lesenswert mit Denis Scheck

Gespräche mit Jenny Erpenbeck und Juli Zeh

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Jenny Erpenbeck ist eine Autorin der leiseren Töne. Für poetische, immer kitschfreie Metaphern hat sie das absolute Gehör. Im kleinsten Detail kann sie die große Geschichte sichtbar machen. Das 20. Jahrhundert mit seinen Katastrophen und Hoffnungen und Katastrophen ist ihr Schreibhorizont. Jetzt, im neuen Roman „Kairos“, spiegelt sich in einer leidenschaftlichen amour fou der Untergang der DDR.

Ein mitreißender Roman über das Ausgesetztsein in der Liebe und den richtigen Moment im Leben.

Jenny Erpenbecks neuer Roman „Kairos“ ist benannt nach dem Gott des günstigen Augenblicks. War die Begegnung zwischen der 19-jährigen Katharina und dem 34 Jahre älteren Hans, verheiratet, ein bekannter Schriftsteller und Frauenheld, wirklich so ein „günstiger Augenblick“? Die beiden sind ein ungleiches Paar. Als sie sich begegnen, fühlen sie sich magisch voneinander angezogen…

Denis Scheck hat sich mit der Regisseurin und vielfach preisgekrönten Schriftstellerin in Berlin an einem der Orte Ihres Romans getroffen.

„Erfahrungen kann man nicht durch Erzählungen ersetzen.“

Zur Autorin:
Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Ost-Berlin geboren und stammt aus einer Schriftstellerfamilie. Sie debütierte 1999 mit "Geschichte vom Alten Kind". Daraufhin folgten zahlreiche Veröffentlichungen, darunter Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis, dem Independent Foreign Fiction Prize und dem Thomas-Mann-Preis. Der Guardian nahm ihren Roman „Heimsuchung“ (2008) in die Liste der 100 besten Bücher des 21. Jahrhunderts auf. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ist Jenny Erpenbeck auch als Regisseurin tätig und inszeniert Aufführungen für Oper und Musiktheater. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Schecks Anti-Kanon: Friedrich Schiller – Würde der Frauen

Denis Scheck hat sich vorgenommen, die in seinen Augen schlechtesten Bücher der Weltgeschichte zu lesen und einen persönlichen Anti-Kanon aufzustellen: „Texte gibt’s, die sind so eng, unbequem und kratzig wie ein zwei, drei Nummern zu kleine Pullover aus Schafswolle. Statt Spielräume zu erweitern, Denkräume zu eröffnen, Freiräume zu schaffen, schnüren sie ihre Leserinnen und Leser ein in ein Netz von Binsenweisheiten, Klischees und Konventionen. So ein Text ist Friedrich Schillers Gedicht Würde der Frauen“ – so sein Urteil.

Reiten und Streiten mit Juli Zeh und Denis Scheck

Beim Ausritt in Brandenburg ist der neue Essay-Band "Sensibel - Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren" von Svenja Flaßpöhler in der Satteltasche dabei. In diesem Buch befasst sich die Philosophin und Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“ mit der Rolle der Sensibilität, die, so Flaßpöhlers Diagnose, vom Progressiven ins Regressive zu kippen droht.

Definitiv eine lohnende Lektüre!

Aus philosophischer Perspektive erzählt Svenja Flaßpöhler die Geschichte des sensiblen Selbst und stellt sich den zentralen Fragen unserer Zeit. Einerseits ist Sensibilität ein Fortschritt, weil Menschen sich miteinander solidarisieren, andererseits gilt sie als Gegensatz zur Widerstandskraft – und damit als Schwäche.

Und die zunehmende Sensibilisierung führt bei vielen zu neuen Unsicherheiten: Wo liegen die Grenzen des Sagbaren? Wann wird aus einer Berührung eine Belästigung? Wissenschaftlich fundiert und zugleich unterhaltsam durchleuchtet die promovierte Philosophin dialektisch die Sensibilität und resümiert, dass die Zukunft nur im Zusammenspiel von Sensibilität und Resilienz gemeistert werden kann.

Gespräch Svenja Flaßpöhler über ihr Buch „Sensibel“ - Sensibilität und Resilienz gehören zusammen

Dass Menschen sensibler werden für eigene und fremde Grenzen, dass wir vorsichtiger miteinander umgehen, das sei auf jeden Fall erstmal ein Zeichen von zivilisatorischem Fortschritt, sagt die Philosophin und Autorin Svenja Flaßpöhler in SWR2. Aber derzeit würde man eben erleben, dass das Progressive der Sensibilität umkippe in eine Regression, also eine zerstörerische Kraft, weil – so scheint es – die Sensibilität uns nicht mehr verbinde, sondern die Gesellschaft zersplittere.
Sensibel zu sein für subtile Arten von Sexismus und Rassismus sei erstmal gut. Aber es gebe einen Punkt, wo man fragen könnte, ob nicht einfach nur noch jede Sensibilität eine neue Sensibilität hervorbringe. „Und deshalb plädiere ich dafür, dass wir nicht nur gucken müssen, dass wir sensibel miteinander umgehen, sondern dass wir tatsächlich auch die Widerstandskraft, die ja immer so als Gegensatz zur Sensibilität begriffen wird, dass wir diese Widerstandskraft ins Bündnis bringen mit der Sensibilität.“
In einer freiheitlichen Gesellschaft seien persönliche Krisen und Verletzungen unvermeidbar. „Die Resilienz rechnet damit, dass das passieren wird und ermächtigt uns eben dann, damit umzugehen," sagt Flaßpöhler.
Von Svenja Flaßpöhler erscheint heute das Buch „Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenze des Zumutbaren“, ein Buch zur aktuellen Debatte, wie wir miteinander umgehen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Buchkritik Jenny Erpenbeck – Kairos

Kairos, das ist der Gott des glücklichen Augenblicks. Einen solchen erleben Katharina und Hans 1986 in Ost-Berlin, als sie sich kennenlernen. Die 34 Jahre Altersunterschied scheinen sie nicht zu stören. Sechs Jahre lang kommen sie nicht voneinander los, während sich die DDR im Niedergang befindet. Jenny Erpenbecks „Kairos“ stellt die Erzählung der Wiedervereinigung als historischen Glücksmoment in Frage – dafür muss man beim Lesen viel amourösen Pathos aushalten.
Rezension von Kristine Harthauer.
Penguin Verlag, 384 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-328-60085-5  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Büchersendung lesenswert mit Denis Scheck

In der Büchersendung „lesenswert“ im SWR Fernsehen stellt Denis Scheck Autoren und ihre Bücher im Gespräch vor.  mehr...

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