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Technik, die Autodiebe begeistert Wie "Keyless Go" es Verbrechern leicht macht

Kriminalreport Südwest

Der moderne Autodieb braucht nur noch technisches Knowhow und das passende Gerät. Kriminalreport Südwest zeigt in einem Experiment, wie einfach Diebe Sicherheitslücken nutzen können.

Siegfried Blank wird nachts von Motorengeräuschen geweckt. Als er zum Fenster geht, sieht er seinen Sportwagen davonfahren. Er ruft die Polizei und hat Glück. Die Beamten können die Diebe ein paar Straßen weiter stoppen. Das Opfer bekommt sein Fahrzeug nach der Beweisaufnahme wieder zurück.
"Man sieht sein Auto wegfahren, man ist aber völlig machtlos, man kann überhaupt nichts machen. Ich wäre am liebsten auf die Straße, wäre hinterhergelaufen. Ich war auch auf der Straße im Schlafanzug. Aber, es ist schon irgendwie ein ganz komisches Gefühl der Machtlosigkeit", sagt Blank.

Sicherheitslücke bei Keyless Go

Die Täter hatten es bei ihm so einfach, da das Fahrzeug über Keyless Go verfügt, ein schlüsselloses Zugangssystem. Bei Keyless Go sendet das Fahrzeug konstant ein Funksignal aus. Der Fahrzeugschlüssel enthält einen Chip, der dem Signal des Fahrzeugs antwortet, wenn er in der Nähe ist. In der Regel öffnet sich das Fahrzeug, wenn der Schlüssel näher als 1,5 Meter am Fahrzeug ist. Früher wurde diese Technik nur in Premiumfahrzeugen verbaut, heute ist sie auch häufig in Mittelklassewagen integriert.

Doch Keyless Go ist angreifbar. Siegfried Blank hatte sein Fahrzeug in der Einfahrt geparkt und den Schlüsselchip im Haus abgelegt - das Fahrzeug war ordnungsgemäß verschlossen. Die Diebe nutzten einen Reichweitenverlängerer, mit dem sie das Signal des Schlüssels, der in der Nähe der Haustür lag, auffingen. Das Signal leiteten sie dann zu einem zweiten Gerät weiter, das sich neben dem Fahrzeug befand. Es gaukelte dem Auto vor, der richtige Schlüssel zu sein. Das Fahrzeug öffnete für die Diebe die Türen und ließ sich durch den Schwindel auch starten. So können die Verbrecher ganz ohne Gewalteinwirkung ein Auto stehlen.

Gestohlene Fahrzeuge in Einzelteile zerlegt

Wenn geklaute Fahrzeuge wieder auftauchen, dann oft nur in Einzelteilen, wie bei einem aktuellen Fall aus Karlsruhe. Hier waren die Kriminalpolizei, das LKA Baden-Württemberg und Europol nach monatelanger Zusammenarbeit am Ende erfolgreich. Ihnen gelang ein großer Schlag gegen eine professionelle Bande von Autodieben. "Wir haben es hier mit international agierenden Banden zu tun, über mehrere Grenzen, nicht nur europäische Grenzen hinweg. Die als kriminelle Vereinigung zu werten sind und die damit sehr viel Profit machen", sagt Thomas Rüttler, Chef der Kriminalpolizei Karlsruhe. Fünf Tatverdächtige sitzen derzeit in Haft. Sie sollen beim Diebstahl von mindestens 80 Fahrzeugen deutschlandweit beteiligt gewesen sein. Alle diese Fahrzeuge waren mit Keyless Go ausgestattet.

Auf einer Karte von Ochtendung in Rheinland-Pfalz sind zwei Tatorte im Theodor-Heuß-Ring sowie in der Dr. Albert-Schweitzer-Straße hervorgehoben. (Foto: Google Earth/ SWR -)
In der Nacht haben die Männer an zwei Orten versucht, Fahrzeuge zu stehlen. Google Earth/ SWR -

"Die Fallzahlen sind exorbitant in die Höhe gegangen, das ist ähnlich, ich nenne es mal so, eines Heuschreckenschwarms fallen die Täter über Gebiete her, räumen das aus und ziehen weiter", sagt Rüttler. Die Fahrzeuge haben die Täter zerlegt, um nach dem Raub das Entdeckungsrisiko zu minimieren. Die Einzelteile gehen dann in Überseecontainern von Bremerhaven ins Ausland. Die Abnehmer der gestohlenen Luxusfahrzeuge hätten in diesem Fall im Libanon und den Arabischen Emiraten gesessen. "Mir ist gesagt worden, dass die aus einem solchen Fundus von Einzelteilen innerhalb von vier Tagen ein neues, hochklassiges Luxusauto wiederherstellen können", sagt Rüttler.

