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Sandra Kegel, Ressortleiterin im Feuilleton der FAZ ist heute zu Gast im „lesenswert“ Quartett. Zusammen mit den Literaturkritiker*innen Denis Scheck, Insa Wilke und Ijoma Mangold bespricht sie in der Sendung vor Weihnachten vier aktuelle Bücher: Den Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ von Christine Wunnicke und Deniz Ohdes „Streulicht“, die Biografie über Susan Sontag von Benjamin Moser und Manuel Vilas‘ „Die Reise nach Ordesa“.
Aufzeichnung vom 4. November 2020 aus dem Palais Biron in Baden-Baden.

Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

1764: Zwei Männer gestrandet auf einer Insel vor der indischen Küste: ein Deutscher und ein Perser. Beide hatten andere Ziele, sind aufeinander angewiesen und betrachten den Himmel. Ein Loblied auf das produktive Missverstehen.

In Christine Wunnickes neuem Roman "Die Dame mit der bemalten Hand" wird eine historische Figur zum Romanhelden: Carsten Niebuhr, ein Mathematiker, Kartograf und Forschungsreisender wurde 1761 vom dänischen König in eine sechsköpfige Arabien-Expedition berufen und überlebte als einziger. Er strandet im Roman auf einer Insel vor der indischen Küste, die heute als Elephanta bekannt ist. Dort begegnet Niebuhr dem persischen Himmelsforscher Musa al-Lahuri.

„Christine Wunnicke ist eine Autorin, die Interesse hat an filigranen Sprachschöpfungen, die sie an historisch belegbare Begebenheiten knüpft.“

Sandra Kegel in der Sendung „lesenswert“ Quartett

DIE AUTORIN:

Christine Wunnicke, geboren 1966, lebt in München. Sie schreibt Hörspiele, biografische Literatur und Romane. Ihre beiden Romane »Der Fuchs und Dr. Shimamura« (2015) und »Katie« (2017) waren für den Deutschen Buchpreis nominiert (Longlist). Zuletzt wurde sie mit dem Münchner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet (2020). Ihr neuer Roman »Die Dame mit der bemalten Hand« (Herbst 2020) wurde mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis gewürdigt und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Deniz Ohde: Streulicht

"Kellerkind" nennt man sie: Die Ich-Erzählerin von Deniz Ohdes Debüt wächst in einem deutsch-türkischen Arbeiterhaushalt auf. Oft wird das schüchterne Mädchen ausgegrenzt. Dass sie aus Angst schweigt, stigmatisiert sie noch mehr. Die deutsche Klassengesellschaft ohne Aufstiegschancen wird in "Streulicht" in feinen Beobachtungen kenntlich gemacht.

„Deniz Ohde erzählt eine ganz individuelle Geschichte, die gleichzeitig universell wird. … Nicht nur ein besonderer Debütroman, sondern grundsätzlich ein besonderes Buch in dieser Saison.

Insa Wilke in der Sendung "lesenswert Quartett"

Mit ihrem Debüt ist die 1988 in Frankfurt a.M. geborene Schriftstellerin Deniz Ohde auf Anhieb auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gelandet. Diesen Preis hat sie zwar nicht erhalten, aber ein paar andere. Mit „Streulicht“ war sie im Oktober und November auf der SWR Bestenliste.

Inhalt:

„Streulicht“ handelt von der Barriere, die Herkunft und soziale Klasse in unserer Gesellschaft darstellen. Nur wenigen Kindern aus dem Arbeitermilieu gelingt der Aufstieg durch Bildung. Die Ich-Erzählerin im Roman hat es geschafft. Sie kommt aus einer Arbeiterfamilie, die Mutter ist türkisch, der Vater deutsch. In engsten Wohnverhältnissen lebt sie mit Eltern und Großvater zusammen, der Vater ist ein Messi, der Wutanfälle bekommt und die Wohnung zertrümmert, die Mutter zieht aus, kommt aber weiterhin, um alle zu versorgen. Und in all diesem Elend herrscht Sprachlosigkeit.

