lesenswert mit Denis Scheck

Kurt Kotrschal und Christoph Ransmayr

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Er hat Wolfwelpen aufgezogen und zeitweise im Wolfsgehege übernachtet: Kurt Kotrschal gehört zu den weltweit renommiertesten Verhaltensforschern. Mehr als 35.000 Jahre reicht die gemeinsame Geschichte zwischen unseren Vorfahren und den Wölfen zurück, deren domestizierte Verwandte die Hunde sind.
Für die Rubrik "Mein Leben in drei Büchern" hat Bestsellerautor Christoph Ransmayr Bücher von Hans Magnus Enzensberger, Marlen Haushofer und Vladimir Nabokov ausgewählt, über die er mit Denis Scheck spricht und aus denen er kurze Passagen liest.
 

Ein Besuch im Wolf Science Center in Ernstbrunn bei Wien

Denis Scheck besucht den Wolfsexperten und engagierten Artenschützer Kurt Kotrschal. Der renommierte Verhaltensforscher erklärt in seinem neuen Buch "Der Wolf und wir", was ihn an den Tieren fasziniert, die den Menschen seit Urzeiten begleiten. Er erforscht seit fast zwei Jahrzehnten das Wesen von Wölfen und Hunden und ihre ambivalente Beziehung zu uns Menschen.

Ganz verschwunden waren sie aus Europa nie, in jüngster Zeit wachsen ihre Populationen wieder an. Kotrschal sieht die Rückkehr der Wölfe positiv und verweist auf den hohen ökologischen Nutzen. Aber es gibt Ängste und viele illegale Abschüsse.

Ein Buch, das wirklich Wissen vermittelt und Erkenntnis stiftet: unbedingt lesenswert!

Zum Autor:

Kurt Kotrschal wurde 1953 in Linz geboren und studierte Biologie in Salzburg. Er war Nachfolger von Konrad Lorenz am gleichnamigen Forschungsinstitut. 2008 war er Mitbegründer des Wolf Science Center. Inzwischen ist er emeritierter Professor an der Universität Wien. Neben der Wissenschaft ist er heute verstärkt im Artenschutz tätig.

„Differenziertes Wissen zum Wesen der Wölfe erwirbt man im sozialen Umgang, nicht aber indem man sie aus der Ferne beobachtet oder gar auf sie schießt“, stellt Kurt Kotrschal klar. 2011 wurde Kurt Kotrschal ausgezeichnet als österreichischer Wissenschaftler des Jahres.

„Mein Leben in drei Büchern“ mit Christoph Ransmayr

Den österreichischen Bestsellerautor Christoph Ransmayr trifft Denis Scheck in der Wiener Nationalbibliothek. Sein Roman „Der Fallmeister – Eine kurze Geschichte vom Töten“ ist im vergangenen Jahr erschienen.

Nun soll Christoph Ransmayr drei Bücher benennen, die in seinem Leben eine große Rolle gespielt und ihn vielleicht sogar geprägt haben. In der Rubrik „Mein Leben in drei Büchern“ erzählt er, was ihn an Hans Magnus Enzensbergers Buch „Der Untergang der Titanic, an Marlen Haushofers Roman „Die Wand“, der mit Martina Gedeck sehr erfolgreich verfilmt wurde, sowie an den Erzählungen von Vladimir Nabokov so fasziniert. Kurze Lesepassagen aus den Büchern sollen das verdeutlichen.

Hans Magnus Enzensberger: Der Untergang der Titanic

Hans Magnus Enzensberger ist ein wunderbarer Vertreter des poetischen Erzählens.

In seinem 1978 erschienenen Gedichtzyklus inszeniert Hans Magnus Enzensberger in zynisch-ironischem Ton den legendären Untergang des Luxusdampfers, dem größten und modernsten Passagierschiff seiner Zeit, das auf seiner Jungfernfahrt mit einem Eisberg kollidierte und sank.

Enzensberger macht das in einem Langgedicht in 33 poetisch stark verdichteten Gesängen, in die er die gesellschaftspolitischen Debatten der Bundesrepublik der 1970er Jahre hineinprojiziert. Desillusionierung sozialistischer Ideale, RAF-Terrorismus, Wirtschaftskrise, Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung.

