Betreuung

Wenn Hilfsbedürftige im Stich gelassen werden

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Wer nicht mehr eigenständig Entscheidungen treffen kann, bekommt vom Gericht einen Betreuer zur Seite gestellt. Es lauern jedoch Schlupflöcher für schwarze Schafe.

Elfi M.s Schwester wäre vor 17 Jahren bei einem Autounfall fast ums Leben gekommen. Lange Zeit litt sie unter den Folgen. Um sie danach im Alltag zu unterstützen, entschloss sich Elfi M., ihrer Schwester eine Betreuerin zur Seite zu stellen. Sie selbst lebt hunderte Kilometer entfernt. Zunächst lief alles gut. Doch im Oktober vergangenen Jahres begann das Drama:

"Sie hatte Schluckbeschwerden zu der Zeit, konnte nicht mehr essen. Der Rettungswagen wurde gerufen und sie ist in die Kreisklinik eingeliefert worden. Dort hat man das als Psychose abgetan und sie nicht untersucht, sondern in die psychiatrische Klinik fünfunddreißig Kilometer entfernt bringen lassen", erzählt M.

Gleich am nächsten Tag macht sich Elfi M. auf den Weg zu ihrer Schwester. "Ich habe meine Schwester in einem sehr erbärmlichen Zustand vorgefunden. Man hatte sie nicht behandelt, sondern nur ruhig gestellt", so M. Für Maßnahmen und Genehmigungen sei die Betreuerin nicht erreichbar gewesen.

Angehörige haben keine Rechte gegenüber den Betreuern

Eine Berufsbetreuerin, die sich nicht um ihren Schützling kümmert? Der renommierte Rechtsanwalt Volker Thieler hat sich auf Betreuungsrecht spezialisiert und erlebt solche Fälle oft. Er beschäftigt sich seit zwanzig Jahren mit den Missständen bei Betreuungen. Pro Tag habe er etwa 10 bis 15 Fälle, so Thieler. Es gehe fast immer um das Gleiche: Die Betreuer kümmerten sich zuwenig um den zu Betreuenden, behandelten ihn schlecht, enthielten ihm Geld vor, isolierten ihn. "Die Angehörigen wundern sich, dass sie überhaupt keine Rechte gegenüber den Betreuern haben", so Thieler.

Ähnliches berichten uns die Mitarbeiter des Pflegeselbsthilfeverbandes, einem bundesweit aktiven Verein, bei dem sich viele Betroffene melden.

Hände auf einem Tisch (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Angehörige haben den Betreuern gegenüber kaum Rechte. picture-alliance / dpa -

Ärzte dürfen Angehörigen keine Auskunft geben

Elfi M. setzt alles daran, ihrer Schwester in der Klinik zu helfen, doch vergeblich. Sie erzählt, dass die Betreuerin ihr keine Auskunft gegeben habe. Sie hätte sogar die Ärzte angewiesen, ihr nichts über den Gesundheitszustand der Schwester zu berichten.

Elfi M. ist überzeugt, dass ihre kranke Schwester der Betreuerin ausgeliefert ist. So habe die Betreuerin erst Wochen später die medizinisch notwendigen Untersuchungen veranlasst. Viel zu spät. Als bei der Schwester Krebs diagnostiziert wird, ist dieser schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Kurze Zeit später stirbt sie.

Elfi M. ist fassungslos und möchte wissen, was mit ihrer Schwester geschehen ist. Sie verlangt Einsicht in die Krankenakten. Auch möchte sie von der Betreuerin wissen, wie es soweit kommen konnte. Doch diese, eine Rechtsanwältin, ist sich keiner Schuld bewusst.

Betreuerin lehnt Interview ab

Jetzt schalten wir uns ein, wollen wissen, wie die Betreuerin den Fall beurteilt, warum sie sich nicht früher um die Schwester gekümmert hat. Ein Interview lehnt sie ab. Schriftlich teilt sie mit:

"Wir können Ihnen jedoch bestätigen, dass die Betreuung ordnungsgemäß geführt, gerichtlich [...] geprüft und nicht beanstandet wurde."

