Jobabbau durch Digitalisierung Mindestens fünf Millionen Stellen in Gefahr

Überall werden Kunden und Beschäftige aufgefordert, digital mitzuarbeiten. Die Folge: Im Finanzsektor findet zurzeit ein massiver Stellenabbau statt, und das ist erst der Anfang.

Ein Mann tippt am Arbeitsplatz auf seinem Smartphone. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Durch Digitalisierung sind auch im Dienstleistungssektor immer mehr Jobs in Gefahr. Thinkstock -

Rund 20.000 Arbeitsplätze sind vergangenes Jahr allein im privaten Bankgewerbe wegfallen. Auch in der Versicherungswirtschaft werden zunehmend Jobs gestrichen. Bei der Allianz fallen in den nächsten drei Jahren beispielsweise 700 Vollzeitstellen weg. Hauptgrund für den Jobabbau im Finanzsektor ist die zunehmende Digitalisierung.

Erfolgreiche App hat Folgen für die Mitarbeiter

Eine Frau sitzt mit einer Kreditkarte vor einem Notebook (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Immer Menschen erledigen ihre Bank- und Versicherungsgeschäfte online. (Symbolbild) Thinkstock -

Bei der Debeka, Deutschlands größter Privat-Krankenkasse, nutzen schon rund 300.000 Versicherte eine App, um Rechnungen einzusenden. Was sie machen müssen, wird in einem kurzen Video erklärt. Dann kann der Versicherte einfache Sachbearbeiteraufgaben selbst erledigen.

Von dem Erfolg der App war die Debeka selbst überrascht. Innerhalb eines Jahres ist das normale Aufkommen an Rechnungen per Post um 40 Prozent gesunken. Dies hat Folgen für die 3.800 Mitarbeiter in der Debeka-Konzernzentrale in Koblenz.

Einfache Tätigkeiten werden wegfallen

Symbolbild zur elektronischen Akte (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Die Digitalisierung von Rechnungen und Schriftverkehr spart Bearbeitungszeit - und letztlich Mitarbeiter. Thinkstock -

Zwar fallen laut Debeka-Sprecher Christian Arns zunächst keine Stellen weg. Die Digitalisierung spare der Krankenkasse bei den Rechnungen jedoch Bearbeitungs-Zeit, wodurch sie wiederum das nächste Projekt, die Digitalisierung des gesamten Briefverkehrs, vorantreiben könne. Auf Dauer wird die Versicherung dadurch auch Personal einsparen können.

16.000 Menschen arbeiten derzeit bundesweit für die Debeka. Das Traditionsunternehmen gilt als sicherer Arbeitgeber, und momentan werden 70 IT-Mitarbeiter gesucht. Sprecher Christian Arns rechnet aber mit Veränderungen: "Sicherlich werden einfache Tätigkeiten mittel- oder langfristig wegfallen, aber es gibt eben auch andere Arbeitsgebiete, bei denen immer noch Arbeit vorhanden ist. Deswegen lässt sich da auch gar keine Zahl nennen."

Laut Schätzungen zwischen fünf und 18 Millionen Jobs in Gefahr

Forschungsinstitute überbieten sich seit Jahren mit ihren Prognosen darüber, wie viele Arbeitsplätze in Deutschland durch die Digitalisierung in Gefahr sind. Bei fünf Millionen Stellen fangen die Schätzungen an, bei 18 Millionen von Software und Maschinen bedrohte Jobs hören sie auf.

Mitarbeiter fühlen sich verpflichtet, immer erreichbar zu sein.

Ein Mann in Anzug sitzt in einem Büro an seinem Schreibtisch und schaut auf sein Smartphone. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Ständige Verfügbarkeit führt zu mehr Stress bei Mitarbeitern. Thinkstock -

Dennis Dacke, Sprecher der Gewerkschaft Verdi in Rheinland-Pfalz, sieht schon jetzt riskante Entwicklungen durch neue Techniken. Manche Chefs würden ihre Angestellten über Tablets oder Smartphones orten und ihre Leistungen überwachen. Viele Mitarbeiter fühlten sich verpflichtet rund um die Uhr erreichbar zu sein.

Das führe sogar soweit, dass immer weniger Beschäftigte zusammenhängenden Urlaub nehmen würden, sondern nur noch maximal eine Woche am Stück - aus Angst, ansonsten ihrer E-Mail-Flut nicht mehr Herr zu werden. "Da geht Digitalisierung auch jetzt schon in die falsche Richtung", so Dennis Dacke.

Manche Firmen fahren neuerdings abends ihre Server runter, um Mitarbeiter vor sich selbst zu schützen. Die Gewerkschaft findet dies vom Prinzip her richtig, aber auch erschreckend. Es zeige, wie groß der Druck durch die Digitalisierung bereits geworden sei.

Petra Thiele, SWR Wirtschaft und Soziales | Online: Stefan Heinz

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