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Gerade jetzt in Pandemiezeiten machen sich viele Menschen Gedanken um die großen Fragen, auch Weltanschauungsfragen genannt. Wer sich der Sinnsuche stellt, kann etwa in neureligiösen Gruppen Antworten darauf finden.

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Das ist so lange in Ordnung, bis es den Anhängern auf irgendeine Weise schadet. Es gilt auf Warnsignale zu achten. So sollten die Gruppenmitglieder in ihrer Freiheit nicht eingeschränkt werden. Und sie sollten jederzeit die Möglichkeit haben, aus der Gruppe auch wieder auszutreten.

Darum erscheinen neureligiöse Gemeinschaften attraktiv

Grundsätzlich können neureligiöse Gemeinschaften für jeden interessant sein, der auf der Sinnsuche ist. Doch es sind vor allem Menschen in schwierigen Lebenssituationen, für die die Gemeinschaften attraktiv sind, weiß man bei der Beratungsstelle "sogenannter Sekten und neureligiöser Gruppen" in Rheinland-Pfalz.

Susanne Kros von der Beratungsstelle sogenannter Sekten und neureligiöser Gruppen in Rheinland-Pfalz (Foto: SWR)
Susanne Kros von der Beratungsstelle sogenannter Sekten und neureligiöser Gruppen in Rheinland-Pfalz kennt die Problematik.

"So eine Gruppe verschafft im ersten Moment sehr viel Sicherheit. Es gibt ein Stück Orientierung in unsicheren Zeiten."

Viele Gruppen würden es auch bewusst darauf ansetzen, sagt Eckard Türk, Sekten und Weltanschauungsbeauftragter des Bistums Mainz. Das Gefühl, 'Auf Dich haben wir gewartet, Du würdest uns sehr bereichern' werde vermittelt. "Und dann gibt es so ein sukzessives Hineinwachsen."

Hier liegt das Risiko bei neureligiösen Gemeinschaften

Kritisch ist es vor allem dann, wenn Gemeinschaften viel Geld von ihren Mitgliedern verlangen. Darauf weist Susanne Kros auch in ihren Beratungen hin: "Da sage ich: 'Bitte aufpassen, das ist zu teuer!'."

Es gibt aber auch inhaltliche Merkmale von neureligiösen Gruppen, die problematisch sind, sagt Eckard Türk. Wenn zum Beispiel sehr stark mit Ängsten gearbeitet werde im Sinne von: "'Wenn Sie diese Gruppe verlassen, dann ist das ihr Ende!'"

Eckard Türk, Sekten- und Weltanschauungsbeauftragter des Bistums Mainz  (Foto: SWR)
Eckard Türk ist der Sekten- und Weltanschauungsbeauftragte des Bistums Mainz.

Auf diese Weise können Angehörige reagieren

Es sind vor allem Angehörige, die bei den Beratungsstellen von Susanne Kros und Eckard Türk nach Antworten suchen. Und zwar dann, wenn sie sich Sorgen um jemanden machen, der sich einer neureligiösen Gemeinschaft angeschlossen hat. Wer das Gefühl hat, die Gruppe tut dem Angehörigen nicht gut, muss sensibel sein, meint Susanne Kros: "Ich versuche immer zu vermitteln, dass sie zum einen kritisch nachfragen sollen, aber auf der anderen Seite auch nicht zu stark, weil ich dann beobachte, dass auf der anderen Seite der Kontakt zu Familie oder Freunden gänzlich abgebrochen wird."

Für Eckard Türk ist es wichtig, an der Stelle anzusetzen, an der der oder die Angehörige in der Gruppe nach Antworten gesucht hat, d.h. "mit denselben Mitteln die Themen anzusprechen, die in der Gruppe angesprochen werden: 'Ich habe so ähnliche Fragen, ich würde auch gerne Sicherheit gewinnen, erzähl mal, wie siehst du das?‘" So könne man den Gesprächsfaden aufrechterhalten.

So sieht das Spektrum in Rheinland-Pfalz aus

Auch wenn sie eine der bekanntesten neureligiösen Gruppen ist - Scientology spielt in Rheinland-Pfalz kaum noch eine Rolle. Die selbsternannte Kirche stammt aus den USA und gibt vor, den einzigen Weg für das Überleben einzelner Menschen oder der gesamten Menschheit zu kennen.

Bekannt ist auch die religiöse Gemeinschaft Zeugen Jehovas, deren Aufgabe es ist, so viele Menschen wie möglich von ihrem Glauben zu überzeugen. Sie glauben, dass nur wer sich ihnen anschließt, einen drohenden Weltuntergang, den Harmagedon, überleben wird. Es sind jedoch vor allem kleinere Gemeinschaften, die im Land präsent sind, sagt Susanne Kros:

"Die überwiegende Anzahl der Gruppen in Rheinland-Pfalz bewegt sich im Spektrum der christlichen Sondergemeinschaften oder christlich-fundamentalistischen Gruppen. Aber es gibt auch esoterische Angebote, Angebote von Geistheilern."

Darum hat sich der Sektenbegriff gewandelt

Der Begriff Sekten polarisiert. Er war vor allem in den 1990-er Jahren Thema. Da machten Scientology-Aussteiger und Aussteigerinnen Schlagzeilen. Ein aktuelleres Beispiel liefert ein Mordfall im Jahr 2019, der sich in Passau abspielte, die sogenannten Armbrust-Toten. Sie sollen einer sektenähnlichen Gruppe angehört haben:

Ursprünglich wurde das Wort Sekte wertneutral gebraucht. Gemeint war eine Gruppe, die die gleiche Überzeugung hat. Heute ist das anders. Susanne Kros von der Beratungsstelle sogenannter Sekten und neureligiöser Gruppen in Rheinland-Pfalz versucht den Begriff ganz zu meiden:

"Er ist eben deswegen umstritten, weil er sehr negativ besetzt ist, und man dieser Unterschiedlichkeit, die es in Deutschland oder in Rheinland-Pfalz gibt, nicht unbedingt gerecht wird."

In der Wissenschaft hat sich deshalb der Begriff neureligiöse Gemeinschaften durchgesetzt. Für Eckard Türk, Sekten- und Weltanschauungsbeauftragter des Bistums Mainz, hat der Begriff Sekte heute vor allem eine Funktion oder Bedeutung: "Das, was Menschen sich da an Heil oder Gesundheit oder Glück erhoffen, tritt nicht ein. Sie werden manipuliert, ausgebeutet ."

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