Ärger mit der Post Wenn der Briefkasten immer öfter leer bleibt

Die Beschwerden über die Post und ihre Konkurrenten haben sich in den letzten Jahren vervielfacht. Welche Auswirkungen hat das auf die Kunden und wie geht die Post damit um?

Dauer

Roland W. aus Rastatt erhält seit neun Tagen keine Post. Er ist nicht der einzige: Auch die anderen Bewohner seiner Straße bekommen keine Briefe. "Unsere Nachbarin wartet auf Ergänzungen für einen Handyvertrag. Die andere Nachbarin auf Reiseunterlagen für Brasilien", erzählt Roland W. Er selbst erwartet dringend einen Brief von der Krankenkasse.

Roland W. kann den Ausfall nicht nachvollziehen. Er hat früher selbst bei der Deutschen Post gearbeitet. Über die Post-Hotline versucht der Pensionär rauszufinden, weshalb die Briefkästen seit Tagen leer bleiben. "Die Dame fragte mich dann, ob ich einen Briefkasten hätte und wie er beschriftet wäre. Das ging mir dann ein bisschen gegen den Strich."

Mangel an Zustellern

Will die Post die Schuld etwa auf ihn abwälzen? Auf hartnäckige Nachfrage räumt die Dame am Telefon ein, es wären zu viele Zusteller ausgefallen. Ersatz sei kurzfristig nicht beschaffbar.

Briefe werden viel zu spät zugestellt oder landen in völlig fremden Briefkästen. Immer mehr Kunden haben Ärger mit der Briefzustellung. Das registriert man auch bei der zuständigen Aufsichtsbehörde, der Bundesnetzagentur.

Beschwerden häufen sich

Seit 2014 bis zum heutigen Tag hat sich im Briefbereich die Zahl der Beschwerden über die Deutsche Post und deren Konkurrenz verfünffacht. Bis Mitte November 2018 gab es insgesamt etwa 10.200 Beschwerden zu Briefen, Paketen und anderen Themen wie Filialen, Briefkästen oder Beschwerdemanagement.

Professor Gramlich von der Uni Chemnitz beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Postrecht. Er sagt, die Post vernachlässige das Kundengeschäft. Das Aufkommen ist im Briefbereich seit Jahren gesunken. "Das führt dazu, dass die Postunternehmen dem Briefdienst nicht mehr die Aufmerksamkeit schenken, die man aus Sicht der Gesellschaft gerne hätte, weil sich das nicht mehr rechnet", so Gramlich.

Postgeheimnis wird verletzt

Wenn ein Zusteller Briefe nicht dem richtigen Empfänger zustellt, sondern sie in einen falschen Briefkasten einwirft, verletzt er damit das Postgeheimnis, gibt Gramlich zu bedenken. "Wenn man so etwas vonseiten des Managements in Kauf nimmt, dann könnte man schon über bedingten Vorsatz nachdenken, und dann wäre das auch strafbar."

Post: Geringe Reklamationsrate

Für die Post sind falsch zugestellte Briefe nur Flüchtigkeitsfehler. Bei 59 Millionen Briefen am Tag fielen die Reklamationen nicht ins Gewicht. Sie schreibt uns: "Auch wenn jede Reklamation ärgerlich ist: (...) Unter dem Strich ist das eine Reklamationsrate, über die sich viele andere Dienstleister freuen würden."

Es ist jedoch davon auszugehen, dass sich die meisten unzufriedenen Postkunden gar nicht offiziell beschweren.

"Gewinnmaximierung steht an erster Stelle"

Für die Mängel bei der Zustellung seien in erster Linie Management-Entscheidungen verantwortlich, so Christina Dahlhaus von der Kommunikationsgewerkschaft DPV. Die Zustellgebiete seien über die Jahre immer größer geworden, gleichzeitig fehlten bundesweit mehrere tausend Zusteller. "Die Gewinnmaximierung steht an erster Stelle und gespart wird in erster Linie am Personal."

Bei der Bundesnetzagentur sorgt man sich schon jetzt, ob die Briefzustellung noch sichergestellt ist.

Wie kann man sich wehren?

Wer Ärger mit nicht, zu spät, falsch oder anderweitig mangelhaft zugestellten Briefen hat, kann dies der Bundesnetzagentur melden. Je mehr dies geschieht, desto mehr wird das tatsächliche Ausmaß der Unzufriedenheit offenbar. Auch beim Portal Post-Ärger.de der Verbraucherzentralen kann man sich über Probleme mit Brief- und Paketdienstleistungen beschweren.

Der Text gibt den Stand zum Sendungsdatum wieder

Filmautorin: Annika Erbach, Nina Rathfelder | Online: Sola Hülsewig
© SWR Marktcheck

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