Diebstahlversuch in Ochtendung bei Koblenz

Auch zwei Täter in Ochtendung bei Koblenz gehören vermutlich zu einer deutschlandweit agierenden Bande. Normalerweise gibt es bei Keyless Go Einbrüchen keine Spuren, doch bei dieser Tat lief zufällig eine private Überwachungskamera mit. Die Täter vermuten, dass der Schlüssel im Eingangsbereich des Hauses liegt. Einer der Täter will das Signal auffangen und zu seinem Komplizen neben dem Fahrzeug weiterleiten. Aber sie können das Auto nicht knacken, da es nicht über Keyless Go verfügt. Die Täter versuchen in der Nacht noch ein zweites Fahrzeug zu stehlen - ebenfalls erfolglos.

Die Polizei fahndet nun nach Zeugen und bittet um Mithilfe. Am Mittwoch den 29. August 2018 unternahmen die Männer den ersten Diebstahlsversuch gegen 3 Uhr in der Dr. Albert-Schweitzer Straße. Einer der Männer ist dabei auf dem Video besonders gut zu erkennen. Er ist zwischen 20 und 25 Jahre alt und auffallend schlank. Er hat dunkle, kurze Haare mit ausgeprägten Geheimratsecken. Eine halbe Stunde später wurde das Duo beim zweiten Versuch, ein Auto zu entwenden im Theodor-Heuss-Ring von einer Videokamera aufgenommen. Hinweise bitte an die Polizei Mayen unter 02651/ 8010.

So schützen Sie sich vor den Dieben

Damit Diebe Ihr Keyless Go Fahrzeug nicht stehlen können, müssen Sie verhindern, dass das Signal des Schlüsselchips aufgefangen werden kann. Das geht zum einen mit speziellen Schlüsseltaschen, die das Signal des Schlüssels absorbieren. Sollten Sie keine solche spezielle Tasche haben, können Sie den Schlüssel in mehrere Lagen Alufolie einwickeln. Auch diese blockiert das Signal.

Um zu überprüfen, ob die Alufolie oder die Tasche wirklich funktionieren, stellen Sie sich am besten mit dem verpackten Schlüssel neben ihr Fahrzeug. Lässt es sich nicht öffnen, werden die Funkstrahlen von der Tasche oder der Folie absorbiert. Ihr Auto ist dann sicher.

Ein Mann steht auf einem Parkplatz und hält eine kleine Tasche für Schlüssel in der Hand. (Foto: SWR, SWR -)
Sicherheitsexperte Udo Hagemann zeigt eine Tasche für Keyless Go Schlüssel. SWR -

Die Polizei rät dazu, den Keyless Go-Schlüssel nicht in der Nähe der Haustüre abzulegen, denn dort vermuten die Diebe den Schlüssel. Zusätzlich empfehlen die Beamten, auch zu Hause das Signal durch Alufolie oder spezielle Taschen abzuschirmen. Auf öffentlichen Parkplätzen rät die Polizei zu erhöhter Wachsamkeit. Personen mit Aktenkoffern, die in unmittelbarer Nähe zu ihnen oder ihrem Fahrzeug stehen, könnten professionelle Autodiebe sein. In den Taschen verstecken sie ihre Technik.

Am sichersten sind Sie natürlich, wenn sie komplett auf Keyless Go verzichten. So können Sie verhindern, dass die Zusatzausstattung in ihrem Fahrzeug nicht den Dieben in die Hände spielt. Bei der Autobestellung können Sie auf die Technik verzichten. Aber auch die Autohersteller machen Fortschritte. In einem Test des ADAC konnte der Land Rover Discovery (Modelljahr 2018) nicht geknackt werden. Der Hersteller verbaut ein neuartiges Keyless Go-System.

Der Text gibt den Stand zum Sendungsdatum wieder

Filmautor: Marco T. Gündel | Online: Thomas Oberfranz
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