Für den Rechtsanwalt Volker Thieler ist das nur ein vorgeschobenes Argument. Es fänden nämlich kaum Überprüfungen statt. "Die Richter sind völlig überlastet, haben durchschnittlich tausend Fälle pro Monat und können gar nicht prüfen, ob ein Betreuer zum Betreuten hingeht", sagt Thieler. "Wir haben die großen Probleme nie bei den privaten Betreuern gehabt. Bei den Berufsbetreuern kennen wir die Probleme."

Zahl der Berufsbetreuer wächst

Dennoch steigt seit Jahren die Zahl der Berufsbetreuer immer weiter an. Viele davon sind Rechtsanwälte. Ehrenamtliche Betreuer wie Familienangehörige kommen dagegen seltener zum Einsatz. Für die Richter seien Berufsbetreuer angenehmer, erklärt Thieler. "Der stellt keine Fragen. Die Angehörigen, die das übernehmen, kennen sich hier nicht aus und rufen natürlich ständig bei den Richtern an. Und dann ist es verständlich, dass die Richter lieber Berufsbetreuer nehmen."

Seit langem fordert auch der Pflegeselbsthilfeverband, dass vor allem Berufsbetreuer besser kontrolliert werden. Denn die müssen lediglich einmal im Jahr der Betreuungsbehörde Bericht erstatten. Das ist nicht die einzige Schwachstelle, findet Rechtsanwalt Thieler: "Für mich der größte Skandal und der größte Fehler des Gesetzgebers, dass man pro dem Berufsbetreuer pro Fall und Jahr ungefähr 2.500 Euro zahlt, egal, ob er den Betreuten gesehen hat oder nicht. Man sollte das völlig ändern. Nach Arbeit und nach Aufwand sollte man bezahlen und nicht pauschal."

Betreuer zu werden ist viel zu leicht

Nicht nur bei der Bezahlung liegt einiges im Argen - Betreuer zu werden ist viel zu einfach. Um eine Würstchenbude aufzumachen brauche man fünf Genehmigungen. Um Betreuer zu werden reiche ein polizeiliches Führungszeugnis, sagt Thieler. "Es gibt keine Ausbildung, es gibt überhaupt keine Voraussetzungen."

Warum passiert nichts, wenn Betreuer ihrer Aufgabe nicht genügend nachkommen? Das Bundesministerium der Justiz und Verbraucherschutz spielt das Problem herunter und antwortet: "Hierbei handelt es sich aber stets um Einzelfälle, die als solche keine Rückschlüsse auf strukturelle Defizite in der rechtlichen Betreuung zulassen."

Dennoch hat das Ministerium eine Forschungsarbeit in Auftrag gegeben, das herausfinden soll, ob es Qualitätsmängel in der Betreuung gibt.

Mit Vorsorgevollmacht vorbeugen

Jeder kann in die Hände eines Betreuers geraten, der sich nicht ausreichend kümmert. Mit einer Vorsorgevollmacht kann man das verhindern. Darin ist festgelegt, wer wichtige Entscheidungen trifft, wenn man selbst dazu nicht mehr in der Lage ist. Zum Beispiel nach einem Unfall.

Auch bei Ehepaaren, die Jahrzehnte lang verheiratet sind oder bei langjährigen Lebenspartnergemeinschaften gilt, dass der eine nicht für den anderen Partner rechtsgeschäftlich handeln darf, wenn dieser nicht mehr dazu fähig ist. Dies gilt nur im Fall von Eltern, die für ihre minderjährigen Kinder handeln dürfen.

Ohne Vorsorgevollmacht bestellen Gerichte häufig professionelle Betreuer.

Ihre Schwester besaß keine Vorsorgevollmacht. Elfi M. hatte deshalb keine Chance, ihr noch mehr zu helfen. Sie überlegt nun, Strafanzeige gegen die ehemalige Betreuerin ihrer Schwester zu stellen.

Filmautor: Wolfgang Weber | Online: Sola Hülsewig
© SWR Marktcheck

Selbstbestimmt das Leben zu Ende leben Mit Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht den eigenen Willen äußern

Wer nicht möchte, dass er fremdbestimmt wird, wenn er sich selbst nicht mehr äußern kann, sollte sich frühzeitig Gedanken über Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht machen.  mehr...

Marktcheck SWR Fernsehen

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