Die Erstausgabe erschien 1978, uraufgeführt wurde es 1980 von George Tabori in München, aber danach lange Zeit wenig gespielt. Doch in jüngster Zeit wird Enzensbergers Gedichtzyklus als vorausschauender Text zur Klimakrise wiederentdeckt.

Marlen Haushofer: Die Wand

Christoph Ransmayr hat das Buch dreimal gelesen. Es faszinierte ihn, dass sich die namenslose Frau mit ihrem Hund nicht nur als bloße Gefangene hinter der Glaswand verhält, sondern damit beginnt, in dieser Einsamkeit eine neue Welt zu schaffen, in der es sich leben lässt. Haushofer schreibt mit einer hohen Plausibilität, in einer im besten Sinne schlichten Prosa.

Für mich stand fest: Ich will so schreiben wie Marlen Haushofer!

„Die Wand“ ist der berühmteste Roman der 1920 geborenen österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Der 1963 erstmals veröffentlichte Roman erzählt von einer Frau, die in einem Tal in Oberösterreich durch eine riesige gläserne Wand vom Rest der Welt abgeschnitten wird.

Diese Parabel auf die Einsamkeit wurde allerdings erst in den 1980er Jahren populär: Entdeckt von der Frauenbewegung und der Friedensbewegung. Feministinnen sahen in dem Roman den Entwurf einer radikalen Emanzipation. Die Friedensbewegung wiederum erkannte in Haushofers Buch das Szenario einer postnuklearen Apokalypse. Dann geriet das Buch erneut in Vergessenheit, bis es 2012 in einer Verfilmung mit Martina Gedeck in der Hauptrolle auf die Berlinale und in die Kinos kam.

Vladimir Nabokov: Der neue Nachbar; Erzählungen 1925 - 1934
Daraus: Ein Ehrenhandel (1927)

Christoph Ransmayr sieht in Nabokovs Erzählband ein virtuoses Werk, getragen durch die Vielfalt der Stimmungen. Er bewundert Nabokovs (Selbst-)Ironie und seinen hoch gebildeten Humor.

Ransmayr hat sich eine der frühen Erzählungen Nabokovs ausgesucht, die der Autor in Berlin geschrieben hat.

Nabokov kam im Spätsommer 1922 nach Berlin, vorher hatte er in Cambridge studiert. Die Umstände seines Umzugs waren tragisch: Sein Vater, bis zur Oktober-Revolution Abgeordneter der Liberalen, war am 28. März bei einem Attentat getötet worden. - Vladimir Nabokov blieb 15 Jahre in Berlin, bis er vor den Nationalsozialisten zunächst nach Frankreich und dann in die USA emigrierte. In Berlin wurde er jedoch zum Schriftsteller! Hier lernte er auch seine spätere Frau Vera Slonim kennen und sein Sohn Dmitri wurde hier geboren.

Zum Autor:

Christoph Ransmayr wurde1954 in Oberösterreich geboren. Er studierte Philosophie und Ethnologie in Wien. Er arbeitete als Kulturredakteur der Wiener Monatszeitschrift Extrablatt und als freier Reisereporter u.a. für Geo und Merian. Seit 1982 ist er freier Schriftsteller und lebt abwechselnd in Wien und West Cork, im Südwesten Irlands.

Mit seinen Romanen „Die letzte Welt“ und „Morbus Kitahara“ wurde er international anerkannt. Es folgten viele weitere Werke, u.a. „Der fliegende Berg“, „Atlas eines ängstlichen Mannes“ und zuletzt „Der Fallmeister“. Christoph Ransmayr erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Er reist viel und bezeichnet sich selbst als „Halbnomade“.

Buchkritik Familiendrama um Schuld, Vergebung und Inzest – Christoph Ransmayrs Roman „Der Fallmeister“

Das Archaische und das Apokalyptische verbindet Christoph Ransmayr in seinem neuen Roman „Der Fallmeister“, einer todesdunklen Familiengeschichte, in der das Wasser als lebensspendende und zerstörende Kraft zum Leitmotiv wird.
S. Fischer Verlag, 220 Seiten, 22 Euro
ISBN: ISBN: 978-3-10-002288-2  mehr...

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Büchersendung lesenswert mit Denis Scheck

In der Büchersendung „lesenswert“ im SWR Fernsehen stellt Denis Scheck Autoren und ihre Bücher im Gespräch vor.  mehr...

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