Deniz Ohde beschreibt unglaublich dicht, detailreich und genau diese Lebensumstände, gleichzeitig gelingt es ihr, die Außenwelt und die innere Verfassung der Figuren zu charakterisieren. Ihr perfekter Sprachstil und die besondere Tonlage haben zumindest drei der vier Quartett-Teilnehmer beeindruckt.

Benjamin Moser: Sontag

Um die Autorin, Regisseurin und Intellektuelle Susan Sontag ranken sich viele Mythen. Benjamin Moser ergründet in dieser umfangreichen Biografie das Leben, Schaffen und die Abgründe der Literaturikone des 20. Jahrhunderts.

Denis Scheck empfand Benjamin Mosers Biographie über Susan Sontag, eine der wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, als echtes Bildungserlebnis, belebt und angereichert mit Klatschgeschichten. Susan Sontag, die 2004 starb, war eine Frau, die keinen kalt ließ: die einen liebten sie, die anderen hassten sie. Sie schrieb Essays über die neue Popkultur, über Krebs, über Photographie oder über AIDS und Erzählungen, wie „Ich“ und „Der Liebhaber des Vulkans“.


„Diese Frau ist wie eine Universität“

Benjamin Moser über Susan Sontag in einem Gespräch mit Denis Scheck

DER AUTOR:


Der 44jährige Historiker und Literaturwissenschaftler Benjamin Moser hat mit „Sontag. Die Biografie“ die erste umfassende Lebensgeschichte der einzigartigen amerikanischen Intellektuellen Susan Sontag geschrieben. Er hat sich durch all ihre Werk durchgearbeitet und hatte als erster Zugang zu ihrem privaten Nachlass. Benjamin Moser wurde für die Biografie mit dem angesehensten amerikanischen Literaturpreis, dem Pulitzer-Preis 2020, ausgezeichnet.

Manuel Vilas: Reise nach Ordesa

Spanien zu Zeiten Francos: Manuel Vilas autobiographischer Roman erzählt vom Aufwachsen in Armut - oft nostalgisch, manchmal bitterböse und immer ehrlich. Als Vilas 50 Jahre später gemeinsam mit seinen Söhnen nach Ordesa - dem Sehnsuchtsort seiner Kindheit - zurückkehrt, ist nichts mehr übrig vom damaligen Glück.

Manuel Vilas Roman - zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt

Der spanische Autor Manuel Vilas, geboren 1962, debütierte als Lyriker bereits 1982. Seinen ersten von bislang sieben Romanen veröffentlichte er 2008. „Die Reise nach Ordesa“ ist sein sechster Roman und wurde in Spanien sein größter Erfolg. Ein Bestseller, mit dem er den internationalen Durchbruch schaffte: das Buch wurde auch ins Deutsche übersetzt.

Für diesen Roman gibt es einen autobiografischen Schreibanlass: 2014 starb Vilas‘ Mutter, gleichzeitig wurde er von seiner Ehefrau verlassen und geschieden. Im Zuge dessen erinnert er sich an das Spanien, in dem er aufwuchs, und das es heute nicht mehr gibt.

„Ich war bei der Lektüre des Buches stark bewegt, aber auch herausgefordert. Es ist in der Form wie in der Tonlage etwas sehr Ungewöhnliches.“

Ijoma Mangold in der Sendung "lesenswert Quartett"

Wo liegt Ordesa?

Ordesa ist ein magischer Ort der Kindheit für den Ich-Erzähler, ein Tal in den Pyrenäen, das im Jahr 1969 ein Ausflugsziel der Familie Vilas war. Fast 50 Jahre später will Manuel Vilas seinen Söhnen den Ort zeigen, an dem er einmal glücklich war. Der Roman hat 157 kurze Kapitel, manche sind nur eine halbe Seite lang. Es handelt sich um bruchstückhafte Erinnerungen, die nur lose verbunden sind und keiner strengen Chronologie folgen. Tod und Vergänglichkeit, Trauerbewältigung, indem man sich erinnert und schreibt. Manuel Vilas streut Fotografien in seinen Text ein, Schnappschüsse ohne Kunstanspruch, banale Alltagssituationen, typische Erinnerungsfotos.

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