Nacht reisen, doch die baden-württembergische Landeshauptstadt ist aktuell vom Nachtzuggeschehen abgekoppelt. Theoretisch könnte ich auch mit dem Billigflieger nach Ungarn reisen, doch mich plagt mein schlechtes Klimagewissen.

"Der Luftverkehr ist natürlich der Verkehrsträger mit den höchsten Emissionen. Dann kommen die privaten Pkw und dann haben wir bei Reisebus und Eisenbahn eigentlich Gleichstand. Das heißt, der Nachtzug ist durchaus eine Alternative, die umweltfreundlich ist."

Professor Dr. Alexander Eisenkopf, Zeppelin Universität Friedrichshafen

Kurz vor Abfahrt des Zuges um 23:20 Uhr beziehe ich mein nächtliches Domizil: Ein Abteil, das den Charme der 1970er-Jahre versprüht – mit weißen Wänden, einem Waschbecken und Betten, die eher wie Kojen wirken. Ich verstaue mein Gepäck und mache es mir auf dem Bett bequem. Viel Platz gibt es nicht, doch Luxus erwartet im Nachtzug keiner.

Bevor sich der Zug in Gang setzt, kontrolliert der ungarische Zugbegleiter mein Ticket. Dabei erweist er sich als Mann für alles: Er nimmt die Frühstückswünsche auf, klappt die Betten im Abteil auf und wird am nächsten Morgen auch das Frühstück servieren und das Bett abziehen. Einen Speisewagen gebe es nicht, sagt er, als ein hungriger Reisender nach einer Mahlzeit fragt.

Das Reisen mit dem Nachtzug hat seit mehr als 150 Jahren seinen ganz besonderen Charme. (Foto: SWR, Tobias Frey)
Das Reisen mit dem Nachtzug hat seit mehr als 150 Jahren seinen ganz besonderen Charme. Tobias Frey

Der Nachtzug verlässt München pünktlich und macht sich auf die Reise Richtung Ungarn. Auf der knapp zehnstündigen Fahrt wird er unter anderem in Salzburg und Wien halten. Mein Bett ist nicht einmal unbequem, doch das Ruckeln des Zuges hindert mich am schnellen Einschlafen. Genau wie die ungarische Musik, die bis tief in die Nacht im Nachbarabteil läuft. Kurz nach Salzburg falle ich dann doch in einen tiefen Schlaf und erwache erst wieder am frühen Morgen in Ungarn.

Um kurz nach 8 Uhr klopft es an der Tür – es ist Frühstückszeit. Der ungarische Zugbegleiter serviert auf einem kleinen Tablett einen Becher Tee, ein Sandwich mit Käse und Wurst und einen Orangensaft. Gegessen wird im Bett mit Blick auf die ungarische Landschaft. Zehn Minuten vor der Ankunft in Budapest schnappt sich der Zugbegleiter mein Bettzeug und auch ich bereite mich auf die ungarische Hauptstadt vor.

Reisen mit dem Nachtzug: Am Abend in München starten, am Morgen in Budapest aufwachen. (Foto: SWR, Tobias Frey)
Reisen mit dem Nachtzug: Am Abend in München starten, am Morgen in Budapest aufwachen. Tobias Frey

Pünktlich um 9:19 Uhr erreicht der Nachtzug Budapest-Keleti und ich starte meinen Städtetrip ausgeruht und mit einem guten Gefühl, das Klima nicht zu stark belastet zu haben. Vor allem kann ich auch absolut nachvollziehen, warum immer mehr Menschen mit dem Nachtzug unterwegs sind, und warum die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ihr Angebot ausbauen wollen. Mittlerweile sind die ÖBB europaweit Spitzenreiter in Sachen Nachtzüge. In diesem Jahr werden voraussichtlich mehr als 1,6 Millionen Menschen mit den sogenannten Nightjets in Europa unterwegs gewesen sein. Im November 2019 gab es ein Buchungsplus von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

"Die DB plant derzeit kein eigenes Angebot mit Schlaf- und Liegewagen. Züge mit Schlaf- und Liegewagen unserer Kooperationspartner (wie der ÖBB) werden wir als DB weiterhin unterstützen, zum Beispiel mit Lokomotiven, mit Personal sowie im Vertrieb."

Stellungnahme Deutsche Bahn AG

Die Deutsche Bahn war 2016 aus dem Schlafwagengeschäft ausgestiegen – aus wirtschaftlichen Gründen. Aktuell hat der Konzern nicht vor, ein Comeback in Sachen Nachtzüge zu starten. Ich finde das extrem schade, denn das Reisen durch die Nacht hat definitiv Charme.

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