STAND

Abstand halten - social distancing - ist schwer zu ertragen, besonders für Alleinstehende. Wer an seiner Einsamkeit leidet, sollte sich um Austausch bemühen. Wer daran verzweifelt, braucht Hilfe.

Video herunterladen (12 MB | MP4)

Seit dem Frühjahr wissen wir, was eine Kontaktsperre heißt: Von treffen mit mehreren Haushalten und von dem Besuch unter Familienmitgliedern wird abgeraten. Gerade im dunklen Monat November wird das für alle schwierig, viele Menschen leiden, fühlen sich einsam. Schon im Frühjahr hatte eine Koblenzerin dagegen ein gutes Rezept - miteinander reden. Am Deutschen Eck bot sie Gespräche an, viele Menschen nahmen das gerne an.

Damals hat sie beobachtet, dass sich viele wegen der Kontaktbeschränkungen einsamer fühlen. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass die Menschen gerade jetzt jemanden brauchen, der ihnen zuhört und ihre Sorgen ernst nimmt. Alle Altersstufen nähmen dieses Angebot wahr, Frauen mehr als Männer, so ihre Beobachtung.

Während die Frauen lieber erst mal plauschten und dadurch dann langsam in die Gefühlsebene kämen, würden die Männer lieber konkrete Probleme wie den Arbeitsplatzverlust wegen Corona besprechen.

Frauenzimmer in der Koblenzer Altstadt (Foto: SWR)
Die Seelsorgerin Jutta Lehnert verlagert nun ihr Angebot nach drinnen, hat dafür extra eine hochwertigen Luftfilter-Anlage gekauft. Im Koblenzer "Frauenzimmer" in der Altstadt ist sie für Einzelgespräche da.

Darum fühlen sich jetzt nicht nur Alleinstehende einsamer

Gerade Alleinstehende und Singles treffen die Kontaktbeschränkungen hart. Wegen Home-Office und ausfallender Freizeitaktivitäten sind sie viel für sich und oft auch einsam.

Doch auch Menschen, die mit ihrem Partner oder der Familie zusammenleben, können sich gerade jetzt einsam fühlen, so der Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin der Unimedizin Mainz, Professor Manfred Beutel. Die meisten Menschen hätten mehrere soziale Netzwerke:

  • einen engen Kreis mit Partnern, Familie und besten Freunden,
  • einen mittelgroßen Kreis von Menschen mit denen wir oft Zeit verbringen
  • und einen weiteren unverbindlichen Kreis von Bekannten.

Doch keines dieser sozialen Netzwerke könne ein anderes ersetzen, so Professor Beutel. Wenn man wie jetzt in der Corona-Krise darauf angewiesen sei, alle sozialen Bedürfnisse mit dem Partner oder der Familie zu stillen, könne dies zu Spannungen führen, die die Beziehung belasten und somit das Einsamkeitsgefühl noch verstärkten.

Kinder und Jugendliche leiden unter den Kontaktsperren besonders, da sie den Austausch mit Gleichaltrigen brauchen, selbst wenn sie in ihren Familien gut aufgefangen werden, aber erst recht, wenn es in den Familien keinen emotionalen Rückhalt oder mehr Stress als sonst gibt. Auch für sie ist es wichtig, Kontakte zu Freunden und Klassenkameraden zu halten, sei es telefonisch oder über Videochats. Der Austausch oder auch das gemeinsame Spielen kann gegen Einsamkeitsgefühle helfen.

Das kann man gegen die Einsamkeit tun

Um nicht in ein Loch zu fallen, empfehlen Psychologen trotz Home-Office und fehlender Termine die Alltagsroutinen beizubehalten wie:

  • den Wecker zu stellen,
  • sich wie fürs Büro oder Ausgehen zu kleiden,
  • mit Terminen den Tag zu strukturieren.

Das gebe ein Gefühl von Normalität.

Der Psychotherapeut Prof. Manfred Beutel rät, zu überlegen was einem selbst Freude bringt und das dann auch wirklich zu tun. Wer sich einsam fühle, solle dieses Gefühl nicht verdrängen, sondern sich damit auseinandersetzen, also die Einsamkeit wahrnehmen, sie sich eingestehen und dann auch angehen.

Familie vor dem Laptop (Foto: SWR)
Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Digitale Treffen sind eine gute Alternative, wenn man sich nicht face-to-face treffen kann.

Dabei kann man sich fragen: Wer hat mir gutgetan? Wen vermisse ich? Und sich dann ans Telefon oder den Computer setzen und diese Person anrufen. Reden, miteinander sprechen und in Kontakt bleiben sei gerade in dieser schwierigen Zeit unersetzlich.

Auch wenn Umarmungen und Körperkontakt leider nicht gehen, können wir uns sehen. Dank Videotelefonie kann man sich mit Freunden austauschen, seinen Frust los werden oder einen lustigen Abend verleben. Dafür gibt es im Internet immer mehr Möglichkeiten: von der Weinprobe über das Sporttraining bis hin zum Spieleabend. Gemeinsam lachen hilft immer.

So kann man anderen helfen

Jutta Lehnert hat die Erfahrung gemacht, dass es den meisten Menschen sehr hilft, wenn ihnen jemand zuhört. Sie rät, sich ganz auf das Gegenüber einzulassen, wirklich die Stimmungen des Gesprächs wahrzunehmen. Und die Sorgen des anderen ernst zu nehmen, auch wenn man sie nicht teilt. Dies helfe gerade Menschen, die sich einsam fühlen ungemein.

Der Mainzer Psychotherapeut Prof. Manfred Beutel ist überzeugt, dass es uns auch selbst guttut, wenn wir Verantwortung für andere übernehmen. Anderen zu helfen sei ein guter Weg aus Isolation und Einsamkeit. Ein Weg, der sich für beide Seiten auszahle: sowohl für die Menschen die Hilfe bekommen oder bei denen man sich meldet als auch für einen selbst, weil man eine Aufgabe hat und meist etwas Positives wie Dank zurückbekommt

Diese Anlaufstellen gibt es

Eine Übersicht zur Bürgerhilfe in Rheinland-Pfalz bietet das Sozialministerium auf seiner Internetseite. Auch hier gibt es Gesprächsangebote.

Der Psychotherapeut Prof. Manfred Beutel rät, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn die Einsamkeit anhält und man sich immer mehr zurückzieht, keine Kontakte mehr sucht.

Psychosomatische Kliniken haben häufig eine telefonische Sprechstunde und auch die Telefonseelsorge ist für alle da, denen es nicht gut geht oder die einfach mal reden wollen.

Für Kinder und Jugendliche gibt es spezielle Hilfsangebote, wie etwa den Kinderschutzbund vor Ort und die Nummer gegen Kummer, aber auch andere:

Fazit

STAND
AUTOR/IN